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Energiekrise Warum sich Russland mit einem Gaslieferstopp selbst schadet

Heliumabtrennungsanlage am Öl- und Gasfeld Tschaganda von Gazprom
Heliumabtrennungsanlage am Öl- und Gasfeld Tschaganda von Gazprom: Mit dem Stopp der Gaslieferungen schadet sich Russland selbst
© IMAGO / ITAR-TASS
Am 21. Juli enden die Wartungsarbeiten an der Gaspipeline Nord Stream 1. Die Skepsis ist groß, dass danach wieder russisches Gas nach Deutschland fließt. Sollte Russland seine Lieferungen nach Europa stoppen, träfe das aber auch die eigene Wirtschaft empfindlich

Fließt ab Ende Juli wieder Gas durch Nord Stream 1 oder nicht? Für Russland hängt diese Frage derzeit „von der Nachfrage unserer Partner“ und „von illegitimen Sanktionen“ ab, erklärte am Freitag die Sprecherin des russischen Außenministeriums Maria Sacharowa. Konkret geht es dabei um eine Gasturbine von Siemens Energy, die derzeit in Kanada gewartet wird, wegen westlicher Sanktionen bisher aber nicht zurück nach Russland geliefert wurde. Zwar soll die Turbine über Deutschland letztlich doch zurück gelangen, in Europa mehren sich aber unlängst die Zweifel, dass nach Ende der Wartung zum 21. Juli wieder russisches Gas durch die Pipeline fließt. Die europäischen Gaslieferungen weiter zu drosseln, käme für Russland allerdings zu einem hohen Preis.

Schon jetzt ist die russische Wirtschaft durch die Kosten des Angriffskrieges gegen die Ukraine, die andauernde Pandemie und die steigende Inflation angeschlagen. „Sie erlebt die schlimmste Rezession in 30 Jahren“, beobachtet etwa Sergej Guriew, Wirtschaftsprofessor am Pariser Institut d’Etudes Politiques und früherer Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Er erwartet, dass sich die Lage in der zweiten Jahreshälfte noch weiter verschlechtern wird. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2022 ebenfalls mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 8,5 Prozent, in anderen Prognosen fällt das Minus noch größer aus.

Vor allem Branchen, die stark auf Maschinen und Technologie aus dem Ausland angewiesen sind, bekommen zunehmend die westlichen Sanktionen und den Rückzug vieler Firmen zu spüren: Allein im April sei die Wareneinfuhr nach Russland um rund ein Drittel zurückgegangen, bilanziert das Bundeswirtschaftsministerium in einer Erhebung. Besonders deutlich bekamen die Folgen zuletzt die russischen Autobauer zu spüren. Im Mai brachen die Produktionszahlen im Vergleich zum Vorjahr um etwa 97 Prozent ein, wie die russische Statistikbehörde Rosstat offenlegte.

Der Export von Öl und Gas – und damit der beiden wichtigsten Exportgüter des Landes – wurde von diesen Entwicklungen bisher kaum berührt. Die steigende Nachfrage an den Märkten hatte im ersten Halbjahr noch für Einnahmen im Wert von 100 Mrd. Euro gesorgt – rund zwei Drittel der geplanten Einnahmesumme des Kremls.

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Rohstoffgeschäfts sei durch die Schwierigkeiten der anderen Branchen noch gestiegen, sagt Guriew. Laut der Internationalen Energieagentur stammten 2021 45 Prozent der Einnahmen des russischen Staatshaushalts aus dem Geschäft mit Erdöl und Erdgas. Im April stieg der Anteil noch einmal um 66 Prozent. „Zwar ist Gas dabei nicht so wichtig wie Öl“, sagt Guriew. „Wenn Russland seine Gasexporte nach Europa stoppen würde, würde es aber eine wichtige Einnahmequelle verlieren.“

Umleiten kaum möglich

Die zurückgehaltenen Mengen an andere Abnehmer zu verkaufen, ist dabei nur schwer möglich. Das meiste Erdgas transportiert Russland bislang über Pipelines – die vorrangig zu den bisherigen Hauptabnehmern in Europa führen. Über bestehende Pipelines nach Asien, wie die „Power of Siberia“ nach China, ließen sich laut einer Studie des Center for Strategic and International Studies (CSIS) nur knapp 40 Prozent der Gasmengen umleiten. Für mehr reicht die bestehende Kapazität nicht aus.

Für den Ausbau der Pipelines wären wiederum entsprechende Technologie und Material nötig, das ist durch die westlichen Sanktionen aber nur schwer zu bekommen. „Die Pipelines zu verlegen, würde Jahrzehnte dauern“, erwartet auch der russische Energieexperte Wladimir Milow im Interview mit Capital Anfang Juli. Trotzdem dürfe man die Rolle des Gasgeschäfts nicht überschätzen, mahnt er. „Der Kreml hat aus seiner Sicht genug Geld in der Kasse, um seine aktuellen wirtschaftlichen Probleme anzugehen.“

Öl könnte mehr Einfluss haben

Die Ölexporte könnten dagegen einen stärkeren Einfluss auf Russlands Politik haben, erwartet Guriew. Gerade das geplante Öl-Embargo, das in den USA schon gilt und in Europa ab Januar folgen soll, könnte den Staatshaushalt empfindlich treffen. „Geht Putin das Geld aus, wird es für ihn schwierig Soldaten zu rekrutieren“, erwartet er. Um den Kreml finanziell zu schwächen, sei es daher nötig, über einen Preisdeckel oder andere Alternativen zu diskutieren.

Ähnlich wie beim Gas, wäre auch die Umleitung von Ölexporten nur schwer umzusetzen. Zum einen wird der Großteil des Energieträgers bislang an Häfen in der Ostsee oder im Schwarzen Meer ausgeführt, gleichzeitig verfügen Häfen, die besser für den Transport nach Asien geeignet sind, nicht über die nötigen Voraussetzungen für die Beladung der Öltanker. Die Öllieferungen umzuleiten, würde demnach beschwerlicher und teurer, erwartet deshalb etwa Milow.

Gleichzeitig ist Russland beim Transport des Energieträgers viel stärker auf externe Dienstleister wie Reedereien und Versicherer angewiesen. Dem finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zufolge, stammten etwa zwei Drittel aller Tanker, die russisches Öl transportieren aus Europa, Norwegen und Großbritannien. Auch die Versicherer sitzen nahezu ausschließlich in westlichen Staaten. Angesichts der angespannten politischen Lage dürfte sich Russland diesem Risiko nur ungern aussetzen.


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