AnalyseDas Rennen um die Blockchain

Es sieht nicht wie eine Revolution aus. Ein Mitglied eines kleinen Teams der Schweizer Großbank UBS, verschanzt im 42. Stock eines Hochhauses im Londoner Büroviertel Canary Wharf, tippt auf einen Bildschirm und verkauft eine Anleihe einer Firma namens ABC an einen Investor namens XYZ.

Es ist die Art Transaktion die Millionen Mal am Tag von Banken weltweit ausgeführt wird, aber dieser Test-Transfer ist anders. Er wurde über eine interne Blockchain, einer gemeinsam genutzten Datenbanktechnologie, abgeschlossen, die als Plattform für die Kryptowährung Bitcoin bekannt geworden ist. Die Banken liefern sich ein Rennen, um die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie nutzen zu können. Sie glauben, dass sie damit ihre Kosten um bis zu 20 Mrd. Dollar senken können und dass Blockchain die Spielregeln der Branche ändern wird.

UBS ist nicht allein. Ihr Wolkenkratzer-Labor ist Teil eines riesigen Experiments, an dem sich mehrere Branchen beteiligen. Banken, Versicherungen und Unternehmen von IBM bis hin zu PwC wollen herausfinden, wie sie die Technologie für sich nutzen können. In ihrer einfachsten Form verknüpft eine Blockchain Verbraucher und Lieferanten direkt miteinander zu Online-Netzwerken, wodurch die Notwendigkeit von Zwischenhändlern entfällt.

Für die Finanzdienstleistungsbranche bietet die Technologie die Möglichkeit, die existierende Bankinginfrastruktur zu überholen, das Abwicklungstempo zu erhöhen und Aktiengeschäfte zu optimieren, wobei die Regulierungsbehörden auf Sicherheit bestehen. Die Entwicklungen haben das Potenzial, zwei der dynamischsten Branchen zusammenzubringen: das Computerzentrum des Silicon Valley mit dem Geldmanagement der Wall Street und der Londoner City.

„Wir könnten einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Musik mit der File-Transfer-Technologie. Sie hat die Branche verändert und neue Geschäfte wie iTunes sind entstanden“, sagt Michael Harte, Chief Operations und Technology Officer bei Barclays. „Das ist der Grund, warum es momentan so ein fieberhaftes Treiben gibt.“

Keine zentrale Autorität

Von Bewunderern wird Blockchain als revolutionäres Versprechen gepriesen wie das Internet vor zwei Jahrzehnten. Unternehmensgrößen von Microsofts Bill Gates bis zu Virgin-Gründer Richard Branson haben das Potenzial der Technologie gerühmt. Der britische Premierminister David Cameron nahm auf eine Asienreise einen Blockchain-Experten mit.

Für die gläubigen Anhänger sind die Möglichkeiten grenzenlos. Die Anwendungen reichen von der Speicherung von Kundendaten über die Abwicklung von grenzüberschreitenden Zahlungen, dem Clearing und der Abwicklung von Anleihen- und Aktiengeschäften bis hin zu sogenannten Smart Contracts, die sich selbst ausführen wie etwa ein Kreditderivat, das automatisch ausgezahlt wird oder eine Anleihe, die regelmäßige Zinszahlungen an die Halter tätigt. Einige behaupten sogar, dass die Technologie das disruptive Potenzial besitzt, Unternehmen zu zerstören, die selbst als Zerstörer gelten wie Uber und Airbnb.

Im Kern ist Blockchain ein Computernetzwerk, bei dem jeder Computer bestätigen muss, dass eine Transaktion stattgefunden hat, bevor sie als „Kette“ (chain) eines Computer-Codes aufgezeichnet wird. Wie bei Bitcoin – der ersten Anwendung der Technologie mit Geld – wird eine Verschlüsselung verwendet, um die Sicherheit der Transaktionen zu gewährleisten. Und die Kosten werden im Netzwerk aufgeteilt. Die Einzelheiten der Übertragung werden in einem öffentlichen Kassenbuch abgelegt, dass alle Benutzer des Netzwerks einsehen können.

Im derzeitigen System dient ein Hauptbuch als Hüter dieser Informationen. In einer Blockchain werden diese Informationen dagegen in einer transparenten Datenbank gespeichert, ohne dass ein Vermittler benötigt wird. Befürworter argumentieren, dadurch werde das Vertrauen zwischen den Parteien erhöht, da es keine Missbrauchsmöglichkeiten durch jemanden in einer gehobenen Stellung gibt.

Das Fehlen einer zentralen Autorität ist das Bitcoin-Merkmal, das bei den traditionellen Finanzinstitutionen die größten Bedenken auslöst. Die meisten haben einen großen Bogen um Bitcoin gemacht. Die Weisheit dieser Haltung schien sich zu bestätigen, als die Kryptowährung von Skandalen erschüttert wurde, die von ihren Verbindungen zum Drogengeld auf der inzwischen geschlossenen Schwarzmarktseite Silk Road bis zum Verschwinden von Kundenvermögen bei der zusammengebrochenen Bitcoin Börse Mt Gox reichten.