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Merit Order So will die EU künftig hohe Strompreise verhindern

Strommast in der Nähe von Düsseldorf: Die EU will die Stromtrassen ihrer Mitgliedsländer stärker verknüpfen
Strommast in der Nähe von Düsseldorf: Die EU will die Stromtrassen ihrer Mitgliedsländer stärker verknüpfen
© IMAGO / Michael Gstettenbauer
Erst stiegen die Gaspreise im vergangenen Jahr, dann zogen die Strompreise hinterher. Das muss nicht sein, meinen manche EU-Politiker – und geben dem sogenannten Merit-Order-System die Schuld. Jetzt fordern sie Reformen

Viele Verbraucher erhalten in diesen Tagen Post von ihren Stromanbietern. Und nur selten sind das gute Nachrichten – in aller Regel stecken Preiserhöhungen dahinter, mitunter von mehr als 60 Prozent. Dabei scheint die Situation etwas paradox: Die Großhandelspreise für Strom gehen seit Wochen zurück, liegen mittlerweile wieder auf dem Niveau von September 2021, und fallen tendenziell sogar noch weiter. In sozialen Netzwerken ist daher schon von „Abzocke“ oder „miesen Tricks“ die Rede.  

Nachdem Russland die Ukraine im Februar 2022 angriff und die Energielieferungen nach Europa einstellte, sprangen die Preise zeitweise um über 300 Prozent nach oben. Vor allem das Tempo überraschte viele – und sorgte später für umfangreiche Rettungspakete der Bundesregierung. Dass der Energiemarkt nur unzureichend für Krisensituationen ausgelegt ist, blieb auch der EU nicht verborgen. Sie werkelt deshalb seit Monaten an einem neuen Strommarktdesign, oder zumindest an Reformen, um Preisspitzen wie im vergangenen Jahr abzumildern. Eigentlich wollte die Europäische Kommission bereits vor Weihnachten einen ersten Entwurf vorlegen, mittlerweile wird damit aber erst im März gerechnet. Es gebe viele Vorschläge, viele verschiedene Meinungen und Interessen, heißt es aus Brüssel. Das bedürfe noch Zeit.  Auch die Bundesregierung hängt mit der Einberufung einer eigenen Expertenrunde zu dem Thema ihrem Zeitplan hinterher. 

Dabei ist die Frage im Kern immer gleich: Wie radikal wollen wir das bestehende Strommarktdesign umkrempeln? Zur Erinnerung: Die Strompreise werden aktuell über das sogenannte Merit Order System gebildet. Einfach gesagt bestimmt hier der Preis für die teuerste Erzeugungsart, heute: Gasverstromung, den Preis für alle günstigeren Arten – zum Beispiel für Erneuerbare, Kohleverstromung oder Atomenergie. Und da die Gaspreise nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zwischenzeitlich in ungeahnte Höhen schossen, auf über 300 Euro pro Megawattstunde, zogen auch die Strompreise kurz darauf hinterher. 

Die Politik steht naturgemäß unter Druck, wenn die Strompreise innerhalb eines Jahres um 60 Prozent steigen. Und da ist es auch kein Wunder, dass mit jedem Rekordhoch noch radikalere Ideen für den Strommarkt kursieren. Von einer Übergewinnsteuer bis hin zur Abschaffung der Merit Order – eigentlich wurde alles innerhalb der EU diskutiert. Doch nachdem die Preise zuletzt wieder fielen, sind auch die Debatten abgeflacht. Eine Entwicklung, die Strommarkt-Experten wie Lion Hirth grundsätzlich begrüßen. „Die Ansprüche an den Strommarkt haben sich zuletzt in die richtige Richtung entwickelt, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, schrieb Hirth auf Twitter.  

Dass sich etwas an der Funktionsweise des Strommarkts ändern muss, steht außer Frage. Die einen wollen aber härter durchgreifen als die anderen. In Deutschland gibt es beispielsweise eine breite Mehrheit von Grünen bis zur CDU, die allenfalls für ein Kriseninstrument plädieren - etwa eine Übergewinnsteuer in einer fest definierten Krisensituation. Am grundlegenden Merit-Order-System selbst wollen sie nichts ändern. Das habe – bei guten Wetterbedingungen – im Gegenteil zu extrem günstigen Preisen geführt. Wenn Wind und Sonne etwa genügend erneuerbare Energien liefern, können die Strompreise sogar negativ werden. Andere Länder, allen voran Griechenland, gehen weiter und wollen beispielsweise die Stromarten im Merit-Order-System voneinander trennen.  

