HandelsstreitUSA vs. China oder Decoupling vs. Dual Circulation

US-Präsident Trump verschärft den Streit mit Peking imago images / ZUMA Wire

Noch wenige Tage und noch immer kein Deal: Bis zum 15. September hat der chinesische Bytedance-Konzern noch Zeit, einen Käufer für seine umstrittene App Tiktok zu finden. Falls es bis zum Stichtag nicht dazu kommt, will US-Präsident Donald Trump die Video-Plattform in den USA verbieten. Schon jetzt sollen sich zahlreiche User nach Alternativen umschauen.

Das Gezerre um Tiktok ist der momentan wohl sichtbarste Teil des Konflikts zwischen Washington und Peking. Trump strebt das „Decoupling“ an, die Entflechtung der beiden Volkswirtschaften. Zu groß sei die Abhängigkeit amerikanischer Firmen vom chinesischen Markt geworden, zu wenig profitieren die USA von den wirtschaftlichen Beziehungen.

Trump hatte erst am Montag den Prozess des „Decoupling“ wieder erwähnt. Er bezeichnete bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus „Decoupling“ als „einen interessanten Begriff“. „Wir verlieren Milliarden von Dollar und wenn wir keine Geschäfte mit ihnen machten, würden wir nicht Milliarden von Dollar verlieren“, sagte Trump. Kurz darauf verhängte Washington Importsperren für Tomaten und Baumwolle aus Xinjiang. In der Westprovinz werden seit Jahren Millionen von Uiguren unterdrückt und in Arbeitslager gesperrt.

Die Führung in Peking dagegen hat bereits ein Konzept entwickelt, um auf die Entflechtung zu reagieren. „Dual Circulation“ heißt der Begriff, mit dem Präsident Xi Jinping in den kommenden Jahren die chinesische Wirtschaft prägen will. Zwei Wirtschaftskreisläufe, ein innerer, der weitgehend ohne Beteiligung ausländischer Unternehmen auskommt, und ein äußerer, in dem Exporte und Importe eine Rolle spielen.

Letztlich aber sind dies nur neue Begriffe für eine Strategie, die Peking schon seit Jahren erfolgreich verfolgt: Eine Stärkung des Binnenkonsums und eine Reduzierung der Exporte. „Nach wie vor basieren viele wirtschaftliche Aktivitäten auf dem Welthandel“, sagt Edward Tse von der Beratungsgesellschaft Gaofeng in Schanghai. „Aber aufgrund der stark wachsenden Mittelschicht ist der Binnenkonsum immer wichtiger geworden. Durch den Konflikt mit den USA verstärkt sich dieser Trend.“

Tse glaubt nicht, dass die Strategie Washingtons funktionieren wird. „Sie denken, sie können den Aufstieg Chinas so aufhalten. Aber das funktioniert nicht. Die Unternehmen wollen hier weiterarbeiten.“

Kein Exodus amerikanischer Firmen, aber eine Zäsur

Ganz recht hat Tse mit dieser optimistischen Sicht allerdings nicht. Anfang der Woche erschien eine Umfrage der amerikanischen Handelskammer in China. Die Ergebnisse sind in zweierlei Hinsicht ernüchternd: Nur 29 Prozent der befragten Unternehmen wollen ihre Investitionen in China erhöhen. Noch vor einem Jahr hatten das knapp die Hälfte aller amerikanischen Unternehmen geplant. Vier Prozent wollen ihre Produktionskapazitäten in China abbauen und in die USA zurückverlagern. 14 Prozent denken darüber nach, auf andere Länder Ostasiens auszuweichen.

Man kann diese Ergebnisse in zwei Richtungen deuten: Angesichts der Kriegstrommeln, die seit Monaten auf beiden Seiten geschlagen werden, sind die Unternehmen tatsächlich relativ moderat eingestellt. 90 Prozent der befragten Unternehmen wollen China nicht verlassen. Der große Exodus, wie ihn Trump sich wünscht, ist das definitiv nicht. Gleichzeitig kann man von einer Zäsur sprechen, denn in den vergangenen 20 Jahren gab es für ausländische Unternehmen in China immer nur mehr: Mehr Investitionen, mehr Gewinn, mehr Engagement. Dieser Trend kippt nun.

Auch deutsche Unternehmen können sich dem nicht entziehen. Zwar ist bisher keine deutsche Firma bekannt, die sich aufgrund der internationalen Spannungen aus dem Markt zurückziehen möchte. Allerdings fordern immer öfter auch deutsche Unternehmenschefs ein härteres und geschlosseneres Auftreten gegenüber China.

Das wird kommende Woche abermals Thema werden: Am Montag sprechen Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit Xi Jinping über das seit sechs Jahren geplante Investitionsabkommen. Am Donnerstag ist auch das neue Positionspapier der Europäischen Handelskammer in Peking erschienen. Empfohlen wird darin eine weitere Öffnung der chinesischen Wirtschaft und einen faireren Marktzugang für europäische Unternehmen in China. Laut Kammer-Präsident Jörg Wuttke sei ein Rückzug aus China kein realistisches Szenario, da der Markt zu wichtig sei. Ein Abkommen würde aber auch deswegen immer dringlicher, da der politische Gegenwind, der China in der EU und den USA ins Gesicht weht, immer stärker werde.

 


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