KolumneGroßes Stühlerücken bei der Fed

Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed
Sitzung des Offenmarktausschusses der FedFederal Reserve / flickr.com

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) steht vor einem gewaltigen personellen Umbruch. Mit dem Rücktritt des Vizechefs Stanley Fischer werden ab Mitte Oktober vier von insgesamt sieben Stellen unbesetzt sein. Zum Teil bestehen diese Vakanzen schon seit Jahren. So weigerte sich in den letzten Jahren der Senat, die beiden vom damaligen Präsidenten Obama nominierten Kandidaten auch nur anzuhören. Am 3. Februar 2018 endet zudem die Amtszeit der amtierenden Vorsitzenden Janet Yellen. Sie könnte dem Leitungsgremium zwar als einfaches Mitglied noch weiter angehören, doch von einer Ausnahme in den 1940er- und 50er-Jahren abgesehen, traten Vorsitzende auch von ihrem normalen Platz im Gremium zurück, wenn sie nicht wiederberufen wurden.

Donald Trump hat also die Möglichkeit, das Personal der Fed so stark zu verändern, wie kaum ein Präsident vor ihm. Dass er ein schlüssiges „Weltbild“ in Sachen Geldpolitik hat, darf man mit guten Gründen bezweifeln. Seine bisherigen Äußerungen hierzu sind ausgesprochen widersprüchlich. Zudem ist er mit Personalvorschlägen bislang eher zögerlich. Für die Hälfte der rund 600 auf Vorschlag des Präsidenten zu bestimmenden Personalien für öffentliche Ämter hat er bislang noch nicht einmal Kandidaten benannt.

Trotzdem stellt sich mit zunehmender Dringlichkeit die Frage, welche Kandidaten für die Positionen als Chef oder Normalmitglied der Fed in Frage kommen und wofür sie stehen:

Jerome Powell – Kandidat der Kontinuität

Jerome Powell
Jerome Powell (Federal Reserve)

Ein möglicher Nachfolger für Janet Yellen wäre etwa Jerome Powell, der bereits seit 2014 Mitglied im Leitungsgremium ist. Ihn könnte man als Kandidaten der Kontinuität ansehen. Bislang ist er in erster Linie dadurch aufgefallen, dass er die Mehrheitslinie gradueller Leitzinsanhebungen bei Einleitung der Bilanzschrumpfung voll und ganz mitgetragen hat. Politisch wäre er zudem dem Senat, der den Fed-Personalien zustimmen muss, leicht „zu verkaufen“. Er ist Republikaner, wurde von Ex-Präsident Obama vorgeschlagen und mit parteiübergreifender Mehrheit bestätigt.

Marvin Goodfriend – der Freidenker

Marvin Goodfriend
Marvin Goodfriend (Getty Images)

Eine durchaus interessante Ergänzung des Gremiums wäre Marvin Goodfriend. Der Wirtschaftsprofessor an der Carnegie Mellon Universität hat akademisch eine ganze Reihe interessanter, in sich schlüssiger Positionen vertreten. So hat er in der Diskussion über die Einführung von Inflationszielen die These vertreten, dass eine Zielmarke von zwei Prozent möglicherweise zu niedrig sei, um nicht regelmäßig an die Nullzinsgrenze zu stoßen. Es galt damals im Mainstream als extrem unwahrscheinlich, dass so etwas überhaupt jemals passieren könnte. Ebenso vertrat er jüngst die These, das Inflationsziel der Fed sei in der bestehenden Form unglaubwürdig, biete keinen Schutz gegen dauerhafte Verfehlungen nach unten und helfe auch nicht dabei, die Inflation aus sich selbst zum Zielwert zurückzuführen. Zudem hält er im Zweifelsfall negative Leitzinsen gegenüber Anleihekäufen für das bessere Instrument in Krisenphasen.

Allerdings vertritt Goodfriend auch die Meinung, die Geldpolitik sei aktuell zu stark diskretionär, müsse sich stärker an Regeln orientieren und die Politik langsamer, berechenbarer Leitzinsanpassungen sei weniger optimal als schnelle Änderungen des Leitzinses auf ein für richtig erachtetes Niveau wie etwa 1994, als teilweise in Schritten von 75 Basispunkten vorgegangen wurde. Goodfriend kann man damit sicher als Freidenker bezeichnen, bei dem abzuwarten wäre, wie er sich in ein Gesamtgremium einfindet.

Kevin Warsh – der Trump-Freund

Kevin Warsh
Kevin Warsh (Getty Images)

Schließlich könnte auch Kevin Warsh wahlweise in das Leitungsgremium zurückkehren oder sogar Fed-Chef werden. Aus seinen diesbezüglichen Ambitionen macht er keinen Hehl, zudem gilt er als eng verbandelt mit Präsident Trump. Warsh war bereits zwischen 2006 und 2011 Mitglied im Leitungsgremium. Er fiel damals wie auch in der Zeit danach vor allem durch massive Kritik an der Krisenpolitik der Notenbank auf, obwohl er nie dagegen votierte. So vertritt er etwa die These, dass durch die quantitative Lockerungspolitik (QE) der Realwirtschaft Geld entzogen und an die Finanzmärkte umgeleitet wurde, was zumindest hinsichtlich des ersten Punktes eine wenig plausible These ist. Seine Annahme, dass diese Politik zu einem Inflationsanstieg führen werde, hat sich zwar nicht bewahrheitet – allerdings lässt sie sich ökonomisch wesentlich besser plausibilisieren.

Ebenso wirft Warsh der Notenbankpolitik vor, sich viel zu sehr an der Entwicklung am Aktienmarkt zu orientieren, ja sich von den Finanzmärkten am Nasenring herumführen zu lassen. Seine Berufung zum Fed-Chef käme einer Revolution gleich und würde die geldpolitische Ausrichtung der letzten Jahre radikal in Frage stellen. Einen Chef, der die gesamte Institution so kritisch beurteilt, hätte es seit den 1930er-Jahren nicht mehr gegeben.

Bekanntermaßen machen Personen nicht nur Politik, sie sind es zu einem guten Teil auch. Von daher darf die Welt gespannt sein, welche Richtung die Fed mit neuen Gesichtern an der Spitze künftig einschlagen wird.


David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe. Weitere Kolumnen: Der Brexit und das Chlorhühnchen, Die EZB hat ein Kommunikationsproblem und Trump ohne Plan