Ziesemer-KolumneDer größte Minusmacher der Industrie

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Wie hohe Verluste muss man in der deutschen Wirtschaft produzieren, um sein Amt zu verlieren? Im Fall von Eon-Chef Johannes Teyssen reichen 28 Milliarden Euro Minus nicht aus, um ihn um seinen Job zu bringen. Mit diesem kumulierten Verlust seit seinem Amtsantritt am 1. Mai 2010 ist der sture Niedersachse zwar der größte Minusmacher der deutschen Industrie. Und einer der größten Vernichter von Unternehmenswert: Unter seiner Ägide halbierte sich der Kurs der Eon-Aktie. Doch das alles ist für Karl-Ludwig Kley, den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, kein Argument gegen eine Verlängerung seines Vertrags: Teyssen bleibt drei weitere Jahre Chef in Essen.

Dahinter steckt eine Theorie, die man auch in anderen Konzernen gelegentlich hört. Sie geht ungefähr so: Der Vorstandschef hat in den vergangenen Jahren zwar über weite Strecken versagt, in letzter Zeit aber immerhin die richtigen Weichen gestellt. Keiner kennt das Unternehmen so gut wie er. Deshalb sollte man ihm noch einige Jahre Gelegenheit geben, den Schlamassel wieder aufzuräumen, den er selbst angerichtet hat. Erst danach kommt ein Neuer dran, der dann nur noch nach vorn blicken kann und sich nicht mehr mit den Lasten der Vergangenheit herumschlagen muss.

Abenteuerliche Investitionen im Ausland

Mit diesem Argument entkoppeln Aufsichtsräte wie Kley das Prinzip von Leistung und Belohnung, das sie selbst so oft im Munde führen. Schon unter seinem Vorgänger Werner Wenning blieben all die Fehlgriffe des Vorstands folgenlos. Teyssen selbst stellte sich über Jahre als armes Opfer der deutschen Energiewende dar. Dabei versenkte Eon unter seiner Führung auch sehr viel Geld mit abenteuerlichen Investitionen im Ausland und einem halsstarrigen Pro-Atomenergie-Kurs im Inland. Wenn es die vornehmste Aufgabe eines Konzernchefs ist, eine vorausschauende Strategie zu entwickeln, dann kann man nur feststellen: Bei Eon war davon über Jahre keine Rede. Dass Teyssen am Ende noch die Kurve kriegte und sein altes Geschäft in die Tochter Uniper auslagerte, kann man ihm positiv anrechnen. Aber seine Gesamtbilanz bleibt eindeutig negativ.

Nun argumentieren viele Teyssen-Freunde, die Rückschau sei eben nicht mehr entscheidend, sondern nur der Blick nach vorn. Aber ist Teyssen tatsächlich der richtige Chef für die „neue Eon“? Der Konzern sieht seine Zukunft als dezentraler, kundennaher, digitalisierter und innovativer Anbieter und Verteiler von erneuerbaren Energien. Würde man einen Headhunter losschicken, käme wohl keiner von ihnen auf die Idee, ausgerechnet Teyssen für dieses Jobprofil anzubieten. Er ist ein Zentralist aus Überzeugung, verbrachte seine gesamte Karriere fern vom Endkunden und steht nicht für neue Ideen in einer digitalen Welt.

Eines aber ist Teyssen ganz gewiss: ein Machtmensch, der jeden Konkurrenten zu verdrängen weiß. In den letzten sieben Jahren hat Teyssen ein Dutzend von Vorstandsmitgliedern verschlissen. Nun ist niemand übrig, der ihn kurzfristig ersetzen kann. Wen wundert es?


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.