FinanzevolutionGreift Chinas Finanzameise nach der Welt?

Der Evolutionsbiologe und Pulitzer-Preisträger Edward O. Wilson nannte einmal in einem Interview Ameisen und Termiten mit ihrer Arbeitsteilung und ihrem Kastenwesen die sozial am höchsten entwickelten Wesen. Der Wissenschaftskabarettist und Autor Vince Ebert erklärte in einem Beitrag für den Wissenschaftsdienst Spektrum wie überlegen Ameisen im Vergleich zu uns Menschen sich auf ihren Verkehrsstraßen verhalten. Er untermauert dies mit einer Studie nach der Ameisenautobahnen mit steigender Verkehrsdichte effizienter werden. Sie überholen nicht, wenn es nicht passt, bremsen nicht ab und bummeln nach einer Verzögerung nicht unnötig herum und wechseln auch nicht hektisch die Spur, wenn sie nicht vorankommen. Bei Ameisen, so Ebert, gäbe es weder Extrawürste noch Egoisten.

Ob diese Eigenschaften auch für ein Unternehmen gelten, das sich selbst als Finanzameise bezeichnet, ist noch offen. Das chinesische Unternehmen Ant Financial hatte ich in einer Kolumne im vergangenen Jahr als einer der wirklich relevanten Newcomer im Finanzgeschäft bezeichnet. Hinter der Ant Financial Services Group verbirgt sich die frühere „Small and Micro Financial Services Company“. Die Bezeichnung Ameise wurde gewählt, weil sie die Stärke einer Gruppe kleiner Mitglieder symbolisiere.

Ant Financial, das man ebenfalls zur Kategorie Finanztechnologie (= Fintech) zählen kann, ist der Finanzdienstleistungsarm von Alibaba, dem Amazon Asiens. Bekannt ist vor allem der Bezahldienst Alipay, der das Zahlen im Internet und per Smartphone in Geschäften (= mobile payment) ermöglicht. Nach einer aktuellen Studie der von Bill & Melinda Gates Foundation finanzierten „Better Than Cash Alliance“ zusammen mit der Uno beträgt der Umsatz digitaler Zahlungen von Alipay 1,7 Billionen US-Dollar (ja, es heißt hier Billionen, denn die Studie verwendet die US-Bezeichnung Trillion).

Ant Financial geht auf Einkaufstour

Mit diesem Leistungsumfang und Volumen hat der chinesische Fintech-Riese das in Europa oft als Vorbild gepriesene US-Unternehmen Paypal längst abgehängt. Der ursprünglich mit dem weltweit agierenden Webauktionshaus Ebay groß gewordene und mittlerweile börsennotierte Dienstleister beschränkt sich weiter nur auf den Zahlungsverkehr, vorwiegend im Onlinehandel. Im ersten Quartal 2017 betrug das Transaktionsvolumen von Paypal nach Angaben des Statistik-Portals Statista rund 99,3 Mrd. US-Dollar.

Weitere Finanzdienste der asiatischen Ameise sind Ant Fortune, Zhima Credit, MYBank und Ant Financial Cloud. Die Gruppe deckt mit diesen Gruppenunternehmen viele Geschäftsfelder im Banking ab. Dazu gehören Zahlungsverkehr, Vermögensverwaltung, Kredit-Scoring (also die Einschätzung der Bonität von Kreditnehmern). Außerdem betreibt das Unternehmen mit Yu’e Bao den mittlerweile größten Geldmarktfonds der Welt. Mit mehr als 325 Millionen Kunden und einem Volumen von etwa 150 Mrd. Euro soll die chinesische Zentralbank laut der Nachrichtenagentur Bloomberg in dem Fintech sogar eine Gefahr für die Finanzstabilität sehen. Sie habe das Unternehmen jüngst aufgefordert, die Höhe anzunehmender Gelder zu begrenzen.

Ant Financial, an dem der börsennotierte Onlinehändler Alibaba selbst noch einen Anteil von 33 Prozent hält, geht derzeit weltweit auf Einkaufs- und Kooperationstour. Nach der oben erwähnten Studie der „Better Than Cash Alliance“ strebt das Unternehmen die Integration verschiedener Finanzdienstleistungen in ganz China und den Nachbarländern an. Dazu geht Alibaba weltweit Partnerschaften ein, damit Nutzer von Alipay in Geschäften bezahlen können. So hat Ant Financial eine Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen First Data Corp vereinbart, einem Anbieter von E-Commerce-Lösungen für den Zahlungsverkehr. Ende vergangenen Jahres gab Alipay eine Reihe von Partnerschaften mit einigen großen europäischen Finanzinstituten und einem Zahlungsdienstleister bekannt, um Alipays Nutzern mehr Zahlungsmöglichkeiten in ganz Europa zu bieten.

