FinanzevolutionWarum es neue Bezahldienste schwer haben

Bezahlen per Smartphonedpa

Bekanntlich denkt der menschliche Verstand gern in Erzählungen. Um die Jahrtausendwende gehörte es zu den beliebten Erzählungen vieler Fachleuten in Banken und Beratungsgesellschaften, dass Kreditinstitute mit dem Bezahlen von Leistungen kein Geld verdienen können. Zahlungsverkehr sei eher ein notwendiges Übel, dass man anbieten müsse, weil es nun einmal von Banken erwartet würde.

Die Motivation für Innovationen war gering. Und anstatt Ideen zu entwickeln, wie man mit dem Bezahlen online oder offline Geld hätte verdienen können, ließen sich viele Banken einflüstern, den Zahlungsverkehr in sogenannte Abwicklungsfabriken oder Transaktionsbanken outzusourcen. Hier wurden die Zahlungsverkehrsdienstleistungen verschiedener Banken gebündelt und über „Skaleneffekte“ Stückkosten gesenkt. Vom Ballast Zahlungsverkehr befreit, konzentrierten sich viele Banken auf vermeintlich lukrativere Geschäftsfelder, wie in den 2000er-Jahren das Kapitalmarktgeschäft.

Die Entwicklung ist bekannt und zehn Jahre nach der Lehman-Pleite hinlänglich erzählt. Einige große Institute, die dem Narrativ des Investmentbanking folgten, bekamen im Zuge der Finanzkrise aus verschiedensten Gründen erhebliche Probleme. Vielen von ihnen ist es selbst zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht wirklich gelungen, sich von den negativen Folgen zu befreien.

Zwei Payment-Start-ups sind pleite

Wir Menschen denken aber nicht nur in Erzählungen, sondern neigen auch zu Rückwärtsverzerrungen. Insbesondere Fachleute interpretieren die Vergangenheit neu mit dem heutigen Wissen. Manche solcher narrativen Verzerrungen vermitteln das Gefühl, zu wissen, was man früher im Banking hätte machen müssen, damit man heute erfolgreich gewesen wäre. Experten, die es im Nachhinein schon vorher besser gewusst haben, verweisen dazu auf erfolgreiche Beispiele, wie man mit Bezahlservices Geld hätte verdienen können. Verwiesen wird dabei gern auf Paypal (Marktwert ca. 105 Mrd. US-Dollar) und neuerdings die Wirecard Bank (Marktwert 24 Mrd. Dollar). Die in Aschheim bei München sitzende Wirecard hat im September als Spezialist für Online-Zahlungen die Commerzbank aus dem deutschen Bluechip-Aktienindex Dax verdrängt.

Die Rückwärtsverzerrungen suggerieren kausale Zusammenhänge auf Basis willkürlicher Beispiele, die seriös aber nicht verallgemeinert werden können. Und dass es nicht so einfach ist, im modernen Payment Fuß zu fassen, lässt sich schnell mit Gegenbeispielen aus jüngster Zeit zeigen. Ende August haben zwei ambitionierte Start-ups in Deutschland Insolvenz angemeldet, die sich vor allem auf das Bezahlen zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer-Payment) konzentriert haben. Da war einmal das Berliner Unternehmen Cringle, das „trotz stetiger Weiterentwicklung des Produktes und positivem Nutzerfeedback“ einen Insolvenzantrag stellen musste. Das Unternehmen hatte es immerhin schon geschafft „cringeln“ (für zahl mir das Geld per Cringle) in den Sprachgebrauch zu überführen. Cringle sammelte noch vor einem Jahr mehr als 450.000 Euro über die Crowdfunding-Plattform Companisto ein. Cringle blitzte nach eigenen Angaben bei Wachstumsfinanzierern ab, weil diese sich Sorgen machen wegen eines möglichen Markteintritts von Google, Apple, Facebook und Amazon. Investoren glaubten, das Rennen um den Nutzer sei bereits an diese US-Technologiekonzerne verloren.

Einen ähnlich „schweren Weg“ musste das Münchner Unternehmen Lendstar gehen, das vielen aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt ist. Lendstar startete als Plattform zum Geldleihen unter Freunden (P2P-Lending) und entwickelte die Lendstar-App in Deutschland ähnlich wie Cringle zu einer Plattform von Zahlungen unter Privatpersonen. Bereits 2016 musste das nicht einmal gestartete aber mit hohen Erwartungen begleitete Start-up Cookies aufgeben beziehungsweise sich übernehmen lassen. Klarna übernahm Cookie und startete den neuen P2P-Zahlungsdienst Wavy, von dem ich erstmals im Zuge der Recherche zu diesem Beitrag etwas las. Immerhin wird die App laut Google Play Store regelmäßig aktualisiert, hat über 10.000 Installation und gute Bewertungen.