GastbeitragStakeholder Value ist Shareholder Value

US-amerikanische Flagge weht am Gebäude der New York Stock Exchange
An der New Yorker Börse wurde bislang dem Shareholder Value gehuldigtdpa

Im August sorgten etwa 200 CEOs in den USA für große Aufregung, als sie öffentlichkeitswirksam forderten, dass der Unternehmenszweck stärker an der Verantwortung für sämtliche Stakeholder und nicht nur an der Maximierung des Shareholder Values ausgerichtet sein sollte. Seitdem wird die Diskussion erstaunlicherweise so geführt, als schließen sich Stakeholder und Shareholder Value als bipolare Wertkonzepte aus. Darüber hinaus könnte man den Eindruck gewinnen, Corporate Germany tue überhaupt nichts, um den Bedürfnissen der wesentlichen Interessengruppen gerecht zu werden. Dabei ist dem gar nicht so – ja, vielmehr hängt beides untrennbar zusammen!

Zum einen hat die Regulierungspolitik – insbesondere die der letzten 10 bis 15 Jahre – schon dafür gesorgt, dass sich die Unternehmensleitung mit einer ganzen Reihe von Vorschriften beschäftigen muss, die klar und gezielt auf verschiedenste Stakeholder abzielen. Hier sind vielfältige und immer dichter werdende Regulierungen aus der EU oder der nationalen Gesetzgebung zu verschiedensten Themenkreisen zu nennen: beispielsweise zur Geldwäsche und Terrorfinanzierung, zum Datenschutz, zur Kontrolle der Lieferketten, Beachtung von Menschenrechten, der nichtfinanziellen Berichterstattung, zu Anti-Korruption, Klimaschutz oder auch im Außenwirtschafts- beziehungsweise Wettbewerbsrecht.

Die Befassung damit und insbesondere die gleichzeitige Einführung von Management-Systemen zur Einhaltung und Überwachung der Anforderungen (z.B. das Compliance Management) haben eine wichtige Entwicklung angestoßen: Unternehmen richten sich schon aus der bloßen regulatorischen Verpflichtung heraus mit hoher Dynamik und in zunehmendem Maße auf relevante Stakeholder wie Arbeitnehmer, Lieferanten, Kunden und die Öffentlichkeit aus.

Keine Pflichtübung

Was aber zum anderen zunächst nur nach einer gesetzlichen „check the box“-Übung aussieht, mit denen die Unternehmensorgane eine Umsetzung von gesetzlichen Vorgaben vornehmen, entpuppt sich bei näherem Hinschauen als echter Werttreiber. Eine ernstgemeinte Beschäftigung mit diesen Themen schafft Kunden- und Lieferantenvertrauen, erhöht die positive Wahrnehmung der Unternehmen in der Öffentlichkeit und ist bei der aktuellen demographischen Entwicklung und nahender Vollbeschäftigung ein echter Wettbewerbsvorteil im Kampf um Fachkräfte am Arbeitsmarkt.

Viele der oben skizzierten Felder sind echte Zeitgeist-Themen, denen eine extrem hohe Bedeutung eingeräumt wird: Bewusste Kundengruppen kaufen bevorzugt da, wo sie eine transparente und faire Lieferkette wahrnehmen oder wo ihre Daten vor Missbrauch geschützt werden. Lieferanten beliefern vermehrt keine Unternehmen mehr, die sich nicht systemisch und nachvollziehbar mit Risiken wie Korruption im Rahmen eines Compliance Managements beschäftigen. Und sie verlangen sogar häufig schriftliche Nachweise dafür.

Arbeitnehmer entscheiden sich für Unternehmen, die entsprechende Themen proaktiv besetzen und der gesamten Öffentlichkeit zugutekommen etwa ein strengerer Klimaschutz oder die Vermeidung von Terrorfinanzierung. Nicht zuletzt die Anforderungen an die nichtfinanzielle Berichterstattung bieten Unternehmen auch ein Fenster, die Aktivitäten in diesem Gebiet transparent zu vermarkten.

Stakeholder Value kommt auch den Aktionären zugute

Dies heißt nichts anderes als: Eine stärkere Fokussierung auf den Stakeholder Value, zum Beispiel durch regulatorische Anforderungen und darüber hinaus, sorgt im Folgeschluss gleichzeitig auch für einen gestiegenen Shareholder Value. Dieser spiegelt sich nicht selten positiv in den Unternehmenswerten beziehungsweise Börsenkursen der Unternehmen wider, die sich dieser Fragen annehmen.

Und mehr noch: Die konsequente Umsetzung und Verankerung von regulatorischen Vorschriften sowie entsprechenden Prozessen und Kontrollen in den Corporate Governance-Systemen, welche nicht als Feigenblatt aufgesetzt werden, vermeidet auch schmerzhafte Bußgelder und Abschöpfungen: Heute können Unternehmen bei Verstößen zumeist nur nach dem sogenannten Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (OWiG) – und hier mit maximal 10 Mio. Euro – belangt werden. Sollte der Referentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz („Verbandssanktionengesetz“) in der vorliegenden Form umgesetzt werden, drohen hier in Zukunft Strafen von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes bis hin zur Auflösung eines Unternehmens. Dies wird aber auch bei ausschließlicher Geldbuße mindestens zu einer signifikanten Reduzierung des Unternehmenswertes und in Einzelfällen in die Insolvenz führen. Man sieht also sehr deutlich: Stakeholder Value ist Shareholder Value.

 


Jens Carsten Laue ist Partner und Head of Corporate Governance Services bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Prüfung von Einzel- und Konzernabschlüssen nach IFRS, US-GAAP und HGB.