KommentarWarum wir australischen „Freiheitswein“ trinken sollten

Auf Wein aus Australien gelten in China seit kurzem hohe Importzölle imago images / VCG

In seinem kleinen „Roten Buch“ warnte Mao Zedong einst den Westen mit den martialischen Worten: „Der Stein, den die Reaktionäre erhoben haben, fällt auf ihre eigenen Füße!“ Der Spruch des großen Vorsitzenden trifft inzwischen eher auf seinen Nachfolger Xi Jinping zu, der in der Volksrepublik China inzwischen schon als „kleiner Mao“ gilt. Mit seiner imperialen Außenpolitik schadet sich der Staats- und Parteichef mehr selbst als den Adressaten seiner Erpressungsversuche, wie das Beispiel Australien zeigt.

Seit Monaten versucht Xi, die 25 Millionen Australier ökonomisch in die Knie zu zwingen. Erst stellte China die Rohstoffimporte aus dem Land ein, dann traf der Bannstrahl Xis die australischen Universitäten und in der letzten Woche die Winzer. Seitdem fallen bis zu 212 Prozent Zoll auf die bekannten Rotweine aus Australien an.

Bei all diesen Maßnahmen geht es nicht um einen Wirtschaftsstreit, wie mit den USA, sondern um Politik. Seit sich die Australier gegen die Unterwanderung ihrer Universitäten und politischen Parteien durch China wehren, die fortlaufenden Spionageangriffe anprangern und offen gegen die Menschenrechtsverletzungen in der chinesischen Provinz Xinjiang Stellung nehmen, gelten sie in der Volksrepublik als Feinde. Das Fass zum Überlaufen brachte die Forderung der australischen Regierung, die Ursprünge der Corona-Pandemie in China zu untersuchen. Jetzt will China deshalb ein Exempel statuieren – frei nach einem anderen Spruch Maos: „Wer einen Affen erschrecken will, muss vor seinen Augen ein Huhn töten“.

Kritik an China wächst auch in Deutschland

Das Huhn – das ist Australien; der Affe ist Europa. Die Chinesen sehen mit großer Sorge, dass in der Europäischen Union (EU) die Kritik an der Politik Xis wächst. Bisher verzichteten viele EU-Mitglieder aus Angst um den lukrativen Absatzmarkt auf politischen Druck. Das gilt vor allem für Deutschland, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel bisher vor allem das Wohl und Wehe unserer Autoindustrie im Reich der Mitte im Auge hatte – und sich daher auf EU-Ebene wiederholt als Bremserin gegen eine kritischere China-Politik profilierte. Doch inzwischen schlägt die Stimmung in ihrer eigenen Partei und im ganzen Bundestag um. Aus Sicht Chinas heißt das: Fällt Deutschland um, dann wackelt die ganze EU. Xis Horrorszenario: Die Europäer könnten sich mit dem neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden auf eine gemeinsame China-Politik einigen.

Bisher ist es den Chinesen nicht nur gelungen, Amerikaner und Europäer gegeneinander auszuspielen, sondern auch die EU-Mitglieder untereinander. So unterstützen zum Beispiel einige EU-Staaten wie Italien oder Ungarn das berüchtigte Musterprojekt einer „neuen Seidenstraße“, während es andere strikt ablehnen. Wichtiger noch: Wann immer die Chinesen ein EU-Mitgliedsland für irgendein „Fehlverhalten“ bestraften, tauchten die anderen EU-Staaten ab. Teile und herrsche – diese Devise Chinas funktionierte in der Vergangenheit gut. Je brutaler Xi Jinping auftritt, umso mehr wächst jedoch der gemeinsame Widerstand.

Die Europäer sollten Australien deshalb im ureigensten Interesse nicht allein lassen. Jeder Verbraucher kann mitmachen – und eine Flasche Shiraz oder Cabernet vom fünften Kontinent bestellen. So empfehlen es jedenfalls weltweit Aktivisten im Internet, die unter dem Hashtag „freedom wine“ (deutsch: Freiheitswein) dazu aufrufen, es den Chinesen einmal auf ungewöhnliche Art zu zeigen: mit einem guten Schluck aus dem Glas.

 


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