FinanzevolutionWohin treibt die Finanzevolution?

Ich mag die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel. In den unaufgeregtesten Tagen des Jahres lässt sich gut innehalten, zurück und nach vorne blicken. Für die Evolution des Finanzsektors finden interessierte Leser mittlerweile unzählige Rück- und Ausblicke, die sich mit der technologischen Entwicklung im Bankwesen befassen.

Die verschiedenen Retrospektiven (zum Beispiel vom „Ratpack“, Finletter, NZZ oder IT-Finanzmagazin) machen einmal mehr deutlich, wie viel Bewegung in den Finanzsektor gekommen ist. Dabei können sie nur einen Bruchteil der bekannt geworden Aktivitäten erfassen. Die technische Entwicklung im Finanzsektor (= Fintech) hat Geschwister bekommen wie Regtech (Recht und Regulierung), Insurtech (Versicherung) oder Proptech (Immobilien). Über den verschiedenen Anwendungsgebieten schweben Technologiethemen, wie Blockchain, Sprachein- und Ausgabe, Data Science oder Künstliche Intelligenz, deren DNA mit bekannten Technologien in den verschiedensten Banking-Geschäftsfeldern eingepflanzt wird.

Ich hatte bereits Anfang Dezember darauf hingewiesen, dass Fintech längst zum Mainstream bei Banken geworden ist. Kilian Thalhammer stellt im Rückblick des „Ratpacks“ ebenfalls fest: „Den Konflikt Fintech versus Banken gibt es nicht mehr: Banken haben sich arrangiert und ihre Strategien angepasst.“ Damit geht eine Professionalisierung der Fintech-Branche einher, wie Tobias Baumgarten im IT-Finanzmagazin feststellt. Immer mehr Fintechs besorgen sich daneben Genehmigungen der Finanzaufsicht für einzelne Geschäftsarten. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin selbst hat ihre Anstrengungen verstärkt, den Fintechs Brücken für neue Angebote zu bauen ohne freilich der Forderung nach harten aufsichtsrechtlichen Erleichterungen nachzugeben.

Kreditplattformen sind längst eingestiegen, auch größere mittelständische Unternehmen ohne Banken risikogerecht zu finanzieren. Die digitale Anlageberatung in Form der Robo-Adivsor boomt und beginnt erste Experimente mit künstlicher Intelligenz.

Durchbruch beim mobilen Bezahlen lässt auf sich warten

Manche vorhergesagte Trends bleiben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Da sind zum einen die unerfüllten Hoffnungen, dass nach dem Brexit ein Run britischer Start-ups auf Berlin und Frankfurt einsetzen würde. Wer das erwartet hat, überschätzt das Entscheidungstempo selbst von Fintechs. Aus meiner Sicht wäre es ohnehin verfrüht über einen voreiligen Standortwechsel nachzudenken, wenn nicht einmal das Wann, Wie und vielleicht sogar das Ob eines Austritts Großbritanniens aus der EU klar ist.

In den letzten Jahren wurde eine nahezu unglaubliche Zahl neuer Ideen gefördert und durch risikobereite Kapitalgeber finanziert. In der breiten Anwendungspraxis sind von den sehr vielen Ankündigungen und Versprechungen (auch aus früheren Jahren) bisher nur homöopathische Dosen angekommen.

Das gilt etwa für das mobile Bezahlen. Immer wieder erwarteten Fachleute hier einen Durchbruch. Das Gegenteil ist in diesem Jahr passiert. Im Bezahlsektor hat es die erste größere Marktbereinigung gegeben. Große Spieler wie das zur Otto-Gruppe gehörende Yapital oder die Telekom mit MyWallet haben sich zurückgezogen. Die mit großen Erwartungen gestartete Start-ups Cookies und Paymill haben Insolvenz angemeldet.

Überhaupt ist im Bezahlsegment kaum etwas von dem passiert, was erwartet wurde. Die großen Technologiekonzerne, allen voran Apple mit seinem Bezahldienst Pay, haben um den deutschen Markt einen großen Bogen gemacht. Facebook hat zwar endlich seine europäische Zahlungsabwicklerlizenz erhalten, nutzt diese aber bisher nicht trotz deutscher Supportseiten. Das Bezahlungen zwischen Personen mit dem Smartphone (P2P-Payment) bleibt vorläufig eine Nische. Und das mit großen Erwartungen und breiter Unterstützung der Banken gestartete Paydirekt wartet weiter auf den Durchbruch.

