FinanzevolutionR3 CEV – Banken kapern die Blockchain

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Zu den faszinierendsten Evolutionsobjekten im Finanzwesen gehört die Konstruktion, die weltweit Blockchain genannt wird. Sie ist eine Art netzwerkgestütztes Grundbuch, in dem Verfügungsrechte digital dokumentiert werden. Ich hatte zuletzt an dieser Stelle erklärt, dass diese Technologie als Blaupause gilt für die digitale Übertragung von Rechten, die bisher in anderer Form verbrieft sind (beispielsweise Banknoten, Wertpapiere, Verträge, Urkunden).

Bekannt geworden ist die Blockchain-Technologie durch Bitcoin, der bekannten Peer-to-Peer-Digitalwährung. Manche Erzählung über die Kryptowährung beginnt damit, dass ihre Entwickler den internationalen Zahlungsverkehr unabhängig von Banken, Zentralbanken und dem weltweiten Geldsystem machen wollten. „Möglicherweise war es der Wille, die Macht über das Geld den Staaten und dem Finanzsystem aus den Händen zu reißen und ein politisch nicht beeinflussbares Währungssystem zu etablieren,“ schreibt Nicolas Morgenroth auf politik-digital.

Mittlerweile wissen wir, dass der Idealismus mancher Anwender und Profis nicht besonders ausgeprägt war. Bitcoin selbst wurde schnell zum Spekulationsobjekt mit einer rasanten Achterbahnfahrt seines Preises im Verhältnis zu US-Dollar und Euro. Der Chef des einst größten Handelsplatzes von Bitcoin wurde im Sommer wegen Betrugs festgenommen. Der vermeintliche Vorteil einer vollkommen unregulierten „Währung“ drehte sich um. Feierte man zunächst, dass sich die Währung jeglicher Kontrolle durch die üblichen Institutionen entzog, riefen einige nach der Pleite von Mt. Gox nach dem Staat.

Teure Abwicklungsprozesse werden überflüssig

Interessanterweise begannen mit dem ersten Bitcoin-Hype vor etwa zweieinhalb Jahren genau diejenigen, sich mit der Blockchaintechnik zu beschäftigen, gegen die diese Technologie eigentlich gerichtet war: Banken und Zentralbanken (siehe dazu meinen Beitrag im Mai 2014, Bitcoin reloaded elektrisiert die Profis). Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in meinem FinTech-Twitterstream mehrere Meldungen über die Blockchain-Technologie auftauchen.

Warum sich mittlerweile immer mehr Banken mit dieser Technik befassen ist klar: Mit Hilfe kryptographischer Verfahren können Banken und andere Unternehmen, Personen oder Institutionen digital verbriefte Verfügungsrechte eindeutig einem Rechteinhaber zuordnen und sie rechtssicher übertragen. Eines Tages benötigen sie womöglich nicht mehr die Institutionen und teuren Abwicklungsprozesse, die derzeit im Hintergrund von Bankgeschäften notwendig sind.

Ein Beispiel: Bisher werden für den nationalen und internationalen Geld- und Wertpapierverkehr große Zentralstellen benötigt, wie etwa Clearinghäuser, die die Wertpapiere lagern und über Konten abwickeln. Solche Stellen könnten künftig überflüssig werden. Banken, Börsen und Abwicklungshäuser suchen nach Möglichkeiten mit der Blockchaintechnik ihre Abwicklungspraxis grundlegend neu zu aufzustellen.