Energiemarkt Warum hohe Energiepreise Billiganbieter in Not bringen

Der Strom- und Gasanbieter Stromio hat die Belieferung seiner Kunden eingestellt
Der Strom- und Gasanbieter Stromio hat die Belieferung seiner Kunden eingestellt
© dpa | Henning Kaiser / Picture Alliance
Mehr als jeder dritte Haushalt wechselte für Strom und Gas zu alternativen Lieferanten. Von denen gerieten 2021 Dutzende ins Trudeln. Das Nachsehen haben Kunden, die bei teuren Grundversorgern landen

Für die Briten ist es eine Pleitewelle. 2021 stellten auf der Insel rund 40 Energiehändler den Betrieb ein – mit etwa zwei Millionen Abnehmern. In Deutschland scheint die Lage weniger akut. Doch bringen hohe Rohstoffpreise inzwischen Energieriesen wie Uniper in die Bredouille. Der Erzeuger musste sich einen Finanzierungspuffer sichern und begründete das mit dem extrem volatilen Marktumfeld. Und auch bei den Billiganbietern von Strom und Gas hat die Preisexplosion im zweiten Halbjahr 2021 überdurchschnittlich viele Opfer gefordert. Deren Geschäftsmodell des schnellen, billigen Einkaufs am Spotmarkt geht nicht mehr auf.

Dutzende Billiganbieter konnten wegen der meist festen Preisbindungen in Langzeitverträgen die drastischen Mehrkosten der Beschaffung nicht mehr an ihre Kunden weitergeben. Nach Auskunft der Bundesnetzagentur haben im vergangenen Jahr bundesweit 39 Energielieferanten die Beendigung ihrer Belieferung angezeigt – doppelt so viele wie im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Davon bedienten 29 nur Stromkunden, vier nur Gaskunden und sechs Anbieter handelten mit Strom und Gas.

Der vorerst letzte Discounter, der die Reißleine zog, war der bundesweit aktive rheinische Discounter Stromio, der wie das ebenso betroffene Schwesterunternehmen Gas.de und die gemeinsame Marke Grünwelt Energie zu einer niederländischen Firmengruppe gehört. Zuvor hatte Neckermann Strom Insolvenz angemeldet, andere Anbieter wie der Ökostromversorger Enqu, Berla Energie, Smiling Green Energy und Lition Energie zogen sich zurück. Schon im Oktober waren Vertriebsmarken wie Wunderwerk, Fuxx, Grüner Funke oder Immergrün und Meisterstrom vom Markt gegangen.

Wohl bleiben die Kunden nicht in der dunklen Winterkälte sitzen. Sie werden von den regionalen Grundversorgernetzen aufgefangen – allerdings zu saftigen Preisen. Häufig sind die Stadtwerke im liberalisierten Energiemarkt die teuersten Versorger. Zum Jahreswechsel stiegen mit der Anzahl gestrandeter Kunden zusätzlich die Tarife. Die Betreiber führen dafür den teuren Nachkauf von Strom- und Gasmengen zu aktuell höheren Preisen an. Wo kein Wechsel in günstigere Tarife angeboten wird, drohen satte Mehrkosten. Bei der Grundversorgung mit Gas nennt das Preisvergleichsportal Check24 Preissteigerungen von mehr als 50 Prozent im Mittel, bei Strom von mehr als 63 Prozent.

Geschäftsmodell nicht haltbar

Trotz der tendenziell leicht steigenden Energiepreise der vergangenen zwei Jahre hat das Geschäftsmodell der Discounter, Kunden mit Billigtarifen abzuwerben, jahrelang gut funktioniert. Nun stieg der Börsenstrompreis bis zur Weihnachtswoche auf über 250 Euro pro Megawattstunde – etwa sechsmal so hoch wie ein Jahr zuvor. Der Einkauf von Gas schlug im Jahresverlauf 2021 mit dem Dreifachen zu Buche. Ob die Marktbereinigung von Dauer sein wird und gar weitere Pleiten drohen, wagen Verbraucherschützer nicht zu sagen. Wohl aber gibt es keine Entwarnung an der Preisfront.