Nicola Beer: „Ausnahme- von Normalsituation trennen“

„Wir müssen uns fragen, ob die von der Kommission angekündigte Reform des Merit-Order-Systems überhaupt noch notwendig ist. Für Ausnahmesituationen, wie durch den Ukrainekrieg, können befristete, punktuelle Maßnahmen, wie zum Beispiel die bereits beschlossene Strompreisbremse, Sinn machen. Das müssen wir aber von der Normalsituation trennen“, sagt beispielsweise Europaparlaments-Vizepräsidentin Nicola Beer (FDP) gegenüber Capital. Sie sieht eine konkrete Gefahr: „Wenn wir derartige Sondermaßnahmen dauerhaft in den Energiemarkt einbauen, wird das System unnötig teuer und dysfunktional.“ 

Die These von ihr und anderen Befürwortern geringer Eingriffe klingt zunächst kontraintuitiv: Wer günstigen Strom haben will, muss vorübergehend hohe Preise akzeptieren. So sagen es auch zahlreiche Ökonomen. Günstiger Strom kommt vor allem aus Erneuerbaren Energien, weshalb diese auch massiv ausgebaut werden sollen. Erneuerbare Energien haben allerdings ein kompliziertes Investitionsprofil: Beim Bau eines Windkraftrads entstehen 80 Prozent der Kosten direkt beim Bau, die restlichen 20 Prozent entfallen auf Wartung, Ersatzteile, usw. Bei einem Gaskraftwerk ist das Verhältnis im Prinzip umgekehrt. Hier entfallen die 80 Prozent auf variable Brennstoffkosten – die sich durch Hedging und Lieferverträge allerdings gut kontrollieren lassen. Gleichzeitig springen Gaskraftwerke nur an, wenn ihr Strom benötigt wird – und das zu ihren Preisen. Wenn Netze auf der anderen Seite überlastet sind, müssen Windkrafträder teilweise sogar abgeregelt werden. Das ist ein zweites Problem, das die EU mit einem starken europäischen Binnenmarkt verbessern will. Nichtsdestotrotz gelte bislang: „Wer Erneuerbare Energien erzeugt, sitzt auf der Investition und kann kaum noch Risiko rausnehmen“, sagt Matthias Buck vom Thinktank Agora Energiewende.    

Investoren brauchen also Anreize, damit sie überhaupt ein Windrad oder eine PV-Anlage aufstellen. Das geht zum Beispiel über den Preis – je höher der ist, umso lukrativer die Investition. Die Preisspitzen in der Merit Order sind für Investoren genau so ein Signal. Werden die Gewinne durch hohe Preise aber durch eine Übergewinnsteuer abgeschöpft, ist der Investitionsanreiz geringer. Je geringer der Anreiz, umso weniger Erneuerbare gehen ans Netz, umso teurer bleibt der Strom. Das ist ein Problem für die Politik. Außerdem sind bei hohen Preisanreizen keine staatlichen Subventionen nötig, weil sich die Rechnung der Investoren von selbst trägt.    

Bloss fordert intensiveres Hedging

Vermutlich wollen auch deshalb nur wenige Politiker das Merit-Order-Modell abschaffen. So sagt zum Beispiel der Grüne-Europaabgeordnete Michael Bloss gegenüber Capital: „Wir müssen zwar die Verbraucher stärker schützen, aber ich wäre dagegen, die Merit-Order abzuschaffen.“ Auch er spricht sich eher für neue Kriseninstrumente und Vorgaben aus als für eine umfassende Reform des Merit-Order-Systems.  

