KolumneDie falschen China-Sorgen

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


In der Münchner Innenstadt oder in Berlin-Mitte kennt man sie schon: Chinesen, die gruppenweise in die Luxusläden einfallen und viel Geld ausgeben. Noch viel, viel mehr Geld aber geben Chinesen in diesen Monaten für deutsche Unternehmen aus: Im ersten Halbjahr gingen gleich 37 Firmen in chinesischen Besitz über – fast so viele wie im ganzen letzten Jahr, als 39 den Eigentümer wechselten. Und ein Ende ist keineswegs abzusehen: Gegenwärtig verhandeln chinesische Investoren über den Kauf des deutschen Leuchtmittel-Konzerns Osram. Zuvor sorgte bereits die Übernahme des Roboterherstellers Kuka für Aufsehen.

Deutsche Politiker klagen bereits über einen Ausverkauf deutscher Technologie. Die Europäische Kommission denkt laut über eine mögliche Lex Kuka nach. Aus der deutschen Wirtschaft kommen auch bereits die ersten warnenden Stimmen. Und es fehlt nicht mehr viel, bis irgendein Populist die gelbe Gefahr ausruft wie einst Kaiser Wilhelm der Zweite.

Die Lage erinnert verdammt an Japan in den 80er-Jahren

Dabei sollten wir uns bei der jetzigen Welle von Direktinvestitionen weniger Sorgen um uns selbst machen als um China. Die chinesischen Konzerne, die bei uns (und in anderen europäischen Ländern) auf Einkaufstour ziehen, sehen in ihrer Heimat nicht mehr so viele Chancen wie früher. Viele Märkte sind verteilt, einige Märkte ächzen sogar unter Überinvestitionen. Das gilt vor allem für den Immobilienmarkt in China, auf dem sich eine gewaltige Blase gebildet hat, die eines Tages mit heftigem Knall platzen wird. Aber auch in der Industrie geht die Pionierphase der letzten Jahrzehnte unwiederbringlich zu Ende. Die Nachfrage nach Stahl und Maschinen sinkt, Erweiterungsinvestitionen lohnen sich nicht mehr in allen Fällen so wie früher. Die Renditen sinken. Also schauen sich kluge chinesische Unternehmer gegenwärtig lieber im Ausland um. Einige wollen ihr Geld auch bewusst außerhalb Chinas anlegen, weil sie größere Verwerfungen befürchten, wenn es erstmals seit fast vier Jahrzehnten zu einer richtigen Rezession kommen sollte.

Die Lage erinnert verdammt an Japan in den 80er-Jahren. Damals zogen die japanischen Konzerne verstärkt ins Ausland und investierten vor allem in den USA Milliardensummen. Kurz danach knallte die Börse in Tokio und die gewaltige japanische Immobilienblase platzte. Wer die damaligen Ereignisse vor Ort verfolgte, kann sich eines Déjà-vu-Gefühls nicht erwehren. Während sich im Westen damals noch viele Gedanken über den „Ausverkauf an die Japaner“ machten und die Stärke des Landes beschworen, ahnten die japanischen Unternehmer bereits den kommenden Niedergang ihres Landes voraus. So ähnlich ist es heute auch in China.

Wir sollten uns also nicht die falschen Sorgen über China machen, sondern die richtigen: Je mehr die Chinesen in diesen Monaten in Deutschland investieren, umso vorsichtiger sollten wir in den nächsten Jahren mit unseren eigenen Investitionen in China sein.

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