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EBM-Papst Wie sich ein Mittelständler gegen die Euro-Schwäche absichert

Produktion bei EBM-Papst
Bei EBM-Papst in Mulfingen werden Elektromotoren und Ventilatoren hergestellt und weltweit verkauft
© Philipp Reinhard
Ein Euro ist erstmals seit 2002 wieder weniger wert als ein Dollar. Für global agierende Unternehmen ergeben sich daraus Chancen und Risiken. Im Interview erklärt EBM-Papst-Finanzchef Hans-Peter Fuchs, welche das sind

Capital: Herr Fuchs, der Euro ist das erste Mal seit 2002 unter den US-Dollar gefallen. Was bedeutet die Euro-Schwäche für einen international aufgestellten Mittelständler wie EBM-Papst? 

HANS-PETER FUCHS: Es kommt immer darauf an, in welcher Nettoposition wir uns in der jeweiligen Währung befinden. Das heißt zum Beispiel: Wenn wir bei EBM-Papst höhere Dollarausgänge hätten als Dollareingänge, dann befänden wir uns aktuell in einer schwierigen Position. Dann müssten wir mehr für den Tausch in Euro zahlen und das kostet uns Ergebnis. Tatsächlich betreiben wir in der Gruppe aber eine Art natürliches Hedging. Wir versuchen uns also so auszusteuern, dass die Ein- und Ausgänge in Dollar ungefähr gleich hoch sind. Das klappt ganz gut, und ist aus unserer Sicht auch der beste Schutz gegen Währungsrisiken.

Hans Peter Fuchs, Jahrgang 1961, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mainz. Zwischen 1989 bis 1994 arbeitete er in unterschiedlichen kaufmännischen Funktionen bei AEG und Daimler-Benz. Dann wechselte er zum Halbleiterhersteller Atmel. Seit 2008 ist er Geschäftsführer Finanzen und Controlling der EBM-Papst Gruppe.

Laut Theorie müsste Deutschland als Exportnation vom schwachen Euro profitieren. Erleben Sie gerade eine Sonderkonjunktur?

Nein, das ist viel zu kurzfristig gedacht. Das, was jetzt passiert, ist ein Effekt, der durch die globale Situation ausgelöst wurde. Durch die Gasproblematik, durch die Inflation und durch die vielen anderen Entwicklungen. Das erleben ja auch unsere Kunden selbst. Grundsätzlich mag es so sein, dass man als Amerikaner aktuell eher mal ein deutsches Produkt kauft. Das macht aber nur Sinn, wenn man tatsächlich zum europäischen Kurs einkauft. Also etwa dann, wenn man als Amerikaner nach Europa reist. Es nützt beispielsweise nichts, einen VW in den USA zu kaufen, wenn dieser in Dollar ausgewiesen ist.

Wäre es als international agierendes Unternehmen nicht sinnvoll, die Dollar-Stärke auszunutzen, indem Sie einen Dollar-Überschuss erzielen?

Für alle, die gerade Dollar-Überschüsse haben, ist das sicher eine wundervolle Situation. Sie bekommen mehr Geld in Euro, als sie ausgeben müssen. Das kann sich aber schnell wieder ändern und keiner weiß das so genau. Langfristig ist das natürliche Hedging einfach besser. 

Andersrum ist der Zeitpunkt gerade günstig, Vorprodukte in Euro zu kaufen. Machen Sie das?

So einfach ist das nicht. Vor allem nicht, wenn unsere Funktionalwährung der Euro ist. Natürlich gibt es einzelne Produkte, die wir kurzfristig kaufen. Häufig befinden wir uns aber in langfristigen Lieferverträgen. Das gilt für die Kundenseite wie auch für die Lieferantenseite. Jetzt Währungs-Hopping zu machen, funktioniert in der Praxis nicht. Wir verändern strukturelle Lieferbeziehungen nicht aufgrund von temporären Währungsschwankungen.

Wie viel Anteil USA – beziehungsweise US-Dollar – steckt in ihren Elektromotoren und Ventilatoren?

Das ist schwierig zu sagen, weil es sehr unterschiedlich ist. Es steckt ein großer Anteil Dollar in unseren Produkten, zum Beispiel durch die Elektronik oder durch das Kupfer. Wir schauen uns aber ohnehin die gesamte Gruppe an und versuchen die Effekte auszugleichen und schauen weniger auf einzelne Produkte.

Wie funktioniert diese Aussteuerung konkret bei Ihnen?

Wir beobachten die Ein- und Ausgänge in unserer Treasury-Abteilung genau. Da geht es nicht nur um Dollar, sondern auch um Renminbi und viele andere Währungen, mit denen wir handeln. Jede Währung hat verschiedene Einflüsse auf unser Geschäft, aber in Summe versuchen wir das im Treasury zu zentralisieren. Wir überlassen das Risikomanagement nicht unseren lokalen Einzelgesellschaften, sondern steuern dies zentral für die gesamte Gruppe.

Und was tun Sie, wenn sie in einzelnen Währungen Ungleichgewichte haben?

