ÜbernahmenSchlechte Zeiten für Deals, aber auch gute Zeiten

Osram-Chef Berlien auf dem Weg zur Hauptversammlung seines Konzerns: Eigentlich war der Zusammenschluss mit dem österreichischen Unternehmen AMS schon fast durch. Doch nun gibt es wieder Fragezeichendpa

Die Abspaltung der Kraftwerkssparte bei Siemens, die Übernahme von Osram und der Verkauf des Aufzugsgeschäfts beim angeschlagenen Thyssenkrupp-Konzern: Viele beschlossene Deals hängen in der Corona-Krise erst einmal in der Luft. Und das nicht nur in Deutschland: In den USA versucht Softbank, wie einige Medien meldeten, sich aus der Übernahme von Wework herauszuwinden – was die Internet-Plattform für die Vermietung von Büroräumen ins Aus befördern könnte.

Das Stichwort lautet „Closing“: Ein Deal ist erst dann gänzlich durch, wenn auch alle juristischen Details geklärt sind. Das dauert in der Regel zwischen sechs und zwölf Monaten. Und für viele Unternehmen und Investmentbanken wird diese Frist jetzt, wo an den Kapitalmärkten Chaos herrscht, zur nervenden Geduldsprobe.

Erst einmal hört man natürlich aus den Unternehmen und Investmentbanken: Wir ziehen unseren Deal durch! Aber diese Aussagen verfügen nur über eine geringe Halbwertszeit. Wir werden in den nächsten Wochen viele Absagen hören. Die Gründe dafür: Die Investoren halten erst einmal viel mehr Cash vor als in normalen Zeiten; die Bewertungen von Aktien stimmen nicht mehr; die Banken sind viel vorsichtiger mit Überbrückungskrediten für riskante Deals.

Platzt der Osram-Deal?

Am gefährlichsten verschärft sich die Gemengelage in den letzten Tagen bei Osram. Der österreichische AMS-Konzern wollte die Übernahme zum Teil mit einer bereits verkündeten Kapitalerhöhung finanzieren. Doch der Kurs der AMS-Aktie liegt mittlerweile unter dem geplanten Ausgabepreis für die neuen Aktien. Da der ganze Deal ohnehin auf Knopf genäht war, könnte alles in letzter Minute platzen.

Jeder Deal ist natürlich anders: Siemens übergibt seine Kraftwerkssparte ja an die eigenen Aktionäre und kann seine Aktion ohne Rücksicht auf andere durchziehen. Allerdings dürften sich die Anteilseigner dann über den niedrigen Wert der neuen Aktien in ihren Depots wundern.

Thyssenkrupp sieht keine Probleme

Auch bei Thyssenkrupp hört man Entwarnung: Man habe sich abgesichert, die Käufer der Aufzugssparte könnten nicht in letzter Minute abspringen. Man habe die Corona-Krise sogar ausdrücklich in dem Vertrag mit den Investoren erwähnt, steckten Unternehmenskreise der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Das muss man erst einmal glauben – auch wenn man nicht ganz verstehen kann, warum sich die Investoren auf eine derartige Klausel eingelassen haben sollten.

Aber vielleicht denken die Private-Equity-Fonds, die Hauptfinanziers des Thyssenkrupp-Deals, dieses Mal tatsächlich langfristig. Denn für sie sind diese Zeiten durchaus nicht nur schlechte, sondern auch gute. Zwar halten auch die großen Investoren ihr Geld erst einmal stärker zusammen als sonst, aber sie schauen sich bereits vermehrt nach neuen Chancen um, wenn man der „Financial Times“ glauben darf.

Die Krise bietet auch Chancen

Die Branche sitzt auf sagenhaften 2,5 Billionen Dollar, die sie investieren kann – mehr als doppelt so viel Geld, wie der amerikanische Staat in diesen Wochen für sein gigantisches Konjunkturprogramm ausgeben will. Wonach suchen die Investoren? Vor allem nach Unternehmen, die in der jetzigen Krise besonders leiden, aber zugleich über ein robustes Geschäftsmodell für die Zukunft nach der Katastrophe verfügen.

Bestes Beispiel: die Lufthansa. Ihre Aktie ist ins Bodenlose gefallen, wahrscheinlich braucht sie Staatshilfen – aber nach der großen Krise dürfte sie mit ziemlicher Sicherheit zu den Gewinnern der Branche gehören. Das sieht offenbar auch einer der erfolgreichsten deutschen Selfmade-Milliardäre so: Der 78-jährige Unternehmer Heinz Hermann Thiele ist, wie gerade bekannt wurde, mit über fünf Prozent der Anteile zum neuen Großaktionär der Lufthansa aufgestiegen.

 


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