Unstatistik Was die Booster-Impfung wirklich bringt

Eine dritte Impfung soll den Schutz gegen Corona verstärken
Eine dritte Impfung soll den Schutz gegen Corona verstärken
© Bihlmayerfotografie / IMAGO
Eine dritte Corona-Impfung soll den Schutz für zweifach Geimpfte verstärken. Über die Wirkung des Boosters gibt es allerdings unterschiedliche Interpretationen. Die Experten der Unstatistik verschaffen Klarheit

Die Wirkung des Corona-Impfstoffs lässt mit der Zeit etwas nach. Nachdem erste Bundesländer bereits seit Mitte August Auffrischungsimpfungen für bestimmte Risiko-Gruppen anbieten, sprach sich die europäische Arneimittelbehörde am Montag auch für den Impf-Booster mit einem mRNA-Impfstoff aus. Demnach sollen Erwachsene sechs Monate nach der Zweitimpfung einen dritten Piks erhalten, Menschen mit geschwächtem Immunsystem bereits nach 28 Tagen.

In Israel erhalten Menschen über 60 Jahre bereits seit Juli ihre Drittimpfung mit dem Biontech-Impfstoff. Mittlerweile sind dort auch die jüngeren Altersgruppen dran. Die Auswirkung des Boosters hat ein Team aus israelischen Forschern auf Basis von mehr als einer Millionen Beobachtungen untersucht. Das Fazit ihrer Studie: Das Risiko für eine Infektion und eine schwere Erkrankung ist für Probanden mit Drittimpfung „erheblich geringer“ als für doppelt Geimpfte.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kommentiert das Studienergebnis auf Facebook: „Die Wirkung der 3. Biontech-Impfung fällt deutlich stärker aus, als von vielen Experten erwartet. Mehr als 10-facher Schutz gegen Infektion oder schwere Krankheit.“

Die Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass der Schutz der Drittimpfung ein Zehnfaches des bestehenden Schutzes sei, erklären die Experten der Unstatistik.

Niedrigeres Risiko bedeutet nicht höherer Impfschutz

Der Studie zufolge verringere sich das relative Risiko einer Corona-Infektion – gemessen in Fällen pro Personentagen unter Risiko – um den Faktor 11, das Risiko, schwer zu erkranken, um den Faktor 20. Mit Personentagen ist dabei der Zeitraum der Beobachtung gemeint. Für doppelt Geimpfte lag das Risiko einer Infektion damit bei 85 Fällen pro 100.000 Personentagen, für dreifach Geimpfte bei acht Fällen. Für eine schwere Erkrankung lag das Risiko bei 6 beziehungsweise bei 0,3 Fällen pro 100.000 Personentage.

Eine Sekung des relativen Risikos sei jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Erhöhung des Impfschutzes, so die Experten der Unstatistik. Um den Impfschutz zu ermitteln, müsse man statt der Personentage die beobachteten Personen betrachten.

Für 10.000 beobachtete Personen mit einem Beobachtungszeitraum von 30 Tagen ergibt sich demnach: Bei doppelt Geimpften erwartet man 255 Infektionen und 18 schwere Erkrankungen, bei dreifach Geimpften 24 Infektionen und eine schwere Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit, sich nicht zu infizieren, steigt mit der dritten Dosis von 9745/10.000 auf 9976/10.000, bilanzieren die Experten der Unstatistik. Damit erhöht sich der Schutz durch die Booster-Impfung um zwei Prozentpunkte – bei den schweren Erkrankungen sind es knapp 0,2 Prozentpunkte.

Die vermeintlich großen relativen Zahlen wirken in absolute Werte übersetzt überraschend klein. Die absoluten Zahlen vermissen die Experten allerdings auch in der Studie, obwohl Zeitungen wie das „New England Journal of Medicine“ eigentlich beide Werte nennen sollten.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen.
Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .


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