KolumneDer Knieschuss des VW‑Vorstands

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Zu den professionellen Deformationen von Juristen gehört die Neigung, manchmal ganz besonders schlau sein zu wollen. So sind die Heerscharen von Anwälten, die VW im Dieselskandal beschäftigt, auf eine sehr spitzfindige Idee gekommen. Nach ihrer Lesart war zwar weltweit die gleiche Betrugssoftware im Einsatz. Was der Konzern in den USA als gesetzwidriges Verhalten anerkennen musste und mit Milliardenzahlungen an die betroffenen Kunden kompensiert, sei in Europa jedoch völlig legal. In Ländern wie Deutschland oder Frankreich reiche es völlig aus, die vorgeschriebenen Stickstoff-Grenzwerte auf dem Prüfstand zu erfüllen und eben nicht auf der Straße wie in den USA. Und weil die VW-Juristen erst einmal groß in Fahrt sind, leugnen sie in einschlägigen Schriftsätzen auch gleich noch die Gesundheitsgefahren von Stickstoff überhaupt. Darauf muss man erst einmal kommen!

Der Hintersinn der neuen Argumentation liegt auf der Hand. VW will in Europa um jeden Preis Schadenersatzzahlungen wie in den USA verhindern. Der Konzern könne sich das schlicht nicht leisten, verlautet seit Monaten aus dem Umfeld des Vorstands. VW könne sogar Pleite gehen, wenn es auch in Europa zahlen müsse, verbreiten einige PR-Strategen. Das ist jedoch ziemlicher Quatsch: Selbst wenn der Konzern sein Fehlverhalten zugibt und die Kunden in der einen oder anderen Art entschädigt, drohen nach deutschem und europäischen Recht keine Milliardensummen wie in den USA. Viele Kunden wären schon zufrieden, wenn wenigstens die seit langem versprochene Nachrüstung ihres Autos endlich problemlos und schnell über die Bühne ginge und es einen eher symbolischen Ausgleich gäbe. Die Zahl der bisher eingereichten Klagen gegen VW hält sich in Europa in Grenzen.

Die VW-Vorstände mal ihre Kollegen von der Deutschen Bank fragen

Die neue Strategie in Europa ist daher nicht besonders schlau, sondern ziemlich blöd. Das zeigt schon ein einfacher Vergleich: Der miserable Ruf, den sich VW durch das Verhalten in der Dieselaffäre eingehandelt hat, kostet den Konzern täglich Millionen. Die Rabatte, die VW beim Verkauf seiner Autos in vielen Märkten zahlen muss, sind zuletzt erheblich gestiegen. Und so dürfte es auch bleiben, je länger sich die finale Bewältigung des Skandals hinzieht. All diese Kosten summieren sich zu hohen Milliardenbeträgen, die mittelfristig viel stärker belasten als kleine Zahlungen an die betroffenen Diesel-Kunden.

Niemand sollte dem Konzern das Recht absprechen, sich vor Gericht gegen die Schadenersatzklagen zu wehren. Auch in den USA hat VW zäh und hart verhandelt, um die Kosten der Affäre zu drücken. Das ist vollkommen in Ordnung und nicht kritikwürdig. Schließlich müssen die VW-Manager an die Interessen ihrer Eigentümer denken. Wenn das Vorgehen eines Konzerns vor Gericht aber seine gesamte Glaubwürdigkeit auf viele Jahre hinaus untergräbt, kann man nur noch von einer völlig falschen Strategie sprechen. Vielleicht sollten die VW-Vorstände mal ihre Kollegen von der Deutschen Bank fragen, was am Ende dabei herauskommt, wenn man sich vor Gericht fortwährend selbst ins Knie schießt.

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