InterviewWas können wir vom ultraharten Lockdown in Melbourne lernen?

Melbourne kehrt langsam wieder zur Normalität zurückimago images / ZUMA Wire

Viele Länder kämpfen gegen einen neuen „harten Lockdown“, einige wie Österreich haben gerade einen beschlossen. Es gibt eine Stadt am anderen Ende der Welt, die einen langen und harten Lockdown hinter sich hat: Melbourne. Die Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole hat Ende Oktober eine der strengsten und längsten Abriegelungen der Welt überstanden. Die Bewohner waren mehr als drei Monate lang in ihren Häusern quasi eingeschlossen.

Anfang August hatte Melbourne noch über 700 Fälle pro Tag, Ende Oktober waren es unter zehn. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der drakonischen Abriegelung Melbournes waren allerdings enorm. Die australische Regierung schätzt, dass im Bundesstaat Victoria durchschnittlich 1200 Arbeitsplätze pro Tag verloren gegangen sind. „Trotz der Schlüsselfaktoren, die zu Melbournes Gunsten wirkten“, schrieb der Nachrichtendienst Bloomberg, „darunter geschlossene Grenzen, eine im internationalen Vergleich winzige Zahl von Infektionen und eine Landesregierung mit starker öffentlicher Unterstützung, dauerte es immer noch doppelt so lange wie erwartet, die Kurve zu durchbrechen.“

Über die Lektion, die Melbourne liefert, sprach Capital mit Christoph von Speßhardt, dem Geschäftsführer der deutsch-australischen Industrie- und Handelskammer. Das Gespräch finden Sie auch im Original in der neuen Folge des Podcasts „Die Stunde Null

Capital: Herr von Speßhardt, Melbourne war sehr lange in einem harten Lockdown. Können Sie uns kurz beschreiben, was die Stadt hinter sich hat?

CHRISTOPH VON SPESSHARDT: Ja, in der Tat, Melbourne war über 112 Tage im Lockdown. Es begann mit einem sogenannten „Stage 3-Lockdown“, nachdem die Stadt die erste Welle eigentlich relativ gut überstanden hatte. Die zweite Welle breitete sich ab Juli von einem sogenannten Quarantäne-Hotel auf erste Vororte und später insbesondere auf den „Social Housing“-Bereich aus. Die Landesregierung hat sehr schnell reagiert. Der erste harte Lockdown begann vier Wochen nach den ersten Maßnahmen und bestand aus einer totalen Ausgangssperre über Nacht ab 20 Uhr bis 5 Uhr. Zudem durften die Bewohner nur eine Stunde pro Tag das Haus verlassen, und zwar nur aus vier Gründen: zum Einkaufen, um sich um andere Personen zu kümmern, um zu arbeiten oder für Termine beim Arzt. Wer zu Arbeit fuhr, brauchte eine Erlaubnis. Das Ganze war erfolgreich. Wie gesagt, wir reden von über drei Monaten totalem Lockdown.

Wie hat die Regierung den Menschen und Unternehmen geholfen?

Die Regierung hat ein umfangreiches Förderpaket aufgesetzt, es gibt zum einen die „Job Keeper“-Gelder und „Job Seeker“-Hilfen. Letztere sind für Menschen, die Arbeit suchen. Das „Job Keeper“-Programm ähnelt dem deutschen Kurzarbeitergeld. Die meisten Restaurants haben umgestellt auf Lieferdienste und „Take away“. Sie müssen sich vorstellen, hier sind Drohnen in Melbourne durch die Straßen geflogen, Helikopter haben gekreist, Strände wurden patrouilliert. Überall, wo etwa zwei Leute im Auto saßen, wurde kontrolliert.

War das Ganze denn erfolgreich? Hat die Bevölkerung diese doch drakonischen Einschränkungen akzeptiert?

Das Ganze war erfolgreich. Ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs dieser Strategie waren tatsächlich die australischen Bürger. Die „Compliance“, also die Bereitschaft zum aktiven Mitwirken an Maßnahmen, ist groß. Alles, was vorgegeben wird, wird meist streng eingehalten. Man vertraut den Autoritäten hier sehr stark. Und gleichzeitig gab es natürlich eine gewisse Angst, als nach der ersten Welle die Zahlen im Juli wieder anstiegen.

Der Lockdown hatte auch einen harten Preis: Die australische Regierung schätzt, dass im Bundesstaat Victoria durchschnittlich 1200 Arbeitsplätze pro Tag verloren gegangen sind.

Ja, es gibt Berechnungen, die diese Zahl belegen. Andere Zahlen zeigen, dass die australische Wirtschaft um einige Jahre zurückgeworfen wird, allein durch die Entwicklung in Melbourne. Andererseits gibt es viele gezielte Infrastrukturprojekte. Die Kräne drehen sich in Melbourne intensiv, viele Straßen wurden erneuert. Eine Kollegin berichtete mir, die Luft sei so frisch wie seit ungefähr 30, 40 Jahren nicht mehr gewesen. Also: Die Kosten waren in der Tat hoch. Jetzt erwachen alle langsam aus diesem Lockdown und alle sind immer noch sehr verhalten. Es ist heute der zwanzigste Tag, an dem keine Fälle mehr gemeldet worden sind, in ganz Victoria. Und man geht jetzt mit einem in Australien recht typischen vorsichtigem Optimismus wieder raus und hofft, das Ganze bewältigt zu haben.

Wie geht es der australischen Wirtschaft insgesamt?

Australiens Wirtschaft ist knapp drei Jahrzehnte in Folge gewachsen. Durch die Pandemie hat die Wirtschaft aber natürlich stark gelitten, es gibt die erste Rezession seit 29 Jahren, das BIP ist um 4,5 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig sind die Australier sehr optimistisch. Sie leben in mehrfacher Hinsicht von ihrem Boden: Sie leben davon, was unter dem Boden liegt, also den Rohstoffen. Zweitens erntet man das, was auf dem Boden wächst. Beides exportiert man nach Asien. Außerdem hat Australien viele Gäste auf seinem Boden, Touristen und Studenten, die man hier weiterbildet. Daneben gibt es normalerweise pro Jahr 200.000 Einwanderer, die natürlich Infrastruktur, Häuser und so weiter benötigen. Australien hat also immer einen ganz natürlichen Nachfragestimulus – parallel kann sich Australien mit seinen gewaltigen Ressourcen und Rohstoffen den Wohlstand sichern.

Das heißt, es gibt keine neuen Akzente in der Wirtschaftspolitik?

Doch, der zukünftigen Wachstumspolitik kommt eine große Bedeutung zu. Wie führt man das Land jetzt aus der Krise? Australien hat durchaus in manchen Punkten einen Nachholbedarf, insbesondere wenn es um industrielle Fertigung und das „Advanced Manufacturing“ geht. Hier schaut die Wirtschaft momentan sehr stark nach Deutschland, wie man zum Beispiel den Standard Industrie 4.0 nach Australien übertragen kann. Das Land ist sehr offen für deutsche, kleine mittelständische Unternehmen, sogenannte Hidden Champions. Australiens Türen stehen offen, um hier Investitionen zu ermöglichen.

 


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