Deutscher Mittelstand „Wir werden Preiserhöhungen auf breiter Ebene sehen“

Besonders bei energieintensiven mittelständischen Unternehmen führt der Krieg in der Ukraine zu höheren Kosten
Besonders bei energieintensiven mittelständischen Unternehmen führt der Krieg in der Ukraine zu höheren Kosten
© IMAGO / Joerg Boethling
Russlands Krieg in der Ukraine lässt die Kosten bei deutschen Mittelständler in die Höhe schießen. Die meisten wollen es an Kunden und Verbraucher weitergeben, sagt Ökonom Claus Niegsch von der DZ Bank. Auch Betriebsschließungen seien nicht ausgeschlossen

Bei deutschen Mittelständlern explodieren wegen des russischen Krieges in der Ukraine die Kosten. Die Folge sind Preissteigerungen auf breiter Front. Denn wie eine Umfrage der DZ Bank zeigt, will die Mehrheit der Firmen ihre Mehrkosten an Kunden und Verbraucher weitergeben. Befragt wurden mehr als 1000 Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen. Deren wirtschaftliche Sorgen seien inzwischen groß, sagt Ökonom und Mittelstandsexperte Claus Niegsch.

Capital: Herr Niegsch, Ihre Umfrage unter Mittelständlern zeigt, dass vier von fünf Unternehmen die Preise erhöhen, um die Folgen des Krieges abzufedern. Sind diese Erhöhungen wirklich unvermeidbar?

CLAUS NIEGSCH:Ja, für viele Unternehmen, die stark von gestiegenen Kosten betroffen sind, sind die Erhöhungen unvermeidbar. Je mehr Vorprodukte oder auch Energie gebraucht werden, desto notwendiger wird es für Firmen, die Preissteigerungen an die Kunden weiterzureichen. Mittelständler, die weniger Vorprodukte brauchen, können Preiserhöhungen möglicherweise nicht so leicht durchsetzen.

Welche Branchen sind besonders betroffen und drehen jetzt an der Preisschraube?

Das Ernährungsgewerbe wird die Lebensmittelpreise deutlich verteuern, außerdem die Industriebranchen. Auch die Agrarerzeuger würden wahrscheinlich gerne die Preise stark erhöhen, aber da ist der Druck der Abnehmer und Verbraucher relativ groß. Es wird nahezu keine Branchen geben, die die Preise nicht erhöhen wollen. Manche Unternehmen machen das vielleicht nicht. Aber letztendlich werden wir auf breiter Ebene Preiserhöhungen bei den Erzeugern sehen, die sich auch fortsetzen im Handel und bei Dienstleistungen.

Was macht den Mittelständlern so zu schaffen?

Mittelständler sind eigentlich am Heimatmarkt orientiert und deshalb normalerweise relativ krisenresistent, weil der private Konsum in Deutschland nicht so stark schwankt und die Nachfrage relativ stabil bleibt. Doch nach Corona haben sie durch den Krieg innerhalb kurzer Zeit bereits die zweite Krise zu bewältigen; eine Krise, der sie sich nicht entziehen können. Sie können sich weder teureren Energiepreisen noch teureren Rohstoffen oder Vorproduktkosten entziehen. Das sind Geschehen auf dem Weltmarkt, denen sich ein rein auf Deutschland konzentriertes Unternehmen ausgesetzt sieht. Und das ist ein großer Unterschied zu vielen Krisen, die es vorher gab.

Vor allem große Firmen haben angegeben, dass sie Kosten an ihre Kunden weiterreichen wollen. Und die kleineren?

Stimmt, es sind zwar tendenziell größere, aber von den kleineren sind es immerhin auch drei Viertel, die höhere Absatzpreise aufgrund der Kostensteigerungen verlangen wollen. Der Unterschied ist gar nicht so groß. Natürlich haben kleine Unternehmen größere Probleme, Preissteigerungen durchzusetzen. Das liegt an der kleineren Verhandlungsmacht und an der Kundenstruktur.

Erstaunlicherweise machen die gestiegenen Öl- und Gaspreise vielen befragten Unternehmen noch keine großen Sorgen. Wieso nicht?

Bei Öl- und Gaspreisen im Mittelstand geht es zumeist um Heizenergie. Wie bei Verbrauchern, sind das oft längerfristige Verträge. Anders als bei Treibstoffpreisen wirkt sich eine Erhöhung nicht sofort und permanent aus, sondern erst dann, wenn neue Verträge geschlossen oder die Tanks gefüllt werden müssen.

Auf was müssen sich Verbraucherinnen und Verbraucher einstellen?

Die Verbraucher werden sich den höheren Preisen nicht entziehen können. Es geht los mit Strom- und Gaspreisen sowie Treibstoff, der sich stark verteuert hat. Die Rohstoffpreiserhöhung bei Metallen wiederum kriegt der Verbraucher erst mal nicht mit, das kommt zeitverzögert. Erst steigen die Rohstoffpreise, dann die Importpreise und Erzeugerpreise und am Ende die Verbraucherpreise. Das Statistische Bundesamt hat für März 7,3 Prozent höhere Verbraucherpreise prognostiziert. Wir sind also schon auf einem sehr hohen Level, das zum Ende des Jahres zwar etwas nachlassen dürfte. Nichtsdestotrotz wird es auf breiter Ebene bei den Verbraucherpreisen Erhöhungen geben und das in fast allen Bereichen.

Trifft der Krieg mittelständische Firmen damit härter als die Corona-Pandemie?

Ja, teilweise trifft es den Mittelstand härter, vor allem im Handel oder bei Dienstleistungen. Wenn die Verbraucher mehr Geld für ihre Energie, Treibstoffe, Heizung und Strom aufwenden müssen, dann bleibt weniger Geld übrig, um zu konsumieren, Kleidung zu kaufen, Essen zu gehen, Kulturveranstaltungen zu besuchen. Alles das, was jetzt theoretisch im Sommer trotz Pandemie möglich wäre.

Die gestiegene Rohstoffkosten drücken bei zwei Dritteln der befragten Mittelständler auf die Margen. Wie lange können sie das durchhalten, bevor sie schließen müssten?

So etwas lässt sich schlecht verallgemeinern oder für gesamte Branchen vorhersagen. Es sind vor allem die Unternehmen stark betroffen, die einen sehr hohen Anteil für Energie- oder Treibstoffkosten aufwenden müssen. Es kann auch bei Mittelständlern in der Agrarwirtschaft schneller gehen als etwa im Handel, weil sie extrem hohen Preise für Dünge- oder Futtermittel zahlen müssen. Es wird Unternehmen geben, für die es sehr schwer wird.

Sie rechnen also damit, dass es zu Betriebsschließungen kommt?

Das Risiko besteht.

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