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Energiekrise Was wäre wenn? Was den Märkten droht, wenn der Kreml das Gas abstellt

Blick auf den Gasspeicher Peissen mit einem Stoppschild im Vordergrund
Gasspeicher Peissen: Welche Folgen hätte ein russischer Gaslieferstopp
© IMAGO / Jan Huebner
Europas Aktienmärkte brechen ein, die Talfahrt des Euro setzt sich fort und die Zentralbanken können nicht viel tun. Die Prognosen von Analysten für den Fall eines russischen Gaslieferstopps könnten kaum düsterer sein

Europäische Aktien stürzen um 20 Prozent ab. Die Renditeaufschläge für Ramschanleihen steigen über das Niveau der Krise von 2020. Der Euro sinkt auf nur noch 90 US-Cents. Dies sind Vorhersagen für die Finanzmärkte, wenn Russland die Gaslieferungen nach Europa vollständig unterbricht – und das ist nicht mal das schlimmste Szenario.

Nord Stream 1 ist für eine zehntägige Wartung außer Betrieb, die Gaslieferungen nach Europa sind derzeit reduziert. Die Sorge steht im Raum, dass Moskau den Hahn nicht wieder aufdreht. Viele Anleger fragen sich: Wie schlimm könnte es noch werden?

Auf diese Frage hin haben Strategen an der Wall Street versucht, ein Szenario zu quantifizieren, das in normalen Zeiten undenkbar wäre. Es gibt so viele Variablen: die Dauer eines eventuellen Stromausfalls, das Ausmaß der Lieferkürzungen und die Frage, wie weit die Länder gehen würden, um Energie zu rationieren. Das macht jede Vorhersage zu einem Ratespiel.

Die Energiepreise in Deutschland sind in die Höhe geschossen und die Versorgungssicherheit ist gefährdet
Die Energiepreise in Deutschland sind in die Höhe geschossen und die Versorgungssicherheit ist gefährdet
© Bloomberg

„Die große Unbekannte ist, wie der Schock, der in Deutschland, Polen und anderen mitteleuropäischen Ländern beginnt, auf den Rest Europas und die Welt ausstrahlen wird“, sagte Joachim Klement, Leiter der Abteilung Strategie, Rechnungslegung und Nachhaltigkeit bei Liberum Capital. „Es gibt einfach keinen Ersatz für russisches Gas.“

Ökonomen der UBS Group haben in einer Analyse detailliert dargelegt, was ihrer Meinung nach passieren wird, wenn Russland seine Gaslieferungen nach Europa einstellt: Dieser Schritt würde die Unternehmen mehr als 15 Prozent ihrer Gewinne kosten. Der Stoxx 600 werde um mehr als 20 Prozent einbrechen und der Euro auf 90 Cent fallen, meinen die Analysten. Der Ansturm auf sichere Anlagen würde die Renditen von Benchmark-Bundesanleihen auf null Prozent drücken, schreiben sie.

„Wir betonen, dass diese Projektionen als grobe Annäherungen und keineswegs als Worst-Case-Szenario zu betrachten sind“, schrieb UBS-Chefökonom Arend Kapteyn. „Wir können uns leicht wirtschaftliche Störungen vorstellen, die zu einem negativeren Wachstumsergebnis führen.“

Euroschwäche: Die Gemeinschaftswährung bewegt sich an der Schwelle zur Parität mit dem Dollar
Euroschwäche: Die Gemeinschaftswährung bewegt sich an der Schwelle zur Parität mit dem Dollar
© Bloomberg

Einen Teil des drohenden Schadens haben die Märkte bereits eingepreist. Der Euro ist so schwach wie seit 20 Jahren nicht mehr und an der Schwelle zur Parität zum Dollar. Deutsche Aktien haben seit Juni elf Prozent verloren. Der Energiekonzern Uniper ist der größte Leidtragende unter den Unternehmen. Die Aktien des Versorgers, der staatliche Hilfen braucht, sind in diesem Jahr um 80 Prozent eingebrochen.

Viele Anleger sind zwar der Meinung, dass Russland die Gaslieferungen wieder aufnehmen wird, wenn die Wartungsarbeiten an der Pipeline am 21. Juli enden. Doch wenn die europäischen Länder freiwillig Gas rationieren, um ihre Speicher aufzufüllen, werde dies das Wirtschaftswachstum stark beeinträchtigen, so die UBS.

„Europa ist derzeit in einem Teufelskreis gefangen“, so Charles-Henry Monchau, Chief Investment Officer bei der Banque Syz. Höhere Energiepreise schadeten der Wirtschaft und trieben den Euro nach unten. Der schwächere Euro wiederum mache Energieimporte noch teurer, sagte er.

Die andere Sorge ist, dass die Zentralbanken nicht viel tun können, um der Wirtschaft zu helfen, da die Inflation bereits ein Rekordhoch erreicht hat, so Portfoliomanager Prashant Agarwal von Pictet Asset Management. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Instrumente der Zentralbanken in diesem Szenario funktionieren“, sagte er. „In der Vergangenheit war Spielraum vorhanden, um mit einer solchen Situation umzugehen, weil die Inflation niedrig war.”

Hier eine Zusammenfassung anderer Analysen:

BNP Paribas

Eine vollständige Unterbrechung der Gasversorgung werde den Euro Stoxx 50 auf 2800 fallen lassen, was einem Einbruch von etwa 20 Prozent gegenüber dem derzeitigen Stand entspräche, schreiben Strategen um Sam Lynton-Brown und Camille de Courcel. Die Auto-, Industrie- und Chemieunternehmen gerieten dann unter Druck, schreiben sie und empfehlen Absicherungen. 

Nomura International

Währungsstratege Jordan Rochester rät seinen Kunden seit April zu Leerverkäufen der Gemeinschaftswährung. Wenn Nord Stream 1 den Betrieb nicht wieder aufnimmt, könnte der Euro über den Winter auf 90 Cent fallen, schrieb er. „Wir glauben, dass es Europa nicht gelingen wird, genügend Gasvorräte für den Winter anzulegen, was zu einer Rationierung führen könnte“, sagte er. „Wenn das keine Wirtschaftskrise ist, was dann?“

JP Morgan Chase

Nach Ansicht der Strategen um Matthew Bailey würden bei einem Gaslieferstopp die Spreads europäischer Unternehmensanleihen stärker ansteigen als während der ersten Welle der Coronapandemie im Jahr 2020. Die Renditenaufschläge auf erstklassige Anleihen könnten auf 325 Basispunkte steigen, schreiben sie. Bei Ramschanleihen könnte sich der Spread auf bis zu 1000 Basispunkte ausweiten.

Goldman Sachs

Der Euro spiegelt bereits einen Großteil der Negativität wider, aber die Währung könnte um weitere fünf Prozent fallen, wenn die Märkte eine vollständige Abschaltung von Nord Stream 1 einpreisen, so die Strategen, darunter Christian Müller-Glissmann. Sie empfehlen eine defensive Allokation mit einer Übergewichtung von Barbeständen und Rohstoffen.

Bank of America

Der frühere Kupferbulle Bank of America senkte in der vergangenen Woche ebenfalls seine Prognosen und warnte, dass die Preise im schlimmsten Fall, wenn es in Europa zu einer umfassenden Gasknappheit kommt, auf bis zu 4500 Dollar pro Tonne fallen könnten. Momentan notiert Kupfer bei knapp 7400 Dollar.

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©2022 Bloomberg L.P.


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