KolumneDer Shareholder Value sitzt zu Unrecht auf der Anklagebank

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

In einer aufsehenerregenden Meldung verkündete der amerikanische Business Roundtable, eine Vereinigung von Vorstandsvorsitzenden großer US-Unternehmen, in der vergangenen Woche eine Abkehr vom Shareholder Value als alleiniger Unternehmenszielsetzung. Es ist verständlich, dass die Lobby-Gruppe für die Vorstandsvorsitzenden von Großunternehmen einen solchen Vorstoß unternimmt, denn der Ausdruck Shareholder Value ist inzwischen zum ideologischen Kampfbegriff verkommen.

Inhaltlich war die Botschaft aber gänzlich verfehlt, denn die Herren Vorstandsvorsitzenden unterliegen einigen Konfusionen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Ziele für Unternehmen nicht von den Vorstandsvorsitzenden, sondern von den Eigentümern definiert und vorgegeben werden. Unternehmensvorstände sind Angestellte des Unternehmens, wenngleich sie sich mitunter in der Öffentlichkeit als Unternehmer gerieren und die Medien das auch noch durchgehen lassen.

Als Angestellter kann man Milliardär werden

Besser hätte der Business Roundtable daran getan, die Missachtung der Interessen einer investierenden Öffentlichkeit durch seine eigenen Mitglieder zu benennen und dort für einen Richtungswechsel zu sorgen. Denn das Hauptproblem börsennotierter großer amerikanischer Unternehmen besteht keineswegs in der Verfolgung rationaler Kapitalallokation, sondern vielmehr in der Überbezahlung und Selbstbedienung mancher Vorstände. Mit dem Namen „Managerialismus“ ist das Thema angemessen bezeichnet. Besonders über das in den USA weit verbreitete Instrument der Aktienoptionen für Top-Manager kommt es häufig zu enormen Vermögenstransfers von den Aktienären zu den leitenden Angestellten.

Das Überbezahlungsphänomen zeigt sich allein schon daran, dass es in den Vereinigten Staaten möglich ist, als Angestellter Milliardär zu werden. Dies ist etwa bei den CEOs der großen US-Banken der Fall und der Beobachter kann darüber nur staunen, wenn er bedenkt, dass die Institute vor zehn Jahren allesamt vom Steuerzahler gerettet werden mussten.

„Schrankenlose Erwerbsgier ist nicht im mindesten gleich Kapitalismus“

Zur Nachhilfe in Sachen Unternehmensziele rücke ich ein Zitat von Max Weber, dem bekannten Soziologen, aus dessen vor mehr als 100 Jahren erschienenen Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ ein:

„Und so steht es nun auch mit der schicksalsvollsten Macht unseres modernen Lebens: dem Kapitalismus. ‚Erwerbsbetrieb‘, ‚Streben nach Gewinn‘, nach Geldgewinn, nach möglichst hohem Geldgewinn, hat an sich mit Kapitalismus gar nichts zu schaffen. Dies Streben fand und findet sich bei Kellnern, Ärzten, Kutschern, Künstlern, Kokotten, bestechlichen Beamten, Soldaten, Räubern, Kreuzfahrern, Spielhöllenbesuchern, Bettlern. Man kann sagen: „at all sorts and conditions of men“, zu allen Epochen aller Länder der Erde, wo die objektive Möglichkeit dafür irgendwie gegeben war und ist. Es gehört in die kulturgeschichtliche Kinderstube, dass man diese naive Begriffsbestimmung ein für alle Mal aufgibt. Schrankenlose Erwerbsgier ist nicht im mindesten gleich Kapitalismus, noch weniger gleich dessen ‚Geist‘. Kapitalismus kann geradezu identisch sein mit Bändigung, mindestens mit rationaler Temperierung dieses irrationalen Triebes. Allerdings ist Kapitalismus identisch mit dem Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb, nach immer erneutem Gewinn, nach ‚Rentabilität‘. Denn er muss es sein. Innerhalb einer kapitalistischen Ordnung der gesamten Wirtschaft würde ein kapitalistischer Einzelbetrieb, der sich nicht an der Chance der Erzielung von Rentabilität orientiert, zum Untergang verurteilt sein.”


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns