FrankreichSo spielt Vincent Bolloré die Herren mit den klangvollen Namen an die Wand

Vincent Bolloré IMAGO / IP3press

Vincent Bolloré hat sich um seinen Ruf nie sonderlich geschert. Man hat ihn Firmenräuber genannt, Trickser, man hat ihn der ständigen Entfesselung unfeiner Börsenschlachten bezichtigt und immer wieder als Emporkömmling beschrieben. Zumindest das ist nicht ganz verkehrt: Am Anfang stand das Erbe der bretonischen Papierfabrik seiner Eltern, die im kommenden Jahr 200 Jahre alt wird und die lange Zeit die auch in Deutschland bekannten Zigarettenpapiere des Labels OCB lieferte. Heute rangiert Bolloré mit über 5 Mrd. Euro auf Platz 14 der größten Vermögen Frankreichs (laut dem Magazin „Challenges“). Er gebietet über das ein wahres Industriesammelsurium, das von Häfen in Afrika, die es betreibt, bis in den Pariser Leitindex Cac40 reicht. Dort dirigiert er den Vivendi-Konzern, der seit Jahren ein international führendes Tech- und Medienportfolio kontrolliert.

Und in den nächsten Wochen dürfte Bollorés Imperium noch wachsen: Zum einen durch den für diesen Mittwoch (21. September) geplanten Börsengang von Universal Music, des größten Musikkonzerns der Welt, der die Rechte von Abba, Drake, Justin Bieber, Ariana Grande, Lady Gaga, Kanye West und Rihanna hält. Vivendi wird sich dabei zwar weitgehend aus Universal Music zurückziehen. Aber Bollorés eigenes Konglomerat sichert sich zeitgleich die Position als größter Aktionär. Ein zweiter Grund, warum Bollorés Einfluss wächst, ist ein Coup des Bretonen von Ende der vergangenen Woche: Da verkündete Vivendi, dass der Konzern plant, seine Beteiligung an Lagardère bedeutend aufzustocken und in der Folge ein Übernahmeangebot für den Konzern abzugeben.

Fünf Jahre lang vorbereitet

Lagardère ist ein Familienunternehmen das schon mehrfach seine Gestalt geändert hat, darin nicht ganz unähnlich dem Bolloré-Imperium. Aber der Erbe der Gruppe, der 60-jährige Arnaud Lagardère wird mit der Übernahme an den Rand gedrängt. Bolloré düpiert somit einen der glanzvollsten Namen des französischen Familienkapitalismus. Damit nicht genug: Auch den allergrößten Namen dieses Familienkapitalismus hat der Mann von der Papierfabrik damit an die Wand gespielt: Bernard Arnault. Denn der reichste Mann Frankreichs und Gebieter über den Luxuskonzern LVMH war vor einem Jahr Arnaud Lagardère als Großaktionär zur Seite geeilt. Er muss nun zusehen, wie Bolloré die Schlacht eröffnet (und wahrscheinlich gewinnt).

An den Rand gedrängt: Arnaud Lagardère (Foto: IMAGO / IP3press)

Diese Schlacht wird eigentlich bereits seit fünf Jahren vorbereitet: Damals stieg der Aktivistenfonds Amber Capital bei Lagardère ein und warf Arnaud Lagardère vor, dass das Konglomerat eine armselige Performance zeige. Tatsächlich war an der Börse lange nicht mehr viel los mit dem Lagardère-Papier. Arnauds Vater Jean-Luc Lagardère war noch ein legendärer und einflussreicher französischer Industrieller gewesen, er baute Flugzeuge und war dann Großaktionär bei Airbus, er fabrizierte Traumautos und Sportwagen (unter der Marke Matra) und kontrollierte gleichzeitig weltweit glanzvolle Zeitschriften (allen voran „Elle“). Arnaud Lagardére konzentrierte das Unternehmen dann auf Medien- und Handelsgeschäfte. Heute gehört zu dem Konzern ein französischer Buchverlag (Hachette), sowie mehrere einheimische Zeitungen, Zeitschriften und Radiosender. Dazu kommt eine Handelskette, die Duty-Free-Shops und Zeitungsläden an Flughäfen und Bahnhöfen betreibt, auch in Deutschland unter der Marke Relay.

