FinanzevolutionBlockchain vor dem Praxistest

Dirk Elsner© Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Das Thema Blockchain wird auf Kongressen und in Fachmedien derzeit heiß gekocht. Vor fast zwei Jahren schrieb ich in einer Kolumne über das starke Protokoll des Bitcoin-Konzepts und griff das Thema danach immer wieder auf. Mittlerweile scheint die Blockchain zum Modethema Nr. 1 der Finanzbranche aufgestiegen zu sein.

Allein mit den bisher bekannt gewordenen Blockchain-Projekten ließe sich locker eine ganze Kongresswoche füllen. In einer beispielhaften Aufzählung in dem Paper “Public versus Private Blockchains” nennen die Autoren unter anderem Projekte, um den Zahlungsverkehr zu vereinfachen oder das Gegenparteirisiko zu eliminieren. In London wird überlegt, für die Abbildung des englischen Grundbuchs die Blockchain-Technologie zu verwenden.

Viele Gedankenspiele drehen sich um den Maschinenraum der Banken, also um Backoffice-Prozesse, von dem Kunden in der Regel nicht viel mitbekommen. Clearing- und Settlement-Prozesse innerhalb des Finanzsystems sollen einfacher werden. Man hofft, einige Zwischenabwickler ausschalten zu können und so massiv Kosten zu senken. Mit ”intelligenten Obligationen“ und „Smart Contracts“ will man quasi sich selbst durchsetzende Verträge schaffen. Im Rahmen des „R3 CEV“-Konsortiums wird von “next-generation global financial services” gesprochen. Manche sprechen gar von einem neuen Internet für Finanzdienste.

In der Praxis tauchen viele Fragen auf

Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Phase dieser nicht mehr ganz neuen Technologie. Während die Blockchain-Technologie 2015 die Augen glänzen ließ, sollte 2016 endlich auf die Details geschaut werden. Auf dem High-Level-Niveau mögen viele Vorhersagen und Anwendungen attraktiv klingen. Der Lackmustest muss nun mit Prototypen in der Praxis stattfinden. Und hier tauchen viele Fragen auf.

Dem Manager Magazin ist jüngst die geringe Nachhaltigkeit der Blockchain-Technologie aufgefallen. Dieses Thema ist zwar nicht neu, dennoch wird es in vielen Ausführungen über die vermeintlichen Kostenvorteile der Blockchain-Technologie ausgespart. Es lohnt sich auf dieses Thema etwas genauer zu schauen. Ich komme darauf gleich zurück.

Wenn die Finanzwirtschaft von der Anwendung der Blockchain-Technologie spricht, dann meinen ihre Vertreter meist die Verwendung des Sicherheitsprotokolls der Bitcoin-Technologie. Die Blockchain ist im Prinzip ein Transaktions-Logbuch für ein bestimmtes digitales Gut (manchmal „Token“ genannt). Nicht alle möchten dabei Bitcoin als Token verwenden, sondern andere (digitale) beziehungsweise noch zu digitalisierende Güter einsetzen. Daneben gibt es Ansätze, die Kryptowährung Bitcoin selbst als eine Art Trägermedium zu verwenden.

Daraus lassen sich verschiedene nicht gerade triviale Herausforderungen ableiten, wenn man die Blockchain-Technologie für die rechtssichere Übertragung anderer Güter verwenden will. Da der digitale Token den alleinigen Rechtsanspruch auf ein Gut verkörpert, ist ein Mechanismus (beziehungsweise ein neues Protokoll) notwendig, in dem der Umtausch eines realen (analogen) Rechts in einen digitalen Token festgelegt wird. Wenn beispielsweise ein digitaler Token das Grundbuch ersetzt, dann kann das Eigentum an einem Grundstück nicht parallel durch das Grundbuch dokumentiert werden. Analoge Rechtsverhältnisse (etwa ein unterschriebener Schuldschein oder ein Geldschein) dürfen parallel nicht fortbestehen. Es muss außerdem gewährleistet werden, dass niemand einen solchen Token aus dem Nichts erschaffen kann oder das System auf andere Weise kompromittiert.