Wird der digitale Wandel überschätzt?

Weitere Erwartungen betreffen technologische Veränderungen. Anfang des Jahres hatte ich geschrieben, dass die Blockchain-Technologie 2016 vor dem Praxistest stehe. Hier sind im Laufe des Jahres tatsächliche viele Prototypen entstanden, und zwar längst nicht nur in der Finanzwirtschaft. Ein flächendeckender Einsatz war hier nicht zu erwarten. Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, dass es wenig nützt, wenn jede Bank an eigenen Blockchain-Methoden tüftelt. Notwendig ist es vielmehr, sich auf einheitliche, möglichst unabhängige Protokolle zu verständigen. Hier galt noch bis Mitte des Jahres das R3-Konsortium in den USA als Hoffnungsträger der Wall Street. Einige US-Banken flüchten aber mittlerweile aus diesem Netzwerk.

Manche Skeptiker sehen sich darin bestätigt, dass der digitale Wandel überschätzt werde, andere werden ungeduldig, weil sie glauben, Deutschland verpasse den Anschluss an das „digitale Zeitalter“. Ich glaube, die Überwindung der langsam durchlässiger werdenden Mauer traditioneller Organisationsstrukturen in der Finanzindustrie benötigt noch Zeit. Oft fehlen noch die Anreize, bewährte Pfade zu verlassen und sich auf neue Produkte und Prozesse einzulassen. Zu einer neuen Begriffswelt gesellen sich Technologien, deren Funktionsweise und Auswirkungen selbst Fachleuten nicht immer klar ist und die Furcht vor unbekannten Risiken schürt. Weil aber die Innovationsgeschwindigkeit auch im Finanzwesen weiter zunimmt, wächst derzeit die Kluft zwischen den technischen Möglichkeiten und dem was wir in der Praxis sehen. Aber selbst die großen Technologieunternehmen Amazon, Google, Apple und Facebook, denen ständig Ambitionen für den stärkeren Einstieg in Finanzdienstleistungen nachgesagt werden, haben sich bisher eher defensiv positioniert.

Kunden halten sich zurück

Die Kunden selbst scheinen sich unterdessen für die Änderungen weniger zu interessieren als das manch einem Berater recht sein kann. Die Consultant-Industrie schwenkt neuerdings ganz heftig die Digitalisierungsflagge. Andauernd höre und lese ich in Pitches, Konferenzen und Analysen, was die verschiedenen Kundengruppen im Finanzwesen angeblich wirklich wollen. Viele dieser Kundenwünsche entpuppen sich bislang als Wunschdenken. Daneben sorgt die mit dem technologischen Wandel kommende neue Sprache mit oft englischsprachigen Begriffen wie Robo-Advisor, P2P-Kredite oder Chatbot-Banking nicht gerade für eine Steigerung der Kundenakzeptanz, sondern bei der breiten Masse der Kundschaft womöglich eher für emotionale Hürden.

Innovationsmanager stehen in dieser Zeit vor großen Herausforderungen. Niedrigzinsphase, Margen- und Kostendruck erhöhen mit den Versprechungen neuer Technologien einerseits den Erwartungsdruck. Andererseits lässt sich schwer vermitteln, dass sich Innovationserfolge kaum planen lassen. Technische Innovationen lösen zwar regelmäßig alteingeführte technische Produkte ab. Der im Rückblick erkannte Pfad technischer Innovationen mag zwar im Nachhinein plausibel erklärbar sein, allerdings wird der künftige Weg deswegen nicht besser prognostizierbar. Mit den Irrtümern großer Denker und angesehener Fachleute, die Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft extrapolieren wollten, lassen sich mittlerweile ganze Buchregale füllen.

Welche technischen Entwicklungen sich durchsetzen, hängt nicht nur von vorhandenen Ressourcen, Fähigkeiten und Zielen der jeweiligen Institutionen und Unternehmen ab, sondern auch vom Zusammenspiel technischer und kultureller Rahmenbedingungen. Und daneben – auch wenn viele das als Erklärung nicht mögen – hängt der Erfolg vieler Innovationen auch vom Zufall ab. Und genau das macht die Finanzevolution so interessant, sicher auch in 2017. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start ins neue Jahr.


Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.