KommentarWenn die Zinswelt aus den Fugen gerät

Industrie
Zinstief: Sogar Negativzinsen gibt es mittlerweile

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


In den letzten Jahren scheint die ökonomische Welt, wie wir sie eigentlich zu kennen meinten, ziemlich aus den Fugen geraten. Dazu gehört ganz sicher auch die Entwicklung zu einem Zinsniveau von Null. In der Schweiz sind inzwischen für Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sogar Negativrenditen anzutreffen. Sprich der Anleger bezahlt sogar Geld dafür, wenn die Eidgenossenschaft sein Geld nimmt und aufbewahrt. Ähnliches gilt für deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu fünf Jahren.

Nun kann man es sich mit folgender These einfach machen: Die Welt sei eigentlich in Ordnung. Der Nullzins sei die alleinige Folge der Zentralbankpolitik und manipulierter Finanzmärkte. Und das Ganze habe das Ziel, die Schuldner durch eine Enteignung der Sparer zu entlasten.

Klassische Arbeitsteilung

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Welt ist an ein paar Stellen tatsächlich aus den Fugen geraten. Betrachten wir hierzu einfach mal den Normalzustand in den G7-Volkswirtschaften zwischen 1945 und 1990 aus der Brille der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung. Man sieht folgende charakteristische „Arbeitsteilung“:

Die privaten Haushalte sparen und sammeln Geldvermögen an.

Die Unternehmen investieren, sammeln Sachvermögen an und nehmen dafür Kredite auf.

Der Staat baut Infrastruktur, dient als sozialstaatliche „Umwälzpumpe“ und nimmt dafür ebenfalls Kredite auf.

Seit 1990 beginnt sich hier sukzessive etwas zu ändern. Zunächst in Japan (ab 1994), dann in Deutschland (ab 2002) und schließlich in fast allen anderen Ländern (ab 2009) lässt die Investitionstätigkeit der Unternehmen (gemessen an der Wirtschaftsleistung) deutlich nach. Gleichzeitig wird der Unternehmenssektor vom Netto-Kreditnehmer zum Netto-Sparer.

Nun gelten für die Zinsen nicht vollkommen andere Regeln als für andere Märkte auch: Der Preis richtet sich danach, wie hoch die Nachfrage relativ zum Angebot ist. Der Preis für ein Gut, das keiner haben will, ist logischerweise Null. Übertragen auf die skizzierte Situation steht einer hohen Zahl an Sparwilligen eine viel zu kleine Zahl an willigen Kreditnehmern gegenüber. Doch leider gilt: Wer ertragreich sparen will, braucht zwingend jemand, der sich verschulden möchte.

Anleger müssen auf Dividenden hoffen

Die Zentralbanken hecheln dieser Entwicklung eher hinterher, als dass sie diese treiben würden. In den eher abstrakten Modellwelten sollte es einen Zins geben, bei dem gleichzeitig Vollbeschäftigung und eine stabile Inflationsrate erreicht wird. Von diesem Ideal sind die Zentralbanken – selbst beim heutigen Nullzins – ein gutes Stück entfernt. Zwar kann man darüber diskutieren, ob wir – je nach Definition – in einzelnen Ländern wie Deutschland bereits Vollbeschäftigung haben. Doch liegen wir in allen Ländern weit unterhalb des Inflationsziels, teilweise gibt es sogar Deflationsängste. Zumindest das Lehrbuch würde hier sogar klar für weitere Lockerungsschritte der Geldpolitik plädieren.

Aus dem Gesagten sollte deutlich geworden sein, dass es einer tiefgreifenden Änderung gegenüber dem heutigen Zustand bedarf, um die ökonomische Welt wieder ins Lot zu bringen. Die „gute alte Zeit“ mit deutlich positivem Zins wird nur dann zurückkommen, wenn die Unternehmen wieder kräftig den Kapitalstock aufbauen und dafür auch auf Kredite zurückgreifen.

Bis dahin hilft dem Anleger wohl nur, auf die solide Finanzierungssituation der Unternehmen zu setzen, die sich ebenfalls als Konsequenz der Netto-Sparer-Position ergibt. So sorgt einerseits die steigende Bonität des Unternehmenssektors für geringere Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen, andererseits verbessert sich aber auch die Möglichkeit der Unternehmen, stabile Dividendenausschüttungen an die Aktionäre vorzunehmen.