GastbeitragWichtig ist der Kunde, nicht die Coolness

Die Digitalisierung hält überall Einzug, aber entscheidend ist der Nutzen für die Kunden
Die Digitalisierung hält überall Einzug, aber entscheidend ist der Nutzen für die KundenGetty Images

Georg Stawowy
Georg Stawowy ist Vorstand für Technik und Innovation der LAPP Holding AG, einer Unternehmensgruppe im Bereich der Verbindungstechnologie

Fast jeden Tag bekomme ich Einladungen zu Konferenzen, Vorträgen, Messen, die sich mit Digitalisierung beschäftigen. Manchmal habe ich den Eindruck, es gebe keine anderen Zukunftsthemen mehr. Dort höre ich so genannten Visionären und Evangelisten zu, für die es nur Schwarz oder Weiß zu geben scheint: Digitalisiere und zwar alles und sofort oder verschwinde. Doch wenn die Mikrofone ausgeschaltet sind, zeigt sich ein anderes Bild: Dann machen sich zahlreiche Kollegen Luft und beklagen einen Digitalismus, der wenig bringt – weder uns noch unseren Kunden.

Nur wenige sagen so etwas öffentlich, denn man möchte ja nicht rückständig wirken oder als Bremser dastehen. Das trifft auf uns und viele andere Unternehmen in Deutschland aber ohnehin nicht zu. Die deutschen Mittelständler und Familienunternehmen sind hoch innovativ und nach meinem Eindruck bei der Digitalisierung gut unterwegs. Alle wissen, dass sich unsere Welt durch die Digitalisierung grundlegend verändert. Das ist aber kein Grund zu Aktionismus. Eine App entwickeln oder Daten sammeln klingt zwar cool, ist aber noch keine Garantie für eine erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens – vor allem, wenn man nur der Herde folgt und sich nicht überlegt hat, was man erreichen und welchen Nutzen man schaffen will. Coolness ist für uns kein Maßstab, sondern allein der Kunde.

Digitalisierung – nur Mittel zum Zweck

Dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, kann man am besten an Amazon sehen: Viele sehen darin ein leuchtendes Vorbild in Sachen Digitalisierung. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist Amazon ein Logistik-Gigant. Bei Amazon bestellen wir nicht, weil uns der Webshop so gefällt, sondern weil es das Unternehmen fast immer schafft, auch die unmöglichsten Dinge innerhalb von 24 Stunden an unsere Haustür zu bringen. Genau diesen Service wollen die Kunden haben.

Eigene Packstationen oder gar Pläne, Pakete mit Drohnen auszuliefern, zeigen, worin die Stärke von Amazon tatsächlich liegt. Ohne Digitalisierung wäre all das nicht zu managen, das ist wahr, aber sie ist eben vor allem das Werkzeug, um die Supply-Chain zu beschleunigen. Oder ein Flughafen: Industrie 4.0 ist verwirklicht, wenn eine intelligente Software die nahe Zukunft prognostizieren kann und die Prozesse automatisch so organisiert, dass trotz Verspätungen alle Gepäckstücke rechtzeitig am richtigen Band ausgeliefert werden. Digitalisierung hängt nicht an Computern und Bandbreiten, sondern an den Prozessen.

Radikaler Kundennutzen

Jetzt ist er größenwahnsinnig geworden, wird der eine oder andere denken, ein deutscher Mittelständler ist doch nicht Amazon. Stimmt natürlich – und dennoch gibt es Parallelen. Kernkompetenz in meinem Unternehmen sind Verbindungslösungen (Kabel, Stecker, Zubehör, fertig konfektionierte Systeme) – zigtausende hochspezialisierte Produkte. Kunden können online bestellen und selbst ihre Verbindungssysteme maßschneidern.

Vieles davon liefern wir innerhalb von Deutschland in 24 Stunden; in Europa dauert es kaum länger und auch weltweit liefern wir dank Produktionsstätten und Lagern auf mehreren Kontinenten schneller als Mitbewerber. Logistik und Bestellprozesse spielen eine elementare Rolle. Damit unterstützen wir Kunden dabei, ihre Prozesse zu beschleunigen und Kosten zu senken. Dazu müssen wir digitalisieren. Die Kunden bezahlen aber nicht dafür, dass sie eine schicke App von uns auf ihrem Smartphone haben, sondern dass die Kabel nicht erst nach einer Woche ankommen, sondern am nächsten Tag.

Sorgfalt ist nicht Rückständigkeit

Wir sind radikal, wenn es um den Kundennutzen geht. Die Idee von der Industrie 4.0 – die ich übrigens für eine tolle Marketinginitiative der deutschen Wirtschaft halte – hat hier viel bewegt. Sie zwingt uns zu schnellem digitalem Wandel, geht aber immer von der Anwendung und vom Kunden aus. Denn darum muss es gehen bei der Digitalisierung: um echten Nutzen für Menschen, für die Gesellschaft, für die Wirtschaft. Das kann disruptiv passieren, muss aber nicht. Viele Verbesserungen geschehen durch stetige Entwicklung. Veränderungen – zumindest im Maschinenbau und vielen vergleichbaren Industriebranchen – finden nicht technologiegetrieben statt, sondern anwendungs- und nutzengetrieben. Die Veränderungsgeschwindigkeit wird dabei häufig überschätzt, auch in der Digitalisierung.

Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich nur scheinbar in rasender Geschwindigkeit. Heute Industrie 4.0, morgen Künstliche Intelligenz. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Traum von KI mehr als 50 Jahre alt ist und von der vollautomatisierten Fertigung noch deutlich älter. Der Fortschritt ist manchmal eben doch eine Schnecke, sagt ein bekanntes Sprichwort – auch wenn die „Visionäre“ uns anderes einreden wollen. Wer sich hingegen allein von den technischen Möglichkeiten treiben lässt, wird sehr wahrscheinlich mit hohem Tempo in die falsche Richtung laufen.