Das kann natürlich vorkommen. Dann müssen wir ausbessern, um nah an ein natürliches Hedging heranzukommen. Wir kaufen zum Beispiel viel in US-Dollar – etwa Kupfer, elektronische Bauelemente oder auch Lizenzen. Im Zweifel müssen wir dann an einer Seite der Gleichung arbeiten. Zum Beispiel, indem wir mehr oder weniger in Dollar einkaufen. Oder eine Einzelgesellschaft hat einen Nettoüberschuss in Dollar, eine andere dafür nicht. Das clearen wir dann intern. Das heißt, diejenige Gesellschaft mit dem Überschuss gibt Dollar an die andere ab. Natürlich kommen wir damit nicht exakt bei Null raus. Den Rest sichern wir aber über klassische Versicherungsprodukte ab.

Von welchen Versicherungsprodukten sprechen wir da?

Das sind zum Beispiel Termingeschäfts- oder Bandbreitenoptionen.

Das heißt, Sie sprechen mit Ihrer Bank und fixieren einen Kurs. Sie wissen also heute schon, zu welchem Kurs sie im nächsten Jahr tauschen können...

Ja, das ist eine Möglichkeit. Man kann auch auf steigende und fallende Kurse setzen. Grundsätzlich ist das bei uns ein Mix. Wir fahren eigentlich alle Strategien und sichern uns über viele verschiedene Wege ab. Es ist wichtig, diese Produkte zu verstehen und nicht zu unterschätzen: Viele vermeintliche Sicherungsprodukte haben Hebelwirkungen und sind in Wahrheit ein Risiko.

Inwiefern?

Wenn sich die Kurse gut entwickeln, können wir überproportional profitieren. Andersrum können wir aber auch sehr stark verlieren. Wir gehen daher nur ein Risiko ein, das wir sehr genau berechnen können – ohne Hebelwirkungen.

Seit Jahresbeginn ist der Euro um rund 13 Cent gefallen. Wie schnell kommt so eine Entwicklung eigentlich bei Ihnen an – sei es bei Versicherungsprodukten oder auch letztlich in der Bilanz?

Wir haben uns eigenen Regeln unterworfen, die dazu führen, dass die Auswirkungen langfristig gering sind.

Wie stellen Sie das sicher?

Wir ermitteln eine Kurssicherungsquote, also letztlich eine Summe, die wir absichern müssen. Die Kurssicherungsquote ergibt sich aus dem Delta bei der Nettoposition, beziehungsweise: Unseren Annahmen, wie groß das Delta werden wird.

Das Delta bei der Nettoposition heißt, Sie sichern nur die Differenz zwischen Dollar-Ein- und Ausgängen ab?

Ja, wir sichern nicht die absolute Höhe von Ein- und Ausgängen ab, sondern nur das Delta. Dieses Delta hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Das hängt von unseren Prognosen zum Umsatz und über die Einkaufsseite ab. Dann überlegen wir: Kommt das Delta überhaupt zum Tragen oder nicht? Je nach Situation gehen wir mit einer Sicherheitsstrategie rein, zum Beispiel mit einem klassischen Termingeschäft. Das heißt, wir sichern uns schon heute den Kurs für ein Jahr, weil wir den Kurs beispielsweise sehr attraktiv finden. Oder, andersrum, wenn wir der Meinung sind, dass sich der Dollar nach oben bewegt, dann arbeiten wir mit Optionen. Das sind letztlich Überlegungen und eigene Risikoerwartungen zur jeweiligen Währung.

Was erwarten Sie denn für eine Kursentwicklung zwischen Euro und Dollar?

Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Als Volkswirt blicke ich da auf zwei Komponenten: Die Güter- und die Kapitalströme. Wenn ich auf die amerikanische Zentralbank schaue, sehe ich, dass sie die Zinsen massiv anhebt, um die Inflation zu bekämpfen. Auf der anderen Seite sind die Europäer beim gleichen Problem eher zögerlich. Das führt zu einer Dollarstärkung, da mehr Kapital in die USA wandert. Die andere Seite ist die Psychologie: Wer hat Angst vor der Rezession und wer wäre am stärksten von einem Gasmangel betroffen? Da werden heute die Europäer labiler angesehen als die Amerikaner. Diese Angst führt genauso dazu, dass mehr Geld in die USA wandert. Auf der Güterseite müsste Deutschland als Exportnation eigentlich von einem schwachen Euro profitieren. Die anderen Effekte überwiegen aber aktuell.

Wie wirkt sich die Euro-Schwäche eigentlich auf Ihre Fremdfinanzierung aus?

Letztlich neutralisiert sich das immer, sobald wir Kredite gegen Währungsrisiken absichern wollen. Es kann zwar aktuell sein, dass der Euro-Kredit nominal günstiger ist. Aber das ist nur so lange richtig, wie ich das Wechselkursrisiko selbst trage und das auch noch gut geht. Wenn wir das Thema absichern wollen, zahlen wir einen Terminpreis, der immer die Zinsdifferenz beider Länder deckt. Konkret heißt das: Die Gesamtkosten für den Kredit sind somit immer gleich, wenn wir absichern.

Und sichern Sie ab?

Wir spekulieren unter keinen Umständen. Das ist ein absolutes No-Go in unserem Haus. Selbst wenn wir eine klare Meinung zu einer Entwicklung haben, würden wir überlegen, ob wir eine Option mit reinlegen. 

Letzte Frage: Durch die Euro-Schwäche werden Vorprodukte aus den USA teurer. Grundsätzlich steigen die Preise seit Monaten weltweit. Können Sie die höheren Preise überhaupt weitergeben?

Wir müssen! Aber klar ist auch, dass das nicht von heute auf morgen geht. Die Situation drückt aktuell schon etwas auf die Marge.

Mitarbeit: Roland Lindenblatt

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