Weltwirtschaft Vom „Hurrikan“ bis zum „Ende der Zivilisation“ – wo stehen wir nach drei Monaten Krieg?

Denkmäler in Kiew sind mit Sandsäcken geschützt
Viele wertvolle Denkmäler sind mit Sandsäcken geschützt, um sie vor Angriffen zu schützen. Während Kiew versucht, zur Normalität zurückzukehren, wird auf den Straßen deutlich, dass der Krieg weiter wütet
© IMAGO / ZUMA Wire
Fast jeden Tag hören wir Stimmen über die großen Probleme, vor der unsere Wirtschaft von Inflation, Zinswende und Krieg steht. Manche Daten machen allerdings auch Hoffnung – eine Zwischenbilanz nach drei Monate Krieg in der Ukraine

Die Tage sind nicht arm an düsteren Prognosen und Prophezeiungen. Inzwischen ist von einer Rezession bis zur Apokalypse alles drin. Wenn aber jeden Tag die Welt untergeht, stumpft man sogar als überängstlicher Deutscher etwas ab. Was natürlich nicht bedeutet, dass eigentlich alles okay ist.

Diese Woche warnte Jamie Dimon vor einem „Hurrikan“, der auf die Weltwirtschaft zukomme. „Wir wissen nicht, ob es ein kleinerer ist oder Supersturm Sandy. Machen Sie sich auf etwas gefasst.“ Der Chef der größten US-Bank JP Morgan mahnte Investoren, sich zu wappnen – angesichts der toxischen Mischung aus Krieg, Inflation und Straffung der Geldpolitik. Die Wirtschaft stehe vor einer beispiellosen Kombination von Problemen. Ähnliche Warnungen vor einer Ballung von Krisen hatte es im Frühjahr vom IWF gegeben („We are facing a crisis on top of a crisis.“), und, ebenfalls diese Woche, von einem Kreis von Hedge-Fonds-Managern, die sich ansonsten in Risiken baden.

Selbst der Super-Optimist Elon Musk klingt dieser Tage ganz anders als sonst: Er habe „ein super-schlechtes Gefühl“ angesichts der Lage der Weltwirtschaft, schrieb Musk heute Nacht in einer E-Mail an seine wichtigsten Mitarbeiter bei Tesla, die Betreffzeile lautete „Stoppt alle Neueinstellungen weltweit“. Laut Nachrichtenagentur Reuters, die als erstes über die Mail berichtete, plant der Autobauer sogar, jede zehnte Stelle zu streichen.

Ist die Stimmung schlechter als die Lage?

Vor einer Woche erst hielt der legendäre Investor Georg Soros auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede, dass der Champagner in den Gläsern gefror. Er warnte davor, man stehe in der Ukraine am Beginn eines neuen Weltkrieges. Und da die Menschheit derzeit mit dem Kampf gegen den Totalitarismus vollends eingebunden sei, könnte sie sich um die anderen elementaren Themen wie die Pandemie und den Klimawandel nicht richtig kümmern. „Deshalb sage ich“, so Soros, „dass unsere Zivilisation vielleicht nicht überleben wird.“ (Früher hätte er dagegen gewettet.)

Gibt es also nur noch Untergang?

Eine Analyse des Nachrichtendienstes „Bloomberg“ erinnerte an den früheren Finanzminister Paul O'Neill, der sich 2001 über die Diskrepanz zwischen soliden Wirtschaftsdaten und der düsteren Stimmung ärgerte. Sein Rat: CEOs sollten damit aufhören, ständig darüber zu reden, die Lage sei düster. Denn wenn man ständig rede, rede es man sich irgendwann ein.

Eine Umfrage unter amerikanischen CEOs im letzten Monat hatte ergeben, dass die große Mehrheit eine kurze, leichte Rezession erwartet. Ökonomen von Goldman Sachs wiesen allerdings darauf hin, dass laut derselben Umfrage fast zwei Drittel der Unternehmen planen, Leute einzustellen. Es gebe, so die Analysten, „eine wachsende Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Wirtschaft und den tatsächlichen Geschäftsbedingungen“. Kurz bevor Dimon vor dem Hurrikan warnte, kam in den USA der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe raus – das Ergebnis: viel mehr Auftragseingänge als erwartet.

Nicht alle Daten weisen in den Untergang

Wir kennen das vom Ifo-Index: Eben denkt man noch, die Welt geht unter – und plötzlich melden die Chefs volle Auftragsbücher. Oder schauen wieder etwas positiver in die Zukunft. Dennoch kann sich die Stimmung von den harten Daten manchmal entkoppeln. Wenn man sich anschaut, was Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren in ihren Lieferketten wegstecken und neu organisieren mussten, muss man respektvoll feststellen, wie resilient sie sind – und dass sie eben doch noch wachsen.

In Europa sieht die Lage natürlich etwas anders aus als in den USA. Wir leiden mehr unter der Energie- und Rohstoffkrise, die Mehrheit der Ökonomen erwartet eine Rezession.

Man muss, gut drei Monate nach Ausbruch des Krieges allerdings feststellen, dass sich die Stimmungslage fast genauso festgefahren hat wie das Kriegsgeschehen, eine Düsterkeit mit ersten Abnutzungserscheinungen, ohne Ausblick auf jenes Hoffnungsereignis, das in der Pandemie der Impfstoff war. Damit möchte ich nicht das Grauen an der Front relativieren; wenn aber jede Aussicht nur noch am Abgrund steht, stumpft man ein wenig ab. Da ergeht es dem Ukraine-Ticker wie dem Corona-Ticker.

Fazit: Die Erwartungen verheißen nichts Gutes, die Stimmung auch nicht, aber nicht alle Daten weisen in den Untergang. Und manche machen sogar Hoffnung.

