KommentarTrumps Orgie der Entweihung

US-Präsident Trump befahl den Marsch auf das Kapitol und seine Anhänger gehorchtenimago images / Pacific Press Agency

Ein Beobachter, der diese Woche nur flüchtig oder zufällig die Bilder aus den USA sah, hätte sie wohl für Szenen aus einer abtrünnigen Kaukasusrepublik gehalten oder aus einem jener Länder südlich der Vereinigten Staaten, in deren politische Prozesse man sich selbst gerne einmischt oder über die man urteilt.

Die „Schande vom Capitol Hill“ („Wall Street Journal“) war kein Akt des Terrorismus, kein Putschversuch und mithin auch kein Staatsstreich, wie im Eifer des Gefechts bald gerufen wurde. Dazu fehlte dem Mob bei der Erstürmung der Plan, die Organisation, ja der Wille einer Übernahme: Es ging um Störung und Eroberung, und die Waffen waren vor allem Smartphones, mit denen Bilder und Filme der Entweihung produziert wurden. Und es gab Gewalt, Verletzte, Tote.

Und somit war das, was diese Woche in Washington passierte, zugleich der Höhe- und Tiefpunkt jener wilden Entweihungsorgie, die Donald Trump vor vier Jahren losgetreten, gepflegt und angeheizt hat: Es geht darum, Institutionen und Personen schändlich zu machen, zu stören oder zu zerstören.

Angriffe auf die Demokratie hat es immer und überall gegeben, auch in den USA. Noch nie aber wurden sie in den USA vom Präsidenten selbst gesteuert und befeuert. Die Demokratie lebt nicht nur von Wahlen, sondern von dem Glauben daran, dass diese Wahlen rechtmäßig sind, dass das System funktioniert. Trump hat diesen Glauben seit Jahren untergraben. Die „Stürmung des Kapitols“ war der Punkt, an dem nun alles kumulierte und gleichzeitig kippte: Der Anführer der Exekutive befiehlt den Marsch auf das Haus der Legislative, um die verfassungsgemäße Übergabe der Macht zu stoppen. Insofern waren diese Bilder nicht der zwingende, aber der logische Schlusspunkt von Trumps Präsidentschaft. Fire and Fury.

Trumps Schattenreich

Wem diese Woche nicht die Augen geöffnet wurden, der will nicht sehen oder wird für immer blind sein gegenüber dem, was hier versucht wird. Leider sind es weitaus mehr Menschen als jener Haufen, in dem sich auch ein „QAnon-Schamane“ befand. Es sind nach ersten Umfragen gut 40 Prozent der registrierten republikanischen Wähler, die zumindest die Proteste befürworten. Proteste bei denen fünf Menschen starben und Dutzende verletzt wurden.

Seit der Wahl taumelt die amerikanische Demokratie zwischen Trauma und Triumph, zwischen neuen Niederlagen und den Tests ihrer eigenen Widerstandsfähigkeit. Dass der Kongress noch in der Nacht erneut zusammenkam und die Wahl Joe Bidens bestätigte, ist aber kein Sieg der Demokratie oder Freiheit, wie Vizepräsident Mike Pence versicherte. Es zeigt allenfalls, dass sie trotz allem überlebt und funktioniert, unter verstärktem Polizeischutz und sichtbar unter Schock.

Der Aufruf zu Mäßigung und Versöhnung, den Trump nach seiner Twitter-Sperre nun startete und vom Teleprompter ablas, ist so wenig glaubwürdig und nachhaltig, wie alles, was dieser Präsident von sich gab – denn das Schattenreich, das er geschaffen hat und das er immer noch mobilisieren kann, existiert ja weiter: Er braucht nicht mal ein Amt, um darüber zu gebieten. Die Versuchung ist nun groß, ihn mit Hilfe eines erneuten Amtsenthebungsverfahrens zumindest für offizielle Aufgaben für immer unschädlich zu machen. Aber wären Signal und Wirkung wirklich so stark?

Gräben ausheben als Geschäftsmodell

Es mangelt nicht an Aufrufen zur Versöhnung und Einigung in den USA, es mangelt an Grundlagen, eine solche Versöhnung herbeizuführen. An vielen Orten kann man sich allenfalls noch auf das physikalische Gesetz der Schwerkraft einigen. Es gibt, zumal mit neuen Präsidenten, immer wieder die großen Reden und Narrative, die Nation wiederaufzubauen, auszusöhnen und zu neuem Wohlstand zu führen. Lange Zeit reichte es, über die Gräben rhetorische Brücken zu bauen und neue Milliarden zu versprechen.

Doch schon lange ist unübersehbar, dass die Entkopplung der verschiedenen Milieus – die der Politikwissenschaftler Charles Murray bereits 2012 in dem lesenswerten Buch „Coming Apart“ analysierte und sogar auf Postleitzahlen herunterbrach – einfach zu groß ist. Man zieht die eigene Identität immer öfter daraus, die andere Seite nicht nur nicht zu verstehen, sondern abzulehnen.

Donald Trumps Vermächtnis – und wahrscheinlich ist er ja noch nicht fertig mit den USA – ist es, diese Gräben nicht nur ausgehoben, sondern daraus ein Geschäftsmodell gemacht zu haben. Die Politiker, die sich noch nicht von Trump losgesagt haben, hoffen, seine Anhänger zu gewinnen, so wie man Kunden gewinnt. Die Empörung über die Zustände und der Hass auf Eliten sind zugleich real und ein Produkt, das immer neu hergestellt wird. Es wird spannend, ob und wie die republikanische Partei diese Zerreißprobe in der Opposition überlebt.

Gibt es ein Zurück zur „Wir-Gesellschaft“?

Es gibt wenige Stimmen, die glaubhaft belegen, dass eine Versöhnung möglich ist. Dazu zählt der Harvard-Soziologe Robert D. Putnam, der in seinem Buch „The Upswing“ Parallelen zu der „Gilded Age“ im späten 19. Jahrhundert zieht. Das vergoldete Zeitalter, ein Begriff von Mark Twain, heißt so, weil es zwar nach außen strahlte, die Verwerfungen und die Armut indes groß waren. So wie heute waren es Zeiten, in denen technologischer Fortschritt und Wachstum die Gesellschaft beflügelten, aber viele zurückblieben – und so waren es auch Jahrzehnte der „Räuberbarone“ und Kartelle. Voller Egoismus, Ungleichheit, Individualismus und starker Polarisierung.

Putnam zeigt, dass diese Ich-Gesellschaft im 20. Jahrhundert von einer „Wir-Gesellschaft“ abgelöst wurde, der „Progressiven Ära“: egalitärer, kooperativer, geprägt durch einen sozialen „Upswing“. Eine Phase wiederum, die in den 1960ern mit Lyndon B. Johnsons „Great Society“ an ihr Ende kam. Putnams Kernthese: Das ist wieder möglich.

Wer glaubt, dass Geschichte stets in Wellen verläuft, dürfte Putnam folgen (der kein Träumer ist und seine These mit vielen Daten und Grafiken belegt). Zumindest haben die amerikanischen Wähler etwas mehr Klarheit geschaffen und für zwei Jahre den Demokraten eine Mehrheit gegeben, im Weißen Haus und in beiden Kammern des Parlaments. Selten hat man einem Politiker mehr Glück und Geschick gewünscht als dem kommenden Präsidenten Joe Biden – in der Hoffnung, dass er diese zwei Jahre wirklich zu nutzen versteht. Auch wenn man bisweilen nicht weiß, wo er anfangen soll.

 


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