Energiepolitiker Bloss schweben hier zwei Ideen vor: Zum einen sollen Verbraucher eine Preisgarantie für mindestens ein Jahr von ihren Stromanbietern erhalten. Zum anderen sollen die Anbieter dazu verpflichtet werden, mehr als 50 Prozent ihres Angebots über die nächsten zwei Jahre preislich abzusichern – also intensiveres Hedging betreiben. „Das würde zwar auf die Marge drücken, aber der Strommarkt wäre für die Verbraucher insgesamt sicherer.“  

Nicola Beer geht es eher darum, den Wettbewerb und den EU-Binnenmarkt weiter zu stärken – sei es durch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, zum Beispiel für Erneuerbare, mehr Speicherkapazitäten und Interkonnektoren sowie bessere Forschungsmöglichkeiten. Aktuell gebe es zum Beispiel keinen gesetzlichen Rahmen, in dem die hoffnungsstiftende Fusionsenergie getestet werden kann innerhalb der EU. „Da müssen wir schnell handeln, denn die ersten Betreiber wandern schon in die USA und nach Großbritannien ab.“ Dort gebe es bereits einen solchen Rechtsrahmen. 

Preisband als Lösung?

Der Thinktank Agora Energiewende schlägt einen dritten Ansatz vor, der schon länger unter dem Begriff „zweiseitige Contracts-for-Difference“ (CfD) kursiert. Die Strompreise wären hier in beide Richtungen begrenzt – sowohl nach oben als auch nach unten. Übersteigt der Preis einen bestimmten Wert, geht der „Übergewinn“ in einen Topf. Fällt er unter einen bestimmten Wert, wird Geld aus dem Topf genommen. So könnten Preisspitzen aber auch unwirtschaftliche Preisniveaus abgedämpft werden. 

Wichtig sei in diesem System aber, dass die Entscheidung für eine Investitionsabsicherung durch CfDs freiwillig bleibe – dass also nicht nur Halter eines CfD künftig grünen Strom am Markt verkaufen dürfen. „Wir müssen jetzt Jahr für Jahr drei bis viermal so viel Erneuerbare Energie zubauen wie im letzten Jahrzehnt. Das kriegen wir nur hin, wenn weiterhin auch ein rein marktbasierter Zubau möglich ist“, sagt Matthias Buck, Europadirektor von Agora Energiewende.  

Aus dem gleichen Grund sei auch der viel diskutierte griechische Vorschlag zum Merit-Order-System schlecht. Dieser sieht vor, zwei getrennte Märkte für Erneuerbare und fossile Energien zu entwickeln. So sollen alle von den günstigen Erneuerbaren profitieren und der fossile Rest wird damit anschließend verrechnet. Der fossile Markt funktioniert hier im Endeffekt wie bisher über das Merit-Order-System. Der Markt für Erneuerbare setzt auf CfDs – allerdings verpflichtende. „Der griechische Vorschlag gefährdet den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien, denn er setzt voraus, dass der rein marktbasierte Zubau verboten wird. Damit schließt er innovative Geschäftsmodelle wie Kombinationen aus Erneuerbaren und Speicherlösungen ebenso aus wie Marktanreize für Flexibilität auf der Nachfrageseite“, sagt Buck. 

Auch andere Modelle wie etwa Pay-as-bid, bei dem jeder Anlagenbetreiber den Preis bekommt, zu dem er seinen Strom anbietet, überzeugen Ökonomen kaum. In der Theorie sollen die Erzeuger sich gegenseitig im Preis unterbieten. Doch befürchtet wird genau das Gegenteil – dass Firmen also ihre Preise erhöhen, in der Erwartung, dass andere das auch tun. „Unter dem Strich wäre Strom vielleicht nicht günstiger als jetzt“, sagt Energieprofessor Andreas Löschel gegenüber dem Spiegel. „Aber der Markt wäre intransparenter.“  

Aktuell läuft noch der öffentliche Konsultationsprozess, bei dem alle Länder und auch die Energiebranche ihre Ideen vorbringen können. Zuständig ist die Europäische Kommission und damit in letzter Konsequenz Präsidentin Ursula von der Leyen. Bislang sind aus diesem Prozess allerdings nur wenige Erkenntnisse nach außen gedrungen. welche Lösungen die Kommission bevorzugt. Klar scheint, dass vor allem eine Allianz um Spanien und Griechenland auf tiefgreifendere Reformen drängt - etwa durch eine Abtrennung der verschiedenen Märkte. Außerdem könnte die temporär eingeführte Übergewinnsteuer auf „inframarginale Technologien” - also Erzeugungsarten, die konsequent günstiger hergestellt werden als der Markträumungspreis, etwa Erneuerbare und Atomstrom - verstetigt werden. Doch mehr als Ideen sind das bislang nicht.  

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