Weltwirtschaft Die diffuse Düsterkeit der Weltwirtschaft

IWF-Chefin Kristalina Georgieva zeichnet ein düsteres Bild der Weltwirtschaft
IWF-Chefin Kristalina Georgieva zeichnet ein düsteres Bild der Weltwirtschaft
© IMAGO / Agencia EFE
Der IWF hat die Prognose für Deutschland fast halbiert. Und auch die Aussichten für die Weltwirtschaft machen wenig Mut. Dabei sollte 2022 das Jahr der Erholung werden, stattdessen befinden wir uns in einer doppelten Krise

Die Corona-Infektion von Christian Lindner in Washington, am Rande und im Zuge der Tagung des Internationalen Währungsfonds, hat eine bittere Symbolik: Als wollte sich die alte Krise noch einmal einnisten und aufblitzen, während es eigentlich um die großen Sorgen von morgen geht. Und diese Aussichten sind düster, aber von einer diffusen Düsterkeit.

In seiner jüngsten Prognose rechnet der IWF 2022 nur noch mit einem globalen Wachstum von 3,6 Prozent, 0,8 Prozentpunkte weniger, als er im Januar noch angenommen hatte. Auch für die Eurozone senkt der IWF die Prognose, erwartet ein Wachstum von 2,8 Prozent (1,1 Prozentpunkte weniger). Für Deutschland halbierte der Währungsfonds die Wachstumsaussichten nahezu, von 3,8 auf 2,1 Prozent, die höchste Herabstufung unter den großen Volkswirtschaften. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine „sendet Schockwellen über den ganzen Globus“, sagte die Direktorin des IWF, Kristalina Georgiewa. Man erlebe eine doppelte Krise. „We are facing a crisis on top of a crisis.“

Die Daten an und für sich sehen auf den ersten Blick nicht so schlimm aus, in normalen Zeiten wäre das für Deutschland ein gutes Wachstum – aber wir müssen uns erinnern, woher wir kommen: 2022 sollte ein Jahr der Erholung werden, der Normalität, des endlich störungsfreien Booms nach der Pandemie. Krisen erwischen die Weltwirtschaft oft überraschend, und die Ausbreitung von Omikron in China und angespannte Lieferketten hatten manche Aussichten schon gedämpft. Aber nur selten zuvor ist die Stimmung so umgeschlagen – von großen Hoffnungen auf düstere Erwartungen. Angstwörter bestimmen die Schlagzeilen: Stagflation, Inflation, Rezession, Energiekrise.

Viele kennen fast nur Krise

Die „crisis on top of a crisis” ist ein Symptom für die Jahre seit 2008/2009, in denen viele Länder zwar ein erfreuliches Wachstum erlebten, in denen sich aber mehrere Krisen häuften, ballten und überlagerten, so dass man manchmal gar nicht mehr wusste, welche Krise nun eigentlich vorbei und welche begonnen hatte. Jedes Jahr gefühlt eine Jahrhundertaufgabe. Und man wundert sich manchmal, wie robust und widerstandsfähig viele Unternehmen inzwischen sind, angesichts des Krisenmanagements, das dort seit vielen Jahren verlangt wird. Es gibt inzwischen eine Generation von jungen Unternehmerinnen, Gründern und Managern, die kennen fast nur Krise. Die linke Hand managed den Ausnahmezustand, die rechte den Alltag, der seine ganz eigenen Umwälzungen bereithält (Digitalisierung, Klimawandel).

Je granularer man sich in manchen Daten vertieft, desto weniger Hoffnungen hat man, dass der unermessliche Schaden des Krieges bald in den Griff zu bekommen ist. Wobei der unmittelbare Schaden natürlich die Ukraine trifft, die Zerstörungen werden auf bis zu 600 Mrd. Dollar geschätzt, das BIP dürfte um bis zu 35 Prozent einbrechen.