Vieles deutet also auf einen dauerhaften Rückschlag für die Anbietervielfalt hin, die in den vergangenen Jahren zum Nutzen der Endkunden deutlich zugenommen hatte. Allein Check24 hat über 30.000 verschiedene Strom- und Gastarife im Preisvergleich. Das Portal selbst weist aber auf seiner Website neuerdings darauf hin, dass „im Gasvergleich die Tarifvielfalt vorübergehend geringer sein kann“ als gewohnt. Aufgrund der „extrem dynamischen Situation am Gasmarkt“ kalkulierten viele Gasanbieter die Tarife neu.

Vor dem drastischen Preisanstieg in der zweiten Jahreshälfte 2021 waren es noch die Energiekunden, die reihenweise bei ihren Anbietern kündigten. Die Wechselbereitschaft sei 2020 gegenüber dem Vorjahr gestiegen, stellte die Bundesnetzagentur in ihrem Monitoring-Bericht fest. Demnach wechselten mehr als 1,6 Millionen Gaskunden zu günstigeren Lieferanten – was einen neuen Höchststand darstellte. Für einen neuen Stromlieferanten entschieden sich rund 5,4 Millionen Haushaltskunden, was einer Wechselquote von elf Prozent entspreche.

Infografik: Energiepreise ziehen kräftig an | Statista

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Unter dem Strich bezog nach der Kalkulation der Netzagentur mit Stand April 2021 mehr als jeder dritte Haushalt seine Energie über so genannte Billiganbieter – mit 38 Prozent bei Strom und 35 Prozent bei Gas. Für die Gasversorgung konnten deutsche Haushalte dabei unter durchschnittlich 113 verschiedenen Lieferanten wählen, für Elektrizität unter 142 Anbietern. Jeweils mehr als hundert alternative Lieferanten machten dabei bundesweite Angebote, wenn gleich die überwiegende Zahl der Discounter darauf aus ist, den Grundversorgern regionale Kunden abzuwerben.

Weiter starke Stellung

Trotz der vielfältigen Konkurrenz warnen Experten davor, von der großen Anzahl der Marktteilnehmer automatisch auf einen hohen Wettbewerbsgrad zu schließen. „Die Stellung der Grundversorger in ihren jeweiligen Versorgungsgebieten bleibt stark“, konstatieren Netzagentur und Bundeskartellamt. So bleibt bei Gas rund die Hälfte der 12,8 Millionen Haushaltskunden in günstigeren Tarifen der Gebiets(grund)versorger hängen, weitere 17 Prozent in den klassischen teuren Tarifen. Bei Stromkunden liegt das Verhältnis bei 37 und 25 Prozent treuen Kunden.

Was die Machtverhältnisse auf dem Strommarkt betrifft, so bewertet das Kartellamt zwar keinen der vier größten Anbieter als marktbeherrschend. Doch konzentriert sich laut dem Monitoring-Bericht mit der Netzagentur der größte Kundenstamm bei nur sechs Prozent der 1364 Lieferanten. 86 große Anbieter belieferten rund 71 Prozent aller Kunden. Zugleich teilten sich 84 Prozent kleinere Firmen mit je weniger als 30.000 Verbrauchern die verbleibenden 8,1 Millionen Abnahmestellen. Unter den Gasnetzbetreibern kontrollieren die Großbetriebe knapp die Hälfte der Anschlüsse.

Aus dieser starken Stellung heraus geben die Grundversorger – häufig die örtlichen Stadtwerke – die verteuerten Einkaufspreise so weit wie möglich weiter. Zwar beschwerte sich der Verband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) über „die Geschäftemacherei auf Kosten der Kunden“. Billiganbieter machten „Reibach“ in Niedrigpreiszeiten und wälzten bei steigenden Preisen das ökonomische Risiko auf die Grundversorger ab. Doch erwartet das Vergleichsportal Verivox auch von den Grundversorgern im Januar und Februar höhere Energiepreise, bei Gas durchschnittlich 20 Prozent.

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