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Flugchaos Vielflieger vermeiden Vorkasse

Anzeigetafel mit einigen Flügen, die gestrichen wurden
Vom Chaos an den Flughäfen sind auch Geschäftsreisende betroffen
© IMAGO / Westlight
Flugstreichungen, Verspätungen und Chaos an den Flughäfen nerven nicht nur Urlauber, es behindert auch Geschäftsreisende. „Bei kurzfristigen Flugstreichungen hört das Verständnis auf“, sagt Verbandschef Christoph Carnier. Sein Rat: Tickets erst nach Abflug zahlen

Flug weg, Geld weg - das ist derzeit für viele Reisende Realität. Denn der Preis für das Flugticket wird in der Regel nach der Buchung fällig und abgebucht. Wenn Flüge storniert werden oder ausfallen, haben Kunden ein Recht auf Umbuchungen oder Kostenerstattung. Aber bis die Fluggesellschaften das Geld erstatten, dauert es manchmal länger als die gesetzlich vorgeschriebenen sieben Tage.

Das Bundesverbraucherschutzministerium droht den Airlines, dass „bei weiterem Verzug, die Vorkassepraxis in ihrer jetzigen Form überprüft werden müsse“. So zititerte die „Welt am Sonntag“ eine Sprecherin von Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne).

Durch die Vorauszahlungen liegt das finanzielle Ausfallrisiko bei den Kunden, während die Fluggesellschaft, die Liquidität gerade bei langen Vorausbuchungszeiten nutzen können.

Für Geschäftsreisende macht die Lufthansa bereits eine Ausnahme: Firmenkunden zahlen erst dann, wenn sie die Reise antreten. Das kostet einen Aufschlag, spart aber viel Aufwand, sagt der Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) Christoph Carnier im Capital-Interview.

Herr Carnier, Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat sich vor einigen Tagen in einem offenen Brief für das Flugchaos bei seinen Kunden entschuldigt. Nehmen Sie die Entschuldigung an?

Merck-Manager Christoph Carnier wurde im Mai zum zweiten Mal zum Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) gewählt
Merck-Manager Christoph Carnier wurde im Mai zum zweiten Mal zum Präsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) gewählt
© PR/VDR

CHRISTOPH CARNIER: Erst einmal finde ich es gut, dass er sich überhaupt dazu äußert. Ich hätte mir aber gewünscht, dass auch Fehler eingeräumt und benannt werden. Eine bessere Planung wäre sinnvoll gewesen. Denn der Buchungsboom kam nun wirklich nicht überraschend. Wir haben schon vor einem Jahr prophezeit, dass neben den Urlaubsreisen auch die Nachfrage nach Dienstreisen hoch sein wird sobald die Bundesregierung die pandemiebedingten Restriktionen lockert, so dass auch die Unternehmen die Reiseverbote für ihre Mitarbeiter aufheben können.

Wie groß ist der Nachholbedarf? Können Sie das schon beziffern?

Wir haben die aktuellen Daten noch nicht. Aber nach allem was wir hören und sehen, ist die Nachfrage seit Ende des ersten Quartals gestiegen. Bei 60 bis 90 Prozent der Unternehmen sind die Mitarbeiter wieder auf Dienstreisen unterwegs, bei einigen sogar schon wieder so viel wie vor der Pandemie.  Es gibt zum einen großen Nachholbedarf, die Kunden, Kollegen und Geschäftspartner wieder persönlich zu treffen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen sich gerade jetzt in der Krise durch den Ukrainekrieg, strategisch neu aufstellen und Lieferketten überprüfen müssen. Verhandlungen mit neuen Geschäftspartnern sind aber in der Regel mit Reisen verbunden.

Flugstreichungen, Verspätungen und Chaos an den Flughäfen nerven also nicht nur Urlauber, sondern behindern auch Geschäftsreisende. Wie groß ist der Schaden?

Das können wir noch nicht absehen. Mit unserer jährlichen Geschäftsreiseanalyse erfassen wir immer die Daten des Vorjahres. Was wir aktuell neben dem Chaos definitiv sehen, sind deutlich steigende Preise in allen Bereichen vom Transport mit Bahn, Flugzeug oder Mietwagen bis zur Unterkunft. Die liegen deutlich über dem Vorkrisenniveau von 2019, so dass die Reisekosten der Firmen in 2022 wohl stark steigen werden.

Wir sehen derzeit vor allem Bilder von verzweifelten und verärgerten Urlaubsreisenden an übervollen Flughäfen. Die Geschäftsreisenden müssen sich aber auch in die Warteschlangen einreihen. Wie leidensfähig und verständnisvoll sind die?

Erfahrene Geschäftsreisende wissen, dass sie flexibel sein müssen, weil immer mal etwas schiefgehen kann. Ein bisschen Verspätung wird da in der Regel einkalkuliert. Aber bei kurzfristigen Flugstreichungen hört das Verständnis auf. Wer davon erst am Flughafen erfährt und keine Alternative hat, so dass Termine platzen, der ist nachhaltig verstimmt. Wer sich zur Sicherheit einen Tag früher auf den Weg macht, so dass eine zusätzliche Übernachtung nötig ist, verursacht wiederum noch höhere Reisekosten. Das erschwert die Planungen in den Unternehmen derzeit.

Wer oder was hilft den Geschäftsreisenden in dieser chaotischen Lage?

Die Buchung und Abwicklung von Geschäftsreisen wird in den meisten Unternehmen von spezialisierten Servicedienstleistern übernommen. Die haben allerdings das gleiche Problem wie die Flughäfen und Fluggesellschaften: denen fehlt das Personal. In der Krise sind die Aufträge eingebrochen, für die Reiseberater gab es keine Beschäftigung, viele haben ihren Arbeitsplatz verloren oder verlassen. Das ist ein großes Problem, die Anbieter wissen nicht, wo sie die vielen Mitarbeiter mit diesem Fachwissen jetzt herbekommen sollen.

Läuft denn nicht vieles beim Geschäftsreisemanagement schon automatisiert?

Viele Firmen haben Online-Buchungssysteme über die die Mitarbeiter ihre Reisen selber buchen. Das läuft automatisiert. Aber bei Reiseplanänderungen, wie Flugausfällen, Stornierungen oder Umbuchungen kommen die Buchungssysteme manchmal an ihre Grenzen. Außerdem sind viele Reisenden momentan unsicher, haben nicht mehr die Reiseroutine wie vor zwei Jahren. Da gibt es gerade viel Beratungsbedarf.

Und müssen aufgrund der vielen Flugausfälle und Verspätungen aktuell auch mehr Ticketerstattungen und Entschädigungszahlungen abwickelt werden?

Die Zahl der Erstattungsansprüche steigt momentan natürlich dramatisch. Deshalb haben wir uns als Geschäftsreiseverband auch schon früher dafür eingesetzt, dass die Bezahlmodelle geändert werden. Im Luftverkehr sind Vorauszahlungen für Tickets immer noch Standard. Im Gegenzug gibt es aber keine Garantie, dass der Flug tatsächlich durchgeführt wird. Die Lufthansa bietet Firmenkunden mit ihrem Modell „Pay as you fly“ inzwischen an, erst dann zu bezahlen, wenn die Reise angetreten wird. Das kostet einen Aufschlag, spart den Firmen im Nachhinein aber auch enorm viel Erstattungs- und Abrechnungsprozesse. Das lohnt sich gerade jetzt bei den zahlreichen Umbuchungen, Neubuchungen und Stornierungen. Wir vom VDR würden uns wünschen, dass sich das Modell in der ganzen Branche durchsetzt.

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