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Energiekrise Warum Blackouts vor allem in Osteuropa immer wahrscheinlicher werden

Nach einem russischen Raketenangriff bleiben die Straßen in Kiew am 3. November dunkel
Nach einem russischen Raketenangriff bleiben die Straßen in Kiew am 3. November dunkel
© IMAGO / NurPhoto
Bombenangriffe führen immer wieder zu Blackouts in der Ukraine. Doch für einen solchen Fall sind nicht einmal Bomben nötig. Einigen Ländern fehlt häufig nur das Gas – wie in Osteuropa

Seit Oktober greift Russland großflächig und gezielt Energieanlagen in der Ukraine an. Mit Raketen und Drohnen. Das ukrainische Energienetz ist sehr angeschlagen. Schon 40 Prozent des Netzes sind laut Präsident Wolodymyr Selenskyj beschädigt. Kraftwerke sind teils kaputt oder komplett zerstört.

Über 1000 Gemeinden und Städte in der Ukraine müssen jeden Tag ohne Strom auskommen. Auch in der Hauptstadt Kiew fallen immer wieder Strom und Wasser aus. Es gebe einen Plan, welches Viertel und welche Region wann wie lange Strom bekommt, berichtet der Reporter Jürgen Weichert. Meist werde der Strom pro Tag für vier Stunden abgeschaltet. 

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko nannte die gezielten Angriffe auf die kritische Infrastruktur einen „Genozid“. Und er warnte vor weiteren Angriffen auf die ukrainische Infrastruktur: „Wenn es draußen minus 10, minus 20 Grad werden, was jeden Winter passiert, dann haben wir richtige Probleme.“

Sicherheitsprobleme in Europa „sind möglich“

Die Ukrainer versuchen sich zu behelfen: Schmieden Öfen für den Winter, Krankenhäuser stellen riesige Holzöfen und Dieselgeneratoren auf, Unternehmen passen ihre Arbeitszeiten an die Stromabschaltungen an. Hilfe kommt auch aus Deutschland. Das Technische Hilfswerk hat mehrere riesige Generatoren für die Rettungsdienste in die Ukraine gebracht. 

Bei akuten Krisen wie Stromausfällen oder Blackouts springt Europa ein. Während Stromausfälle eine zeitweilige Unterbrechung der Stromversorgung bedeuten, dauern Blackouts länger an und betreffen größere Regionen. Beim EU-Programm für Katastrophenschutz können alle Mitgliedstaaten, aber auch alle anderen Länder der Welt Hilfe beantragen - das ist auch bei Naturkatastrophen oder Waldbränden der Fall. Die betroffenen Staaten bekommen dann zum Beispiel Stromgeneratoren oder Wasserpumpen geliefert. Über das Programm wurden bereits fünf Millionen Jodtabletten in die Ukraine geschickt, für Menschen, die in der Nähe bedrohter Atomkraftwerke wohnen. 

„Sicherheitsprobleme sind möglich“, sagt Miranda Schreurs, Professorin für Umwelt und Klimapolitik an der Hochschule für Politik München, im Podcast „Wieder was gelernt“. Deshalb versuche Europa, die Infrastruktur stärker zu schützen. Das sei aber nicht so einfach, denn es gebe nicht genügend Personal für eine permanente Überwachung: „Man kann Pipelines oder Stromnetze nicht die ganze Zeit beobachten.“

Terrorangriff in mehreren Ländern wäre „schwierig“

Wie verwundbar die kritische Infrastruktur in Europa ist, zeigen auch die Sabotageaktionen bei den Nord-Stream-Pipelines im September oder bei der Deutschen Bahn im Oktober. Seitdem beobachtet die Bundespolizei zwar punktuell die Bahnstrecken, aber zehntausende Kilometer Schienen permanent im Blick zu haben, das ist natürlich unmöglich. Auch das Gebiet in der Ostsee, wo die Nord-Stream-Pipelines liegen, ist viel zu groß, um es komplett zu überwachen und zu schützen. 

Solche Sabotageangriffe sind nur ein Grund für einen großflächigen Blackout. Möglich sind auch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Waldbrände oder Cyberangriffe. 

Wenn das passiert, ist entscheidend, wer alles betroffen ist. Ein einzelner Stromausfall in einem Land oder an einem Standort wäre noch handhabbar, sagt Miranda Schreurs: „Dann hat man Teams, die innerhalb kürzester Zeit das Stromnetz wieder aufbauen. Wenn man es mit einem Terrorakt zu tun hat, der gleichzeitig mehrere Länder oder mehrere Standorte innerhalb eines Landes angreift, wäre das natürlich ein schwieriger Fall.“

Blackoutgefahr in Frankreich hoch

Ein Risikofaktor für einen Blackout ist die aktuelle Energiekrise. In Deutschland sind die Gasspeicher voll. Das Risiko dafür ist bei uns also zumindest in diesem Winter sehr gering. In anderen Ländern sind Blackouts im Winter wahrscheinlicher, weil bei ihnen das Gas knapper ist, in Tschechien beispielsweise. Miranda Schreurs warnt vor Engpässen auch in der Slowakei oder Estland. „Die größte Gefahr besteht in den Ländern, die zu 100 Prozent abhängig von russischem Gas oder Öl sind. Das sind zum größten Teil die kleineren Länder, die baltischen Länder oder ein Land wie Ungarn.“

Auch in Frankreich besteht die Gefahr eines Blackouts. Dort ist momentan etwa die Hälfte der Kernkraftwerke nicht in Betrieb. Das Land produziert viel weniger Strom. Frankreich ist deshalb von Stromimporten aus Deutschland abhängig. „In Ländern wie Belgien, die ziemlich abhängig von Kernkraftwerken sind, wäre auch ein Blackout möglich, wenn es ein technisches Problem geben würde“, sagt die Energieexpertin im Podcast. 

In Deutschland hält die Expertin einen flächendeckenden Stromausfall für sehr unwahrscheinlich. Die Gefahr sei im nächsten Jahr viel höher, weil es dann wahrscheinlich länger dauert, die Gasspeicher zu füllen.

Exportstopp für deutschen Strom im Winter?

Die EU-Kommission hält großflächige Blackouts für wahrscheinlich. Auch der Stresstest der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber hat ergeben, dass in bestimmten Regionen in Europa in einigen Szenarien die Nachfrage nicht vollständig gedeckt werden kann - ohne zusätzliche Maßnahmen. Die Netzbetreiber hatten die Auswirkungen einer kritischen Lage auf den Energiemärkten auf den Stromsektor in Deutschland und Europa untersucht.

Der Technik-Chef des größten deutschen Übertragungsnetzbetreibers Amprion, Hendrik Neumann, sieht die Gefahr, dass Deutschland im Winter keinen Strom mehr exportieren kann. Ansonsten breche das eigene Stromnetz zusammen, sagte Naumann der „Financial Times“. Allerdings würde ein solcher Exportstopp nur für einige Stunden gelten. 

Das wäre trotzdem ein großes Problem für Frankreich, das auf die deutschen Stromlieferungen setzt. Damit es nicht zu einem Blackout kommt, plant der französische Netzbetreiber RTE, im Notfall den Menschen das warme Wasser abzustellen. „Die Länder versuchen momentan, einander zu unterstützen, sodass in keinem Land ein kompletter Blackout stattfindet. In diesem Fall ist es notwendig, dass man so viel wie möglich Energie einspart. Das ist in Frankreich im Moment auch der Fall“, erläutert Miranda Schreurs im „Wieder was gelernt“-Podcast.

Generatoren stabilisieren Stromnetz

Ein Blackout kommt relativ selten vor. Kleinere regionale Stromausfälle kann es dagegen häufiger geben. Zum Beispiel, wenn bei Bauarbeiten versehentlich Kabel zerstört werden. Oder einzelne Regionen müssen zeitweise vom Netz genommen werden, wenn nicht genug Energie da ist, wie es jetzt in der Energiekrise vorkommen kann. Die Länder könnten zwar Strom in anderen europäischen Ländern zukaufen. Die Möglichkeiten sind in der aktuellen Mangellage aber insgesamt begrenzt.

Damit das Netz stabil bleibt, muss immer genau so viel Strom eingespeist werden, wie entnommen wird. Strom kann man im Übertragungsnetz nicht speichern.

In Deutschland wird das Netz unter anderem stabilisiert mit Generatoren in Kohle- und Atomkraftwerken. Die laufen an, sobald die Frequenz abfällt. Ersetzt werden könnten sie durch Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen. Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik hat das am Beispiel von Windkraftanlagen erforscht.

Erneuerbare Energien könnten das Stromnetz stärken, sagt Miranda Schreurs. Ihre Dezentralisierung mache einen Blackout schwieriger - das schütze vor Attacken. Zudem machen uns die erneuerbaren Energien unabhängiger von fossiler Energie.

Längerer Blackout wäre gefährlich

Ein kürzerer Blackout hätte höchstwahrscheinlich keine großen Auswirkungen, schätzt die Energieexpertin. Wenn ein Blackout länger dauert, wäre das problematisch für das gesamte öffentliche Leben. Heizungen und Kühlsysteme würden ausfallen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung wären gestört. Wir könnten nicht mehr telefonieren und nicht mehr das Internet nutzen.

Am gravierendsten wäre ein großflächiger Stromausfall für die Industrie, ist sich Miranda Schreurs im Podcast sicher. Sie müsste ihre Produktion auf Eis legen, die Wirtschaft läge brach. Sie sieht zudem bei wiederkehrenden Blackouts die Gefahr, dass sich Protestbewegungen entwickeln. „Aber meine Hoffnung ist, dass Europa zusammenhält und sagt, was in der Ukraine passiert, ist viel schlimmer als ein kurzer Blackout hier in Europa.“

Der kommende Winter wird härter als die vergangenen. Europa muss sich gegenseitig aushelfen - vor allem mit Energie. Die europäische Solidarität steht vor einer Belastungsprobe.

Dieser Artikel ist zuerst auf ntv.de erschienen. 

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