Aber auch hierzulande sind die Folgen spürbar: Nehmen wir zum Beispiel die deutschen Erzeugerpreise, sie sind so schnell gestiegen wie seit Gründung der Bundesrepublik nicht mehr. Ökonomen machen sich Sorgen, dass in der größten Volkswirtschaft der Eurozone „die Gefahr einer ernsthaften Stagflation besteht“, wie die „Financial Times“ festhielt. Die Erzeugerpreise für Industrieprodukte lagen im März um fast ein Drittel höher als im Vorjahresmonat, es war der höchste Anstieg seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1949. Und: Das Tempo der Preissteigerungen ist doppelt so hoch wie in den 1970er Jahren.

Hoffnungen machen dieser Tage natürlich das Tempo und die Entschlossenheit, mit der Deutschland seine Energieversorgung umbaut. Aber die Vorstellung, dass ein paar lokale Biogasprojekte, Solarparks und viele, schnell gebaute Windräder plus schwimmende LNG-Schiffe den kalten Entzug vom russischen Gas schon auffangen und abfedern werden, hat auch etwas Zweckoptimistisches, mitunter gar Bullerbühaftes .

Der bewährte Instrumentenkoffer hat ausgedient

Im harten Alltag sprengen zunächst die Steigerungen der Energiepreise jede Vorstellungskraft. Die importierte Energie war laut Daten des Statistischen Bundesamtes schon im Februar um 130 Prozent teurer als im Vorjahresmonat, im März waren es 145 Prozent. Insgesamt stiegen die Energiepreise um 84 Prozent, die Mineralölpreise um 61 Prozent. Düngemittel, Viehfutter, Holzprodukte und Getreidemehl – höhere Preise zwischen 34 und 87 Prozent. All das schlägt auf Gewinne, Margen, Preise und die Kaufkraft durch. Die Hoffnungen, das mit dem erprobten Instrumentenkoffer – etwas Kurzarbeit, Kfw-Kredite und eine Runde neuer Zuschüsse und Zuwendungen – abzufedern, könnten sich bald als trügerisch erweisen.

Jeffrey Currie, der bekannte Rohstoff-Analyst von Goldman Sachs, sagt voraus, dass man die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt auf Dauer nicht mit LNG-Schiffen am Laufen halten könne. Warum sollte man Flüssiggas auf Schiffen um die halbe Welt von den USA nach Deutschland bringen, hier die BMWs und S-Klassen bauen, um sie dann zurück über den Atlantik zu schiffen, fragt er. Da könnten ein paar Manager nach dem ersten Schock nochmal nachdenken. Currie hatte früh einen neuen Superzyklus bei Rohstoffen vorausgesagt, er schuf den Begriff der „Revenge of The Old Economy“. Seine These: Man könne nicht alles auf Corona (und nun den Krieg) schieben; es wurde über Jahre, im Grunde seit 2008,  „chronisch zu wenig investiert“, so Currie:

„Mit der Überalterung der Infrastruktur und dem Nachlassen der Investitionen nahm auch die Fähigkeit der alten Wirtschaft ab, die Rohstoffe zu liefern, auf denen viele Fertigwaren basieren. Nach Jahren der Vernachlässigung sind die heutigen steigenden Gaspreise, die Engpässe bei der Kupferversorgung und Chinas Probleme bei der Energieerzeugung die ,Rache der alten Wirtschaft’.“

Currie schätzt, dass wir uns jetzt erst im zweiten Durchgang des Superzyklus befinden. Das Problem sei eine „Volatilitätsfalle“, trotz steigender Rohstoffpreise würden Investitionen noch zurückgehalten.

Dies sind nur zwei Beispiele für Daten, die pessimistisch stimmen. Sicherlich könnte man auch einige finden, die in eine andere Richtung weisen. Immerhin hat Deutschland innerhalb von sechs Wochen vier schwimmende LNG-Terminals organisiert, die einen guten Teil des russischen Erdgases ersetzen könnten. Und könnte der Schock nicht auch heilsam und nicht nur schmerzhaft sein, weil er uns die fossile Abhängigkeit so dramatisch vor Augen führt?

Sicher. Aber es ist schon eine Ableitung und Deutung. Die Preise spürt man unmittelbar, die Metaebene bleibt erst mal abstrakt. In der Coronapandemie haben wir oft nur auf den Sommer gewartet. Dann würde schon wieder alles gut sein. Damit können wir diesmal kaum rechnen.


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