Daneben haben die Chinesen im April ihr Angebot für das US-Unternehmen Moneygram auf 1,2 Mrd. US-Dollar erhöht. Moneygram gehört gemeinsam mit Western Union zu den größten Unternehmen, die international Zahlungen insbesondere von Migranten in andere Länder durchführen (Fachleute sprechen hier von remittance payments). Die Übernahme wird derzeit von US-Behörden überprüft und ist noch nicht abgeschlossen.

Alipay nicht für deutsche Kunden

Alipay konzentriert sich dabei nach eigenen Angaben auf chinesische Touristen und Studenten (circa zehn Millionen Personen pro Jahr), wie ein Manager von Alipay auf dem Branchentreffen Payment Exchange in Berlin verriet. Auch die Handelskette Rossmann gab im April bekannt, dass chinesische Kunden nun Alipay in den gut 2000 deutschen Filialen und im Online-Shop einsetzen können.

Laut der Branchenwebseite Gründerszene soll eine Ausweitung für deutsche Nutzer nicht in Planung sein. Eine Internetsuche zeigt, dass es keine Möglichkeit gibt, sich als deutscher Privatkunde bei Alipay zu registrieren, das ist nur für Geschäftskunden möglich. Die deutsche Domain alipay.de ist registriert auf eine Treuhandgesellschaft. Daraus lässt sich nichts für eine Expansion auf europäische Kunden ableiten. In Deutschland arbeitet der Dienst nach Informationen des Fachmagazins Bilanz mit den Dienstleistern Wirecard und Concardis zusammen.

Die einstige Muttergesellschaft, der Online-Handelskonzern Alibaba breitet sich in Deutschland und Europa langsam aus, wie das Handelsblatt feststellte. Selbst wenn derzeit bei europäischen Händlern nur mit der steigenden Kaufkraft chinesische Besucher für die Nutzung von Alipay in Deutschland und Europa geworben wird, eine Ausweitung des Zahlungsdienstes auf europäische Endkunden ist meiner Meinung nach relativ einfach möglich. Die Infrastruktur ist bereits vorhanden und das Händlernetz wird schrittweise erweitert. Ob angesichts des breiten Angebots von Bezahllösungen im Online-Handel und in Europa allerdings eine hohe Motivation zur Expansion besteht, ist offen.

Chinesen bieten Finanzdienste unter einem Dach

Eine Motivation, auch in Europa den Bezahldienst für Konsumenten zu öffnen, könnte im Börsengang des Unternehmens bestehen. Der Alibaba Gründer Jack Ma hatte Ant Financial rechtzeitig vor dem historischen Börsengang 2014 des Online-Riesens aus dem Konzern herausgenommen. Ant Financial, das manche mittlerweile auf einen Marktwert von 60 Mrd. US-Dollar schätzen, arbeitet schon länger an einem Börsengang, der nach Medienberichten aber frühestens 2018 erfolgen soll. Eine weitere Ausweitung auf europäische Endkunden könnte die Investoren beeindrucken.

Ant Financial realisiert in Asien das was der Analyst Thomas Dapp 2015 in einer Studie für die Deutsche Bank als Walled-Garden-Strategie bezeichnete, also die Schaffung eines digitalen Ökosystems mit verschiedenen Serviceangeboten „aus einer Hand“. Statt fragmentierter und meist von anderen Geschäftsbereichen isolierter Insellösungen, wie sie die meisten auf ein Produkt fokussierten Fintechs bieten, integrieren die Chinesen verschiedenste digital angebotene Finanzdienste unter einem Dach. Das entspricht etwa der Strategie des Internethändlers Amazon. Amazon hat als Online-Buchhändler angefangen und weitet Schritt für Schritt sein Geschäft in Bereiche aus, die überhaupt nichts mehr mit dem Buchhandel zu tun haben, weil das Ökosystem dies ermöglicht. Als Beispiel seien hier Streamingdienste für Musik und Filme sowie Cloudservices für Unternehmen und Privatkunden genannt.

Während wir hier in Europa meist auf die großen US-Technologiekonzerne als Vorbilder schauen und in Deutschland viele sinnlos über den Start von Apple Pay spekulieren, errichtet die Finanzameise ihre Straßen und Bauten überall in der Welt. Diese Bauten gleichen einem Wolkenkratzer, während im Vergleich dazu Apples Ambitionen im Bezahlbereich bestenfalls einer Garage entsprechen.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


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