Was lässt sich nach drei Monaten Krieg noch festhalten? Folgende acht Thesen:

  • Russland hat seine wichtigsten strategischen Ziele nicht erreicht; sondern das Gegenteil (stärkere, aufgerüstete NATO, erhebliche internationale Isolation). Aber es könnte seine abgespeckten Kriegsziele in der Ostukraine erreichen und sich schmerzlich viel Landmasse der Ukraine einverleiben, dass Asowsche Meer zu einem russischen Binnengewässer machen – und der Ukraine bis auf Odessa alle Häfen nehmen. Oder auch mit Odessa. Was Moskau als Sieg verkaufen könnte.
  • Die Kriegsziele des Westens sind nach drei Monaten immer noch unklar – aus dem entsetzten „Putin stoppen“ und „der Ukraine helfen, aber einen Dritten Weltkrieg vermeiden“ schält sich zumindest bei den Amerikanern ein taktisches Ziel heraus, die Russen so umfassend zu schwächen, dass sie auf absehbare Zeit keine weiteren Angriffskriege in dieser Dimension führen können – dafür haben die USA eine beispiellose Hilfe von 54 Mrd. Dollar bereitgestellt. Es gibt aber keine Klarheit darüber, was eine strategische Niederlage Russlands genau bedeutet. Sieg und Niederlage sind seit Anbeginn dieses Krieges nicht definiert, weshalb auch unklar ist, ab wann ein Zustand erreicht ist, an dem verhandelt werden kann.
  • Die Sanktionen wirken, aber es dauert, bis sich die Wirkungen entfalten – sie führen nicht den schnellen Kollaps der russischen Wirtschaft herbei, den manche ersehnt haben, einschließlich eines Sturzes Putins. Dass die russische Wirtschaft um mehr als ein Jahrzehnt zurückgeworfen wird, scheint ausgemacht – wie sehr Russland andere Länder in Europa mit in den Abgrund ziehen kann und will, nicht. Von der Rohstoffgewinnung über die Autoproduktion bis zur Flugbranche ist völlig unklar, wie Russland diese in den kommenden Jahren ohne westliche Technologie betreiben will. Die „Re-Sowjetisierung“ Russlands ist das wahrscheinliche Szenario.
  • Das „Self-Sanctioning“ der Wirtschaft war massiver als erwartet. Viel mehr Unternehmen (nahezu 1000) verabschieden sich ganz oder auf absehbare Zeit aus Russland als von Moskau befürchtet und im Westen erhofft – was der eigentliche Hebel der Sanktionen ist. Es geht um mehr Substanz als Symbolik wie bei McDonald‘s oder IKEA – mit Konzernen wie Renault und Siemens verabschieden sich Unternehmen, die Milliarden investiert haben oder seit Jahrzehnten aktiv sind.
  • Nach drei Monaten bröckelt die Einheit Europas. Ungarn ist wie erwartet als erster und wiederholt ausgeschert, das mühsame erkämpfte, abgespeckte Öl-Embargo hatte auch schon Bedenken von Griechenland, Malta und Zypern hervorgerufen. Bei einem Gas-Embargo wird es wohl keine Einigkeit geben. Die hohen Energiepreise und die Inflation könnten Europa weiter spalten und die Bereitschaft untergraben, für die Kosten der Sanktionen solidarisch einzustehen.
  • Deutschland hat in dieser Krise nicht nur keine Führungsrolle eingenommen, sondern ein jämmerliches Bild abgegeben – allen voran die deutsche Verteidigungsministerin. Es gibt Ausnahmen wie Robert Habeck und überraschende Verzwergungen und Entzauberungen wie jene, die Kanzler Olaf Scholz ereilt haben. Ansonsten fürchten die Deutschen vor allem um die Gasversorgung, die wir von unserer Seite trotz der Kriegsgräuel aufrechterhalten werden. Die Zukunft ohne russisches Gas für Deutschlands Industrie ist noch nicht entworfen, sie wird nur proklamiert.
  • Andere Krisen, die uns sonst täglich beschäftigt oder den Atem geraubt hätten, sind nahezu untergegangen in der Wahrnehmung, allen voran die verheerenden Lockdowns in China. Auch die Wucht und das Epochenprägende der Klimakrise erscheint seit März wie hinter einem Milchglas, da muss man schon seine Sinne schärfen und den CO2-Restmengenrechner aufrufen. Auch wenn die Unternehmen tapfer an den Klimazielen festhalten. Die Zukunftsagenda der Ampel verstaubt in einer Vitrine, in dem auch die schrittweise Vertreibung der Deutschen aus dem Auenland dokumentiert ist – das 9-Euro-Ticket scheint derweil das wichtigste Projekt zur Modernisierung unseres Landes.
  • Die Ukraine verharrt, Tapferkeit hin oder her, auch im Überlebenskampf im Niemandsland. Die europäische Perspektive bleibt ein vages Versprechen, rhetorisch auf Jahrzehnte gestreckt. Die strategische Bedeutung der Ukraine haben wir erst nach Kriegsausbruch begriffen, ebenso ihre Nationalität, ihre Zugewandtheit, ihre Nähe zu unserem Lebensstil, ihren Demokratiewillen, ihre Modernität in den Metropolen, ihre Talente, und ihre Bedeutung für manche Bereiche – von der Autoindustrie bis zur weltweiten Ernährung. Diese perspektivische Verlorenheit ist, trotz aller Hilfen und der im Sekundentakt versicherten Solidarität, nicht verschwunden.

Sicherlich ließe sich zu dieser Liste manches hinzufügen, aber ich wünschte eher, ich könnte manches von ihr streichen.


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