KolumneDer Mann, der Osram anknipste

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Der Abschied kam denkbar brutal und völlig überraschend. Ende 2012 warf der neue Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger gleich drei Vorstände auf einmal raus: Jürgen Claassen, Edwin Eichler und Olaf Berlien. Die drei mussten gehen, weil der Essener Konzern damals kurz vor der Pleite stand – von Korruption verseucht und durch Intrigen aller Art vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Und allen Beteiligten war in jenen Tagen klar: Nach einem so schmählichen Abgang würden die drei Manager nicht so schnell wieder in hohe Ämter und Würden aufsteigen.

Und so geschah es dann auch – zumindest bei zweien: Jürgen Claassen verschwand völlig in der Versenkung. Und Edwin Eichler kam nur bei dem umstrittenen Investor und Pleitier Lars Windhorst unter. Nur Olaf Berlien konnte seine Karriere nach einer kurzen Zwischenstation in einem seriösen Unternehmen fortsetzen. Inzwischen gilt der 55-Jährige als einer der erfolgreichsten Manager in Deutschland. Er ist der Mann, der bei Osram nach der Trennung vom Mutterkonzern Siemens das Licht anknipste. Seit Berlien den Chefposten in dem Lichtkonzern übernahm, leuchtet das Unternehmen. Seit dem Börsengang verdreifachte sich der Wert der Osram-Aktie. Letzte Woche machte Siemens Kasse und verkaufte das letzte Aktienpaket für 1,2 Mrd. Euro – ein überaus schöner Gewinn.

Machtkampf gegen Kaeser

Berlien ist ein gutes Beispiel für Manager, die erst durchs Feuer laufen müssen, bevor sie richtig in Form kommen. Über 20 Jahre lang verlief seine Karriere bei Buderus, Carl Zeiss und Thyssenkrupp völlig bruchlos – vom Leiter Controlling bis zum CEO-Posten in der Technologie-Sparte bei Thyssenkrupp. Schon in Essen zeigte sich sein Talent, als Berlien die Aufzugssparte deutlich nach vorn brachte. Doch als Aufsichtsratschef Jürgen Cromme und der Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz Thyssenkrupp in die Katastrophe steuerten und Milliarden in Brasilien und den USA versenkten, fiel Berlien nicht als Widerständler auf.

Die Fähigkeit zum Nein sagen im richtigen Augenblick entwickelte der Manager erst nach seinem Rausschmiss. Bei Osram musste sich Berlien in einem harten Machtkampf gegen Siemens-Chef Joe Kaeser bewähren. Der neue Osram-Chef setzte die Abspaltung des traditionellen Geschäfts mit Glühbirnen und riskante Großinvestitionen in Asien durch. Kaeser missfiel der ganze Kurs – und kritisierte Berlien sogar öffentlich. Viele erwarteten damals bereits einen Abgang des Osram-CEOs. Doch am Ende hielt Berlien nicht nur durch, er behielt auch recht. Inzwischen bezweifelt kaum noch jemand die Richtigkeit seiner Entscheidungen. Nur Kaeser fehlte bis zuletzt die Größe, seine damalige Fehleinschätzung im Nachhinein zuzugeben.

In Deutschland gibt es viel zu wenige Manager, die in harten Kämpfen auch einmal Nein sagen. Man schaue sich nur die vielen Jasager im VW-Konzern an, die alles willig mitmachten, was ihnen ihre jeweiligen Oberen in Sachen Dieselbetrug vorgaben. Vielleicht sollte man den einen oder anderen Vorstand mal in hohem Bogen hinauswerfen – und damit die Qualität der ganzen Kaste erhöhen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.