ReportageUnicefs Bilderschwindel

Joachim Fuchsberger (l.) und Gustav Rau
Im Jahr 2001 feierte Unicef die Schenkung von Gustav Rau. Links neben ihm: Unicef-Botschafter Joachim Fuchsbergerm
© ddp images

Das deutsche Kinderhilfswerk Unicef versteigert aus der berühmten Kunstsammlung Rau Gemälde mit Millionenwerten, deren Verkauf dem Kinderhilfswerk bis zum Jahr 2026 eigentlich untersagt ist. Laut Verträgen, die Capital vorliegen, hat Unicef sich dazu verpflichtet, die Kernsammlung Rau bis zum Jahr 2026 nicht zu veräußern, sondern 152 Gemälde und Skulpturen im Arp Museum in Remagen zu zeigen. Vereinbart wurde dies in einem Leihvertrag mit dem Träger des Museums, dem Land Rheinland Pfalz sowie in einem Schenkungsvertrag des Sammlers Gustav Rau mit Unicef.

Nun wird bekannt, dass etwa das wertvolle Gemälde „Die Algerierin“ von Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875)  verkauft wurde – freihändig, außerhalb der Auktionen. Zusammen mit dem Kunstwerk „Ansicht der Hermitage, Pontoise“ von Camille Pissarro (1830–1903) soll ein anonymer Käufer rund 16 Millionen Euro an Unicef gezahlt haben. Doch das Corot-Bild „Die Algeriern“ gehört eindeutig zur Kernsammlung und dürfte laut den Verträgen eigentlich nicht verkauft werden. Im Vertrag heißt es: Bis zum Ablauf der Frist „ist Unicef jede Verfügung über die Kunstwerke der Kernsammlung, insbesondere eine Veräußerung, Verpfändung und eine Auflösung dieser Kernsammlung untersagt“.

Eine Sonderklausel im Vertrag mache die Verkäufe dennoch möglich, rechtfertigt sich Unicef. Darin sei vorgesehen, dass vom Verkaufsverbot bis 2026 abgewichen werden dürfe, wenn „konkrete Umstände“ dies als steuerlich nachteilig erwiesen. Doch renommierte Experten für Kunstrecht widersprechen der Darstellung des Kinderhilfswerks: „Das ist ein klarer Vertragsbruch seitens Unicef “, sagt der Leipziger Kunstrechts-Anwalt Christoph von Berg, und das widerspricht eindeutig dem Willen des Stifters“. Die von Unicef genannte Sonderklausel könne nur dann benutzt werden, wenn dem Stifter ein Steuerschaden entstehe. Doch dafür fehlten jegliche Anhaltspunkte. Rau ist seit mehr als einem Jahrzehnt verstorben. Zudem setzte die Klausel laut dem Vertrag das Einverständnis beider Vertragsparteien voraus und sei überhaupt keine Rechtfertigung für einseitig von Unicef in Gang gebrachte Verkäufe, betont Anwalt von Berg.  Unglaublich, findet der Experte den Vorgang und rät: „Diese Verkäufe müssen juristisch geprüft werden.“

Es gibt konkrete Hinweise darauf, dass Unicef noch weitere Gemälde verkaufen will, die eigentlich der Kernsammlung zugerechnet werden müssten. Capital liegt eine Liste von acht Gemälden mit Millionenwerten vor. Hat Unicef etwa auch den Leihvertrag mit dem Land Rheinland Pfalz verletzt, welches sich sogar zur Staatshaftung für die Bilder verpflichtet hat? Teil dieses Vertrags ist ebenfalls die Liste der Bilder, die zur Kernsammlung gehören und bis 2026 gezeigt werden sollen. Diese Liste  wurde 2008 sogar im Internet veröffentlicht – aber heute ist sie dort plötzlich nicht mehr auffindbar. Auf mehrfache Fragen von Capital wollen weder Unicef noch das Arp Museum noch das zuständige Bildungs-Ministerium diese Liste heute herausgeben – ein bemerkenswerter Vorgang.

Gemälde auf Roadshow

Matthias Thieme
Capital-Redakteur Matthias Thieme
© Trevor Good

Derweil gehen die spektakulären Verkäufe weiter: Am 5. Dezember steht mit Jean-Honoré Fragonards Porträt des Herzogs von Harcourt im Londoner Auktionshaus Bonhams eines der wertvollsten Rau-Exponate zum Verkauf. Schätzwert: 7 bis 15 Millionen Euro. Bis dahin gehen einige Gemälde weiter auf Roadshow, werden Investoren auf verschiedenen Kontinenten schmackhaft gemacht – es ist der vorläufige Höhepunkt einer an Merkwürdigkeiten kaum zu überbietenden Geschichte, in der Unicef eine Hauptrolle spielt. Eine Capital-Recherche über das bizarre Gebaren des Kinderhilfswerks und die Geschichte der Sammlung Rau:

Ein sonniger Tag in Köln, im Herbst 2013. Bei den Gemälden werden heute Champagner und gekühlte Wachteleier gereicht. In der Kölner Filiale des Auktionshauses Bonhams hat soeben der Empfang begonnen. Etwa 20 Kunstkenner stehen zwischen teuren Bildern an weißen Wänden; Anzug und Sommerkleid, eine Besucherin trägt ihren kleinen Hund im weißen Handtäschchen.

Kurze Ansprache von Maria Freifrau von Welser, der Vize-Vorsitzenden von Unicef Deutschland. Sie sagt, dass man „stolz und glücklich“ sei, die Kunstsammlung von Gustav Rau präsentieren zu können, von der ein winzig kleiner Teil hier an den Wänden hängt. Das Auktionshaus zeigt in Köln neun Bilder von fast 800 Gemälden, Skulpturen und anderen Arbeiten, die zusammen eine der kostbarsten Sammlungen der Welt bilden. Ihr Schätzwert: 500 Mio. Euro. Große Teile davon werden bald versteigert, und der gesamte Erlös soll dem Kinderhilfswerk zugutekommen. Maria von Welser wünscht allen Gästen „gute Begegnungen mit den Bildern“. „Ich hätte nichts dagegen, wenn die Auktion schon heute wäre“, raunt ein Gast.

Von dem erbitterten Streit, der um die Kunstsammlung tobte, ist an diesem Abend keine Rede. Dabei wirft die Geschichte der Sammlung Gustav Rau bis heute viele Fragen auf: moralische, juristische und finanzielle. Gustav Rau war Arzt, Multimillionär und ein so sparsamer Mann, dass er Briefumschläge mehrmals verwendete. Nur für Kunst gab er Abermillionen aus. Schon lange vor seinem Tod hatte er seinen Nachlass geregelt. Unicef wurde damals nicht bedacht.