Als Amber Capital seinen Angriff startete holte Arnaud Lagardère den Vivendi-Konzern unter Bolloré als „weißen Ritter“ an seine Seite. Vivendi aber erhöhte seine Anteile bis auf zuletzt 29 Prozent – zum Missfallen Arnaud Lagardères. Der suchte dieses Mal Hilfe bei Arnault. Der stieg zwar auch mit einem Zehnprozentanteil ein. Doch als sich Bolloré ein Vorkaufsrecht auf die Anteile von Amber sicherte, griff Arnault nicht ein. Obwohl dieser, laut Recherchen der „Financial Times“ zuvor ebenfalls die Möglichkeit gehabt hätte, sich dieses Recht zu verschaffen. Schließlich willigte Arnaud Lagardère in diesem Jahr ein, die Rechtsform der einstigen Familienfirma zu ändern die fortan nicht mehr als Kommanditgesellschaft fungiert, sondern als normale Aktiengesellschaft (Société Anonyme). Damit aber verzichtete der Erbe auf seine entscheidenden Stimmrechte – nur mit seiner Sieben-Prozent-Kapitalbeteiligung wäre er bar jeden Einflusses. Aber der Erbe verschaffte sich vermeintlich Sicherheit: Er setzte Board-Sitze für die Seinen durch, zusätzliche Anteile und einen Fünfjahresvertrag als CEO für sich.

Mit Attacken kennt sich Bolloré aus

Kurze Zeit später aber zog Bolloré die Schlinge fest. Zusammen mit den Anteilen von Amber hält Vivendi 45 Prozent bei Lagardère, die Mehrheitsübernahme dürfte nur noch eine Formalie sein. Arnaud Lagardère stünde damit vor den Trümmern seiner Ambitionen: Er wollte ein Medienreich schaffen und das Familienimperium einst vergrößert weiterreichen, beides hat er nicht geschafft.

Man hätte es angesichts der Geschichte des Angreifers ahnen können. Bolloré hat sich immer wieder mit peu à peu erworbenen Minderheitsbeteiligungen in börsennotierte Firmen hereingeschlichen und sich dann schlagkräftigen Einfluss verschafft, ohne auf eine Mehrheit zu setzen. So fing er bereits in den frühen 1990er-Jahren seine Börsenkarriere bei einem Rohstoffkonzern an. So war es lange beim Werbekonzern Havas (der heute zu Vivendi gehört), wo er sich mit einer 20-Prozent-Beteiligung an die Konzernspitze setzte und die Strategie diktierte. Bei Vivendi reichte anfangs sogar ein Fünf-Prozent-Paket.

Dort wo der Widerstand gegen den Eindringling zu groß wurde – beim Baukonzern Bouygues etwa oder beim britischen Mediaagenturkonzern Aegis, den er offenbar mit Havas verschmelzen wollte – gelang es Bolloré regelmäßig mit großem Gewinn wieder auszusteigen. Mit dem vielen Geld startete er dann neue Angriffe. Auch bei Vivendi ist seine Groupe Bolloré mit derzeit 27 Prozent des Kapitals immer unter der Schwelle von 30 Prozent geblieben, bei der ein Übernahmeangebot fällig würde. Trotzdem verfügt der Vorstandschef über den Konzern, als wäre er Alleinherrscher. Aber vielleicht muss Bolloré hier eines Tages doch noch eine Kaufofferte machen – erst im Juni hat er nämlich den Aktionären ausdrücklich versprochen, dass er keine Ausnahme von der Angebotspflicht verlangen würde, selbst wenn er die 30-Prozent-Schwelle auf dem Wege von Kapitalanpassungen erreichen würde.

So geschickt Bolloré nun die Übernahme eingefädelt hat: Mit ihr entfernt sich Vivendi endgültig von dem lange gehegten Anspruch, globale Bedeutung im Mediengeschäft zu haben. Mit dem Börsengang von Universal Music steigt der Konzern aus dem letzten bedeutenden nicht-frankreichzentrierten Geschäft aus. So hatte er es zuvor bereits beim Videospielgeschäft und beim Mobilfunk gemacht. Von Vivendi bleiben somit drei Geschäftsfelder: der Bezahlfernsehsender Canal+, der unter heftigem Druck von Streaminganbietern wie Netflix und Disney steht. Dazu kommt Havas (Werbung) und die rein französische Buchverlagsgruppe Editis. Diese müsste der Konzern möglicherweise aus kartellrechtlichen Gründen abstoßen, wenn er mit Lagardère den noch größeren Hachette-Verlag übernimmt.

Immerhin kann Bolloré – anders als Lagardère – sein Erbe weiterreichen. Am 17. Februar kommenden Jahres will der dann 69-Jährige aufhören und an seine vier Kinder übergeben. Seinen enormen politischen Einfluss wird er womöglich auch als Pensionär weiter geltend machen: International wurde Bolloré bekannt, als er 2007 dem frisch gewählten Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eine seiner Yachten zur Entspannung zur Verfügung stellte. Aber auch mit der sozialistischen Pariser Bürgermeisterin und Präsidentschaftsanwärterin Anne Hidalgo soll der Milliardär dicke sein. Wer weiß, vielleicht hat ihm ja eines seiner nicht kapitalmarktorientierten Investments Fortune verschafft: Das Enthüllungsblatt „Le Canard Enchaîné“ berichtete vor ein paar Jahren, dass Bolloré zweimal pro Woche bei einem Pater beichte. Dem habe er eigens ein Apartment mit Blick auf Notre Dame und eine eigene Kapelle in Paris gekauft.

 


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