Finanzevolution Warum es neue Bezahldienste schwer haben

Bezahlen per Smartphone
Bezahlen per Smartphone
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Zwei deutsche Anbieter mobiler Bezahldienste sind pleite. Werden die Techriesen das Geschäft nun aufrollen? Dirk Elsner erklärt, warum diese Entwicklung nicht vorgezeichnet ist

Bekanntlich denkt der menschliche Verstand gern in Erzählungen. Um die Jahrtausendwende gehörte es zu den beliebten Erzählungen vieler Fachleuten in Banken und Beratungsgesellschaften, dass Kreditinstitute mit dem Bezahlen von Leistungen kein Geld verdienen können. Zahlungsverkehr sei eher ein notwendiges Übel, dass man anbieten müsse, weil es nun einmal von Banken erwartet würde.

Die Motivation für Innovationen war gering. Und anstatt Ideen zu entwickeln, wie man mit dem Bezahlen online oder offline Geld hätte verdienen können, ließen sich viele Banken einflüstern, den Zahlungsverkehr in sogenannte Abwicklungsfabriken oder Transaktionsbanken outzusourcen. Hier wurden die Zahlungsverkehrsdienstleistungen verschiedener Banken gebündelt und über „Skaleneffekte“ Stückkosten gesenkt. Vom Ballast Zahlungsverkehr befreit, konzentrierten sich viele Banken auf vermeintlich lukrativere Geschäftsfelder, wie in den 2000er-Jahren das Kapitalmarktgeschäft.

Die Entwicklung ist bekannt und zehn Jahre nach der Lehman-Pleite hinlänglich erzählt. Einige große Institute, die dem Narrativ des Investmentbanking folgten, bekamen im Zuge der Finanzkrise aus verschiedensten Gründen erhebliche Probleme. Vielen von ihnen ist es selbst zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht wirklich gelungen, sich von den negativen Folgen zu befreien.

Zwei Payment-Start-ups sind pleite

Wir Menschen denken aber nicht nur in Erzählungen, sondern neigen auch zu Rückwärtsverzerrungen. Insbesondere Fachleute interpretieren die Vergangenheit neu mit dem heutigen Wissen. Manche solcher narrativen Verzerrungen vermitteln das Gefühl, zu wissen, was man früher im Banking hätte machen müssen, damit man heute erfolgreich gewesen wäre. Experten, die es im Nachhinein schon vorher besser gewusst haben, verweisen dazu auf erfolgreiche Beispiele, wie man mit Bezahlservices Geld hätte verdienen können. Verwiesen wird dabei gern auf Paypal (Marktwert ca. 105 Mrd. US-Dollar) und neuerdings die Wirecard Bank (Marktwert 24 Mrd. Dollar). Die in Aschheim bei München sitzende Wirecard hat im September als Spezialist für Online-Zahlungen die Commerzbank aus dem deutschen Bluechip-Aktienindex Dax verdrängt.

Die Rückwärtsverzerrungen suggerieren kausale Zusammenhänge auf Basis willkürlicher Beispiele, die seriös aber nicht verallgemeinert werden können. Und dass es nicht so einfach ist, im modernen Payment Fuß zu fassen, lässt sich schnell mit Gegenbeispielen aus jüngster Zeit zeigen. Ende August haben zwei ambitionierte Start-ups in Deutschland Insolvenz angemeldet, die sich vor allem auf das Bezahlen zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer-Payment) konzentriert haben. Da war einmal das Berliner Unternehmen Cringle, das „trotz stetiger Weiterentwicklung des Produktes und positivem Nutzerfeedback“ einen Insolvenzantrag stellen musste. Das Unternehmen hatte es immerhin schon geschafft „cringeln“ (für zahl mir das Geld per Cringle) in den Sprachgebrauch zu überführen. Cringle sammelte noch vor einem Jahr mehr als 450.000 Euro über die Crowdfunding-Plattform Companisto ein. Cringle blitzte nach eigenen Angaben bei Wachstumsfinanzierern ab, weil diese sich Sorgen machen wegen eines möglichen Markteintritts von Google, Apple, Facebook und Amazon. Investoren glaubten, das Rennen um den Nutzer sei bereits an diese US-Technologiekonzerne verloren.

Einen ähnlich „schweren Weg“ musste das Münchner Unternehmen Lendstar gehen, das vielen aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt ist. Lendstar startete als Plattform zum Geldleihen unter Freunden (P2P-Lending) und entwickelte die Lendstar-App in Deutschland ähnlich wie Cringle zu einer Plattform von Zahlungen unter Privatpersonen. Bereits 2016 musste das nicht einmal gestartete aber mit hohen Erwartungen begleitete Start-up Cookies aufgeben beziehungsweise sich übernehmen lassen. Klarna übernahm Cookie und startete den neuen P2P-Zahlungsdienst Wavy, von dem ich erstmals im Zuge der Recherche zu diesem Beitrag etwas las. Immerhin wird die App laut Google Play Store regelmäßig aktualisiert, hat über 10.000 Installation und gute Bewertungen.

