GastbeitragSoziale Innovationen: Bitte mal den Weg freimachen!

Wie sehen die Unternehmerinnen und Unternehmer der Zukunft aus?IMAGO / MASKOT

Stellen Sie sich vor,

… Sie hätten einen Weg gefunden, wie man wirkungsvoll die Basis für mentale Gesundheit schon in Schule und Ausbildung legen könnte. Sie könnten damit nicht nur dem Sozialstaat Millionen Euro sparen (oder für wirkungsvollere Einsätze zur Verfügung stellen), sondern auch mehr Menschen ein erfülltes Leben bescheren.

… Sie hätten ein Modell entwickelt, um Biodiversität und regionale Wertschöpfung in der Landwirtschaft zu fördern. Und Sie hätten in dem Zuge unternehmerische Berichterstattung so aufgesetzt, dass sie ganzheitlich auch ihre Auswirkungen auf die Welt einbezieht.

… Sie würden mit ihrer Suchmaschine nicht nur Millionen Bäume weltweit pflanzen, sondern auch neue Standards für Transparenz und Datensicherheit im Netz setzen.

Diese Beispiele beschreiben soziale Innovationen, „neue soziale Praktiken und Organisationsmodelle, die darauf abzielen, für die Herausforderungen unserer Gesellschaft tragfähige und nachhaltige Lösungen zu finden“, so das Hightech-Forum der Bundesregierung in einem Impulspapier.

Auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft – chancengerecht und innerhalb planetarer Grenzen Wert schaffend – sind diese sozialen Innovationen elementar. Sie helfen uns, gesellschaftliches Miteinander zu gestalten. Sie regen zum Umdenken und Handeln an: Wie soll unsere Bildung aussehen, wie fördern wir Generationengerechtigkeit, wie definieren wir als Gesellschaft Erfolg?

Andere können das schon besser als wir

Die Kernfrage ist: Wie schaffen wir es als Land der Ideen, dass soziale Innovationen nicht (wirkungs)klein bleiben, sondern wir zusammenarbeiten, sie zu verbreiten und gar zu neuen Standards werden zu lassen?

Eine schlechte Nachricht ist: Andere können das schon besser als wir, das zeigt unter anderem die grad erschienene Studie „Neue Verbündete“ internationaler Förderorganisationen von Social Entrepreneurs in Zusammenarbeit mit McKinsey&Company. Hier wird gezeigt, wie Regierungen anderer Länder bereits erkannt haben: Sie tun gut daran, Menschen mit wirkungsvollen neuen Ideen für unser Zusammenleben nicht nur nicht im Weg zu stehen, sondern sie gezielt zu fördern.

Eine gute Nachricht wiederum: Ein Großteil derer, die sich mit der Förderung sozialer Innovationen auseinandersetzen, sind sich ziemlich einig, was passieren müsste. Aktuelle Arbeiten zum Thema vom europäischen Euclid Network, dem Centre for Social Investment (CSI) der Universität Heidelberg, Christin Skiera und Felix Sieker sowie Ashoka und McKinsey & Company zeigen, grob umrissen, vier Handlungsempfehlungen:

  • Erstens: Politische Zuständigkeit herstellen. Wohin wende ich mich heute eigentlich, wenn ich denke einen sozial-innovativen Ansatz gefunden zu haben und ihn verbreiten möchte? Wir müssen raus aus den kleinen Schritten hinein in eine ganzheitliche soziale Innovationsstrategie, die nicht den Schubladen von politischen Ressorts untergeordnet ist. Vorbilder könnten das Innovacao Social in Portugal oder Centro de Innovatio Social in Kolumbien sein.
  • Zweitens: Förderinstrumente ausweiten. Soziale Innovationen entstehen aus einem breiten Spektrum der Akteure heraus. Social Entrepreneurs – gemeinnützig und gewerblich organisiert – und auch andere Akteure der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung bringen sozial-innovative Ansätze voran. Bei der Förderung sozialer Innovationen muss das erste Interesse dem Wirkungsmodell und -potenzial eines Ansatzes gelten, erst das folgende dem Finanzierungsmodell. Programme wie EXIST oder INVEST gehören daher angepasst, Förderungen für Grundlagenforschung, Skalierung und Verbreitung erarbeitet. Die bislang ungenutzten Mittel aus nachrichtenlosen Bankkonten können hier ein wichtiger Hebel sein; Inspirationen geben Programme wie Big Society Capital (UK) oder das Innovate for Save Programm aus Wales.
  • Drittens: Vergaberichtlinien anpassen. Der Staat ist eine mächtige Käuferin. Und so wie jede:r von uns Konsum überdenken sollte, muss es auch der Staat tun – entlang von ökologischen und sozialen Kriterien. Internationale “Buy Social”-Initiativen können hier Vorbild sein.
  • Viertens: Experimentierfreude in Politik und Verwaltung erhöhen. Projekte im Feld Open Social Innovation zeigen: Bürger:innen gestalten gern mit, wenn sie gehört werden. Innovationsagenturen wie Vinnova (Schweden) und Nesta (UK) oder Initiativen wie der Presidents Cup in Taiwan zeigen, wie wir als Gesellschaft entlang einzelner Fragestellungen mit Verwaltung und Politik ins Arbeiten kommen könnten. Bei letzterem gibt die Regierung übrigens das Blanko-Versprechen, alle Finalist:innen innerhalb eines Jahres in nationale Programme oder Gesetze zu übernehmen.

Beim Auftakt von des offenen Innovationsprozesses „UpdateDeutschland“ forderte Transformationsforscherin Prof. Maja Göpel die Teilnehmenden und uns als Gesellschaft unter anderem dazu auf, aus Bequemlichkeit auszubrechen und den Blick entschieden vom Rückspiegel auf den Horizont zu lenken. In Zeiten großer Umbrüche sei die Unsicherheit groß, das Neue noch nicht recht greifbar. Umso wichtiger sei, den Blick gemeinsam auf das zu richten, wie es einmal sein soll. Also tun wir das. Schauen wir gemeinsam auf den Horizont.

Der 3. Deutsche Social Entrepreneurship Monitor gibt allerlei Grund für gute Hoffnung: Social Entrepreneurs arbeiten gemeinwohlorientiert, sozial und ökologisch nachhaltig und wirkungsorientiert. Als Akteure, die soziale Innovationen voranbringen, sind sie Teil einer nächsten Generation von Unternehmenden, sind Pioniere des Wandels. Stehen wir ihnen nicht im Weg. Denn viele der Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind Generationenaufgaben – nur dass wir für viele keine Generation mehr Zeit haben sie zu lösen. Unsere Innovationskraft ist gefragt – und braucht viele Mitgestalter:innen. Die Gestaltungsspielräume: Riesig. Die Herausforderungen: auch! Der Profit für Gesellschaft und Umwelt: Riesig. Der Bonus: Eine lebenswerte Welt. Für alle.

 


Laura Haverkamp gestaltet mit und bei Ashoka Deutschland Ökosysteme für Social Entrepreneurs und die, die soziale Innovationen voranbringen wollen. Sie ist Teil des Vorstands des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschlands und Mitglied im ThinkTank30 der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.