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Unendliche Weiten: Bilder wie diese, die die NASA mit Hubble geschossen hat, will auch Astrofactum bald liefern
Unendliche Weiten: Bilder wie diese, die die NASA mit Hubble geschossen hat, will auch Astrofactum bald liefern
© Nasa

Wenn Bernd Madauss in Erinnerungen schwelgen will, dann geht er ins Deutsche Museum in München. Seine Hüfte schmerzt, aber die Augen des 76-Jährigen leuchten wie die eines kleinen Jungen, wenn er all die Satelliten und Raketen sieht, an denen er mitgearbeitet hat.

Madauss weiß gar nicht, was er zuerst vorführen soll: Heos-1, einen Satelliten aus den 60er-Jahren? Die Helios-Sonnensonde? Den Nachrichtensatelliten Symphonie? Oder die Europa-Rakete, den Vorläufer der Ariane? Madauss knufft im karierten Hemd den Mann neben sich in die Seite. „Sag mal, Hans, hast du nicht auch an der Helios mitgearbeitet?“ Der nickt. Beide lachen. „Mensch, Hans, dass wir uns jetzt erst kennengelernt haben …“, sagt Madauss und strahlt. Und dann leise: „Dass der Hans jetzt an Bord ist, ist super. Der ist der gefragteste Mann in unserem Haus.“

Weltraumveteran Bernd Madauss
Weltraumveteran Bernd Madauss
© Tanja Kernweiss

Ihr „Haus“ ist das Münchner Start-up Astrofactum. Eine kleine Gesellschaft mit großen Plänen. Sie will das erste öffentliche Weltraumteleskop ins All schießen. Das Public Telescope. Ein Hubble-Teleskop für jedermann. Entwickelt für Amateurastronomen, Bildungseinrichtungen und Wissenschaft. Über Smartphone, Tablet oder Computer soll sich jeder mit dem Teleskop verbinden können, den Ausschnitt festlegen und gegen Gebühr in die unendlichen Weiten spähen. So der Plan. 2019 soll es so weit sein. Doch erst muss die Finanzierung stehen: 100 Mio. Euro.

Realisiert werden soll das Public Telescope mit dem Spirit des Start-ups – und der Expertise einer Gruppe von Veteranen: Senioren, die ihr Leben der Raumfahrt gewidmet haben, Erfahrungen bei internationalen Weltraumprojekten sammelten und nun ihr Wissen in die kommerzielle Eroberung des Weltraums made in Germany stecken.

Die EU hat Astrofactum in das Förderprogramm „Horizon 2020“ aufgenommen. 50 000 Euro Anschubfinanzierung gab es diesen Sommer, in der zweiten Stufe winken 2,5 Mio. Euro. Mit dem Programm sollen innovative europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb gestärkt werden.

New Space Economy boomt

Bislang sind es mächtige Milliardäre wie Google-Gründer Larry Page, Tesla-Pionier Elon Musk oder Virgin-Tycoon Richard Branson, die mit verrückten Ideen das All erobern wollen. Der eine will Metalle auf Asteroiden abbauen, der andere den Mars kolonisieren, der Dritte den Weltraumtourismus etablieren. Der Hoteltycoon Robert Bigelow plant sogar aufblasbare Hotels auf dem Mond. Weltweit gibt es 70 Milliar­däre, die ins All investieren. Die „New Space Economy“ boomt. Vom nächsten Goldrausch ist die Rede.

Dagegen ist das Public Telescope ein kleines Projekt. Der ehemalige Siemens-Manager Heiko Wilkens hatte die Idee dazu. 2012 kündigte er seinen Job und gründete das Start-up. Der Mann mit krausem Schopf und kreisrunden Brillengläsern kennt seine Kunden von morgen nur zu gut. Er ist einer von ihnen. Einer von weltweit 350 000 Amateur­astronomen, die jedes Jahr mehr als 1 500 Dollar für ihr Hobby ausgeben.