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Energiekrise Von Bier bis Gemüse: Wie sich die Energiekrise in die Wirtschaft frisst

Brauerei Huyghe im belgischen Melle
Die belgische Brauerei Huyghe ist für ein Bier namens Delirium Tremens bekannt, nun muss sie womöglich die Produktion einstellen
© picture alliance/dpa/BELGAPLUS | Nicolas Maeterlinck
Die Energiekrise in Europa zieht immer weitere Kreise. An einer belgischen Brauerei und einem deutschen Gemüseanbaubetrieb wird deutlich, welche Folgen die Krise für Unternehmen hat 

Die Energiekrise sorgt in Europas Wirtschaft für immer größere Verwerfungen, die weit über den Versorgersektor und energieintensive Branchen wie die Stahlindustrie hinausgehen. Beispiel Belgien: Hier läuft die Brauerei, die das Bier Delirium Tremens herstellt, erstmals in ihrer über hundertjährigen Geschichte Gefahr, die Produktion einstellen zu müssen. Deutsche Landwirte, die Tomaten anbauen, kämpfen ebenso mit Schwierigkeiten wie Bäckereien in Schweden.

Die Brauerei Huyghe im belgischen Melle hat es mit einem 13-fachen Preisanstieg bei flüssigem Kohlendioxid zu tun. Ihr Lieferant macht die Force-Majeur-Klausel geltend, sodass Brauereichef Alain de Laet nach einem Plan B suchen muss, um an Kohlensäure für sein Bier zu kommen. „Vielleicht muss ich die Produktion stoppen”, so de Laet. Es wäre das erste Mal seit Gründung der Brauerei 1906.

Die Schwierigkeiten der belgischen Brauerei wurden durch eine Verkettung ungünstiger Umstände ausgelöst, die zeigt, wie sehr die europäische Wirtschaft von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist. Angesichts des Gaskostenschocks, der auf die europäischen Sanktionen im Zuge von Russlands Invasion in der Ukraine folgte, hat der norwegische Düngemittelriese Yara International die Ammoniakproduktion in einem Werk in den Niederlanden eingestellt. Das wiederum traf Huyghes Zulieferer Nippon Gases: Pro Tonne CO2 verlangt er nun 3350 Euro, statt wie bisher 250 Euro.

„Derzeit ist die Gasproduktion in Europa nicht rentabel“, teilte Yara mit. Das Unternehmen beobachte die Lage und werde die Produktion anpassen. Nippon lehnte eine Stellungnahme unter Hinweis auf ein laufendes Gerichtsverfahren ab.

„Vor ein paar Monaten funktionierte die Branche wie ein Schweizer Uhrwerk“, sagte der Chef des Belgischen Brauerverbands Krishan Maudgal. Inzwischen hätten die steigenden Gaspreise in der Wertschöpfungskette einen Dominoeffekt ausgelöst.  

Probleme auch beim Gemüseanbau

Der Kohlendioxid-Mangel macht auch dem Bierkonzern Carlsberg zu schaffen. Er kündigte an, seine Produktion in Polen womöglich „deutlich reduzieren“ zu müssen – auch ein Komplettstopp ist nicht ausgeschlossen. Kohlensäure ist ein Nebenprodukt der Ammoniakproduktion, die mit dem Preisanstieg beim Ausgangsstoff Erdgas unrentabel werden kann. 

Für das Unternehmen Wittenberg Gemüse bedeutete die Unterbrechung der Ammoniakproduktion bei einem Geschäftspartner auch den Verlust der für den Betrieb ihrer Gewächshäuser benötigten Heizung und des Warmwassers. Die Firma aus Sachsen-Anhalt, die Tomaten, Erdbeeren und Paprika anbaut, ist sowohl bei der Wärmeversorgung als auch bei der CO2-Versorgung auf SKW Piesteritz angewiesen. Deutschlands größter Hersteller von Ammoniak und Harnstoff hat wegen ausufernder Kosten letzte Woche seine Produktion eingestellt. 

Das Düngemittelwerk der SKW Piesteritz hinter einem Gewächshaus von Wittenberg Gemüse in Wittenberg
Düngemittelwerk der SKW Piesteritz hinter einem Gewächshaus von Wittenberg Gemüse in Wittenberg
© Bloomberg

„Ohne Heizung geht hier gar nichts“, sagte Manager Kevin van IJperen. „Wir hatten noch Glück, denn in der letzten Woche waren die Temperaturen mild. Wäre dies später im Jahr passiert, hätten wir große Verluste gehabt.“

Die SKW steht für rund 40 Prozent der deutschen Produktion des Emissionssenkers Adblue, ohne den moderne Diesel-Fahrzeuge nicht fahren können. Wegen dieser Bedeutung für den Transportsektor hofft das Unternehmen auf Staatshilfen und kündigte an, die Produktion neu zu starten, was mehrere Tage dauernder Prozess ist.

In Schweden warnt die Großbäckerei Pagen wie andere Lebensmittelhersteller vor Risiken für die Lebensmittelversorgung durch steigende Energiekosten und drohende Stromausfälle. Im Juni habe eine einsekündige Stromunterbrechung die Produktion vier Wochen lang gestört, gab Pagen-Kommunikationschefin Berith Apelgren gegenüber lokalen Medien zu Bedenken. Wiederkehrende Ausfälle wären „unfassbar“.

Laut Belgiens Premierminister droht der europäischen Wirtschaft mit der Gaskrise ein „ausgewachsener“ Dominoeffekt. Eingriffe in den Gasmarkt seien daher “das A und O”, sagte Alexander de Croo. „Wenn man das richtig macht, sind viele andere Dinge eigentlich weniger wichtig, denn das ist das treibende Element.”

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