KernenergieWarum der Ausstieg aus dem Atomausstieg keine gute Idee ist

Das Atomkraftwerk Isar 2 soll 2022 abgeschaltet werdenimago images / Andreas Haas

Deutschland muss dringend CO2 einsparen – jedenfalls, wenn das Land die Ziele erreichen möchte, die von der Bundesregierung beschlossen wurden. So soll die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde in schon knapp neun Jahren, im Jahr 2030, 55 Prozent weniger Treibhausgase als im Jahr 1990 produzieren. Die Stromerzeugung ist in Deutschland der größte Einzelposten auf dieser CO2-Rechnung. Wäre es da nicht klug, eine vorhandene Technologie weiter zu nutzen, die vergleichsweise wenig Treibhausgase freisetzt? Wäre es nicht vernünftig, die deutschen Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, um die Klimaziele zu erreichen?

Ja, auch Atomkraftwerke produzieren Treibhausgase. Durch den Abbau des Brennstoffs Uran, den Bau der Meiler und die Produktion der Baustoffe fallen bei deutschen Kernkraftwerken rund 31 Gramm CO2 pro Kilowattstunde produzierten Strom an, rechnete das Öko-Institut bereits 2007 vor. Block C des AKW in Grundremmingen, das Ende des kommenden Jahres abgeschaltet werden soll, und rund 11 Milliarden Kilowattstunden Strom bereitstellt, ist demnach für etwa 350.000 Tonnen Kohlendioxid verantwortlich. Doch im Vergleich mit anderen fossilen Energieträgern ist der Ausstoß minimal: Das Braunkohlekraftwerk Neurath am Niederrhein etwa produziert mit 31 Milliarden Kilowattstunden Strom drei Mal so viel Strom – aber verursacht mit rund 32 Millionen Tonnen CO2 in etwa das neunzigfache der Emissionen.
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Außerdem haben die sechs verbliebenen deutschen AKWs ihre ursprünglich geplante Laufzeit von 40 Jahren noch nicht erreicht. Sie sind zwischen 31 und 35 Jahren alt, könnten also theoretisch über das Jahr 2022 hinaus noch weiter betrieben werden. Dann sollen die sechs verbliebenen Meiler eigentlich vom Netz gehen. Knapp 14 Prozent des deutschen Strombedarfs werden derzeit von Kernkraftwerken gedeckt, fast 20 Prozent von Braunkohlekraftwerken. Warum also nicht auf die Schnelle die „schmutzigen“ Kohlemeiler abschalten und die „sauberen“ Atomkraftwerke zugunsten der CO2-Bilanz weiterlaufen lassen? Rechnerisch könnten die sechs AKWs die Braunkohlekraftwerke Neurath und Niederaußem locker ersetzen – deren Emissionen zusammengerechnet sind vergleichbar mit denen ganzer Staaten wie Bulgarien oder Irland.

Niederlande planen bis zu zehn neue Meiler

Punktuell gibt es in Deutschland immer wieder Forderungen, Atomkraft könne einen Beitrag zu einer CO2-ärmeren Energieerzeugung leisten. Anfang des Jahres tauchte ein Positionspapier der CDU auf, in dem „kleine, modulare Reaktoren“ als „mögliche Variante für eine CO2-freie Energieproduktion“ geprüft werden sollten. Im Sommer gab es vom Verein Nuklearia organisierte Proteste vor deutschen Kernkraftwerken – für deren Weiterbetrieb. Mit der AfD sitzt eine Partei im Bundestag, die den Atomausstieg komplett rückabwickeln möchte und auch Spitzenpolitiker haben sich für die Technologie ausgesprochen. So sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer Anfang des Jahres, er halte einen Wiedereinstieg Deutschlands in die Atomkraft für möglich – sie könne gegen den Klimawandel helfen. Für Aufsehen sorgte auch Volkswagen-Chef Herbert Diess im vergangenen Jahr, als er sich öffentlich pro Atomkraft positionierte: „Ich würde erwägen, den Atomausstieg infrage zu stellen, ja, vor allem weil wir noch nicht über ausreichend regenerative Energiequellen verfügen“, sagte der VW-Manager damals der „Zeit“.

Auch außerhalb der deutschen Grenzen scheint Atomkraft vor dem Hintergrund des Klimawandels wieder eine neue Bedeutung zu bekommen. In den Niederlanden prüft die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte den Wiedereinstieg im großen Stil. Im Gespräch ist der Neubau von drei bis zehn Reaktoren. Polen arbeitet an einer neuen Energiestrategie, in der bis zu sechs Meiler vorgesehen sind. In Finnland, Frankreich und Großbritannien sind neue AKWs im Bau. In China, Indien und Russland sind zum Teil Dutzende neue Kraftwerke geplant. Zudem wird in mehreren Staaten an Reaktoren der sogenannten „vierten Generation“ geforscht, deren Abfallprodukte schon nach einigen hundert Jahren ungefährlicher sein sollen als in der Natur vorkommendes Uran-Erz.

In Deutschland jedoch wird die Debatte aus guten Gründen nur punktuell geführt. Die Argumente sowohl gegen eine Laufzeitverlängerung als auch gegen den Wiedereinstieg sind geradezu überwältigend. Und das Warten auf den Wunderreaktor ist möglicherweise vergebens.

„Ein Ausstieg aus dem Ausstieg ist aus vielen Gründen fast unmöglich“, sagt Christoph Podewils von der Denkfabrik Agora Energiewende, „und das betrifft vor allem die langfristige Planung der Energiekonzerne, die sich seit Jahren auf den Ausstieg eingestellt haben.“ Er glaubt, dass es einen „gigantischen Aufschrei“ auslösen würde, wenn die Meiler doch noch länger am Netz bleiben sollten – „und zwar nicht nur von Seiten der Atomkraftgegner, sondern vor allem von den Akteuren, die sich in diesem Markt bewegen.“