Kein Freifahrtschein für Tech-Riesen

Cringle, Lendstar, im vorletzten Jahr Cookies und schon 2015 Yapital sind wie viele andere Dienstleister im Payment Bereich mittlerweile Geschichte. Daraus wiederum das Narrativ abzuleiten, die großen Tech-Konzerne werden das Rennen machen, halte ich aber nicht für zwingend.

Zahlungsverkehr beziehungsweise die Erfüllung von Geldschulden ist rechtlich keineswegs so einfach, wie man glaubt. Rechtlich zugeflossen ist eine Zahlung nämlich erst dann, wenn der Empfänger die wirtschaftliche Verfügungsmacht über das Geld erhalten hat. Und bei Diensten wie Cringle, Lendstar oder Paypal oder Apple oder Google Pay ist gar nicht klar, wann ein Zahlungsvorgang juristisch abgeschlossen ist. So hat der Bundesgerichtshof im „Käuferschutz-Urteil“ im vergangenen Jahr deutlich gemacht, dass es Fälle gibt, in denen ein Verkäufer nicht final über den geschuldeten Kaufpreis verfügt und der Käufer noch einmal zahlen muss (im Detail ist das natürlich etwas komplizierter und z.B. hier nachzulesen).

Aber trotz der aus juristischer Sicht keineswegs trivialen Rechtslage scheint sich dennoch das mobile Bezahlen (ausführliche Bestandsaufnahmen dazu hier von Payment and Banking) nach sehr langer Anlaufstrecke mittlerweile zu verbreiten. Zu verdanken ist dies diversen Initiativen der Großbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken sowie Google und Apple Pay. Vorbei sind die Zeiten, wo man wie einst beim Pionier Yapital, nur in bestimmten Geschäften mit seinem Smartphone bezahlen konnte. Alle Banken(-gruppen) sind mehr oder weniger dabei. Und für Nutzer wird es ohnehin irrelevant, ob eine Wallet von Apple, Google oder den Volksbanken aufgerufen wird. Der braucht heute nur noch zu schauen, welches Terminal NFC-fähig ist und hält dann einfach sein Smartphone an das Terminal. In den meisten Fällen (leider nicht immer), so meine persönliche Erfahrung, funktioniert das einwandfrei.

Das Bezahlen ist immer noch ein komplexer Prozess

Wirklich disruptiv ist aber das mobile Bezahlen nicht. Das Bezahlen wird trotz moderner Frontends durch Google und Apple nicht wirklich neu gedacht. Das was heute als modernes Zahlungsverfahren gilt, ist nicht besonders revolutionär, denn die an einem Zahlungsprozess Beteiligten reduziert sich nicht mit Apple oder Google Pay. Im Gegenteil, die gesamte und für Kunden nicht sichtbare Kette für die Zahlungsabwicklung zwischen Kunden und Händler wird einfach nur verlängert. Ohne hier auf die Details eingehen zu können, sind an einem Zahlungsprozess neben dem Kunden und Händler bis zur finalen Verrechnung mindestens acht (Finanz-)Dienstleister beteiligt. So stellt Google in einer eigenen Darstellung des Prozesses für Google Pay fünf beteiligte Dienstleister dar. Dazu kommen Google selbst sowie die Bank des zahlenden Kunden und des empfangenden Händlers. Hier muss mir noch einmal jemand erklären, warum das ein effizienter Prozess sein soll.

Aber was im Maschinenraum stattfindet, interessiert die Kunden meist nicht, wenn sie eine nahtlose Bezahlerfahrung haben. Manche nennen das „frictionless payments“. Gemeint ist damit der reibungslose Handel, um Daten von Geräten, Apps und Websites zu nutzen und Kaufmöglichkeiten so einfach und nahtlos wie möglich in den Alltag und die natürliche Umgebung der Verbraucher zu integrieren. Wie ein solcher Weg in Geschäften aussehen kann, testet gerade Amazon mit seinen Ladengeschäften ohne Ladenkasse. Die Amazon Go genannten neuen Shops sollen nahezu ohne menschliches Personal auskommen und verfügen über keine Kassen. Kunden registrieren sich beim Hineingehen in den Laden über die „Amazon-Go“-App. Dann registriert eine ausgeklügelte Technik mit Hilfe der Kameras und Sensoren, was der Kunden in seinen Wagen packt. Nach dem Aussuchen der Ware verlassen die Kunden einfach das Geschäft.

Ob diese neue Technologie massentauglich ist, muss sich erst noch zeigen. Klar dürfte aber damit sein, dass die Verfahren des mobilen Bezahlens, an die wir uns heute in Deutschland gewöhnen, nur eine weitere Zwischenstation in Richtung Zukunft darstellen.

Capital-Kolumnist Dirk Elsner

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


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