ReportageYoungstown - wo Demokraten Trump wählen

Haus in Youngstwon mit Trump-Schildern
In vielen Vorgärten von Youngstown stehen Werbeschilder für Donald Trump – 6000 Demokraten haben sich für ihn re­gis­trie­ren lassen – Foto: Ricky Rhodes

Früher, sagt Johnny Naples, standen die Gäste mittags Schlange vor seinem Restaurant, bis weit auf den Gehweg. Im Golden Dawn, „established 1932“, verkauften sein Großvater und später sein Vater früher sechs ganze Torten pro Tag, manchmal sogar sieben. Die Männer waren hungrig und hatten Geld, warum sich den Nachtisch verkneifen? Um das Restaurant herum hatten die sechs großen Autohändler ihre pinken Cadillacs und knallroten Fords auf Hochglanz poliert, hier in der Wick Avenue, man nannte sie die „Wick Six“. Mittags kamen die Mechaniker, die Verkäufer und die Käufer hinüber von den Wick Six ins Golden Dawn und aßen Pizza und Torte. Das waren die guten Zeiten.

Im Golden Dawn gibt es noch immer die gleichen roten Lederbänke, die gleichen schwarz-weißen Bodenfliesen, die gleiche Leuchtschrift und den gleichen Tresen wie früher. Aber sechs Torten verkauft Naples heute in einer ganzen Woche nicht.

Von den Wick Six ist keiner mehr übrig, statt Cadillacs parkt hier ein gelber Bagger, der die verfallenen Autohäuser um das alte Restaurant herum abreißt. Die Straßen sind menschenleer. An Naples’ Tresen hocken ein paar Gestalten vor ihrem Bier für 1,25 Dollar. „Früher konnte man mit harter Arbeit hier noch etwas werden“, sagt einer von ihnen. „Früher hat jeder nach der Highschool einen guten Job in den Stahlfabriken gefunden“, sagt eine andere. „Früher haben wir hier richtig Geld verdient“, sagt Naples. „Daher kommt auch die Sache mit Trump.“

Tresen im Golden Dawn
Um das Restaurant Golden Dawn gab es früher sechs Autohäuser, die Wick Six. Nun sind dort nur Abrissbagger. Die meisten Gäste trinken Bier für 1,25 Dollar – Foto: Ricky Rhodes

Die Sache ist die: Donald Trump ist die große Hoffnung für viele der Menschen hier in Youngstown im Bundesstaat Ohio, die ihre Sätze stets mit „früher“ anfangen und sich seit Jahrzehnten nach genau dem sehnen, was Trump verspricht: dem großen Amerika. „Make America Great Again.“ Hier in Youngstown ist die Zielgruppe des US-Präsidentschaftskandidaten zu Hause: die frustrierte weiße Arbeiterklasse, die sich vor dem Abstieg fürchtet oder schon im Abstieg steckt. Viele Trump-Fans hier haben ihr Leben lang die Demokraten gewählt, das gehörte sich so für die Menschen, die in den Stahlwerken mit harter Arbeit ihr Geld verdienten, an den Schutz ihrer Gewerkschaft glaubten und an einen Staat, der sich um die Schwachen kümmert. Doch das hat sich geändert. Die Menschen sind so lange enttäuscht worden, dass sie offen sind für einen wie Trump.

Nur ein Stinkefinger

Youngstown ist nicht nur irgendein Städtchen mitten im sogenannten Rostgürtel, dem alten Industriegebiet in der Mitte Amerikas. Was hier in Youngstown passiert, entscheidet über die Zukunft des ganzen Landes. Ohio ist ein „Swing State“, ein Bundesstaat, dessen Stimmen mal an einen republikanischen und mal an einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gehen.

In vielen anderen Bundesstaaten ist schon jetzt ziemlich klar, wer gewinnt: Hillary Clinton in New York und Donald Trump in Tennessee zum Beispiel. In Ohio jedoch kämpfen die Kandidaten um die Gunst der Wähler, denn wer hier verliert, verliert wahrscheinlich im ganzen Land – nach John F. Kennedy im Jahr 1960 ist niemand ins Weiße Haus eingezogen, ohne in Ohio zu gewinnen. Und Youngstown ist das umkämpfte Zentrum des „Battleground State“. Beide Kandidaten waren schon hier, auch Trumps Schwiegertochter und Clintons Tochter. „See you soon“, twitterte Trump nach dem Besuch.

Seine Anhänger haben Youngstowns Wahlbezirk den „Ground Zero“ der Parteiüberläufer getauft. Nirgends im Land, glauben sie, werden so viele treue Demokraten für Trump stimmen wie hier in der alten Arbeiterstadt und ihren Vororten. Die bisherigen Zahlen geben ihnen recht: In den Vorwahlen haben bereits 6000 einstige Demokraten im Mahoning County um die Stadt herum die Seiten gewechselt und sich als Republikaner registriert. 20.000 weitere Menschen, die vorher überhaupt nicht wählten, haben sich für Trump zum ersten Mal beteiligt.

Donnie Skowron, Ex-Polizist und Trump-Wahlkämpfer, hat auf der Ladefläche seines Pick-ups ein meterhohes, handgepinseltes Plakat montiert, mit dem er durch die Stadt fährt und Demokraten zum Überlaufen motivieren will: „Cross Over. Vote for Trump.“ Von 20 Leuten, sagt er, zeigen ihm 19 ein Daumen hoch und nur einer den Stinkefinger. Überall rammen Menschen Trump-Schilder in ihre Vorgärten. Im Golden Dawn trägt manch eine der Tresengestalten eine rote Kappe mit der Aufschrift: „Make America Great Again“.

Wer die Menschen verstehen will, die ihre Hoffnung auf einen New Yorker Immobilienmilliardär und Reality-TV-Star setzen, muss wissen, wie es heute in Youngstown aussieht: nicht gut. „Das Haus da hinten, das muss weg“, sagt John McNally. „Und da auf der anderen Straßenseite, bei den wuchernden Büschen, da wohnt auch keiner mehr. Das muss weg.“ McNally ist der Bürgermeister von Youngstown, seit zweieinhalb Jahren. Wer mit ihm durch seine Heimatstadt fährt, merkt schnell, dass er vor allem den Niedergang verwalten muss. McNally zeigt auf ein schiefes, hellblaues Holzhaus mit zugenagelter Eingangstür. „Das reißen wir nächste Woche ab. Und das daneben auch.“ Auf seiner Abrissliste hat er Tausende Gebäude. „Muss weg, muss weg, muss weg.“ Dazu noch alte Läden, Kneipen, Restaurants, die verfallenen Autohäuser an der Wick Avenue und ein Wasserturm, der Wasser speichert für Menschen, die längst nicht mehr hier leben.