MedienSnapchat auf der Suche nach einem Geschäftsmodell

Snap-Gründer Evan Spiegel (r.)
Snap-Gründer Evan Spiegel (r.)Getty Images

Der Anfang der Nachrichten braucht etwas Leichtes, damit Zuschauer in die Sendung gezogen werden. Etwas mit starken Bildern. Das passt gut: eine Schlägerei auf einem Parkplatz in Philadelphia, samt Vorschlaghammer und berstenden Autofenstern. Moderator Lawrence Jackson, 27, ein cooler Typ mit Löchern in der Jeans, stellt dazu die naheliegende Frage: „What the heck is going on here?“ Was zur Hölle ist da los?

20 Minuten Aufzeichnung, und schon ist diese Folge von „Stay Tuned“ im Kasten. Die Nachrichtensendung, die der altehrwürdige News-Sender NBC hier produziert, läuft allerdings nicht im Fernsehen und auch nicht bei Youtube oder auf der NBC-Website – sie läuft bei dem Medium, auf dem derzeit die Hoffnungen ruhen, darüber überhaupt noch junge Leute zu erreichen: Snapchat. Dem sozialen Netzwerk von Menschen unter 30 – oder sogar vielleicht eher: unter 20 Jahren.

NBC produziert die Kurznachrichtensendung in seinem Hauptsitz im New Yorker Rockefeller Center; nicht in einem richtigen Studio, sondern im Flur zwischen Großraumbüros. Die Kamera ist um 90 Grad gedreht, damit sie im Hochformat filmt – denn Snapchat läuft ausschließlich auf Smartphones, und deren Displays hält man ja auch meist hochkant. Heute geht es bei „Stay Tuned“ um die Parkplatzschlägerei, kurz um Nordkorea, dann um die Debatte wegen der Football-Spieler, die nicht zur Nationalhymne aufstehen wollen. Jackson erklärt alles mit viel Mimik, vielen Gesten und im Jugend-Slang. Außerhalb des Kamerabilds laufen die 17-Uhr-Nachrichten des großen Nachrichtensenders MSNBC auf einem Fernseher. Auch sie beschäftigen sich mit den Football-Spielern, und ein Mann in Anzug und Krawatte interviewt sehr, sehr lange einen anderen Mann in Anzug mit Krawatte. „#Gähn“ würde die Snapchat-Generation das kommentieren.

Kaum Skandale

Snapchat ist, in Deutschland weitgehend unbemerkt, zu einem Medienimperium herangewachsen, bei dem die großen, alten Marken um junge Leser und Zuschauer buhlen: NBC, „The Economist“, „Washington Post“ oder ESPN, in Deutschland „Spiegel Online“, „Bild“ oder „Bunte“. Bei Facebook fühlen sich die etablierten Medienhäuser längst nicht mehr gut aufgehoben – zumal die Wachstumszahlen und die Beliebtheit sozialer Netzwerke bei jungen Leuten für Snapchat sprechen. Für Teenager ist Facebook das Netzwerk ihrer Eltern. Snapchat hat es außerdem geschafft, sich praktisch freizuhalten von Fake News. Man kann sich bei Snapchat mit Freunden austauschen, ohne dabei von Werbung oder fragwürdigen Artikeln und Videos belästigt zu werden. Datenskandale wie jenen um Face-book und die britische Politik-Recherchefirma Cambridge Analytica gibt es auch nicht.

Allerdings ist Snap Inc., die Firma hinter der Snapchat-App, eben auch ein börsennotiertes Unternehmen. Und mit dem Geldverdienen hapert es noch sehr. Facebook tut alles, um es den Werbekunden recht zu machen, und nimmt mit dem Sammeln und Verkaufen von Daten Milliarden ein, selbst wenn das bedeutet, das gesamte Wissen über die Nutzer zu verhökern. Snapchat lehnt all das ab. Bei Snapchat, sagt Gründer und Chef Evan Spiegel, gehe es vor allem darum, Updates zu bekommen „von deinen engsten Freunden“. Und genau das ist es, was die meisten Menschen eigentlich von sozialen Medien wollen. Keine Werbung, keine reißerischen Artikel. Snapchat ist das bessere Facebook – bloß schreibt man so dummerweise keine Gewinne.

Evan Spiegel hat Snapchat 2011 als das Anti-Facebook gegründet. Es gefiel ihm nicht, dass alles, was je in sozialen Medien über ihn oder von ihm gepostet wurde, dort für immer gespeichert sein sollte – und er nie sicher sein konnte, wer darauf Zugriff hat. Dass Menschen vor Bewerbungsgesprächen hastig Fotos von Facebook entfernen müssen oder sich von Anfang an selbst zensieren, sei schlecht für soziale Medien, dachte er. Also gründete er Snapchat. Der Clou der App: Alle versendeten Nachrichten löschen sich nach kurzer Zeit selbst. Die Nutzer sollten ehrlich sein können, wenn sie Fotos oder Kurzvideos verschicken, die sogenannten Snaps. Denn nur was ehrlich ist, sei auch interessant, sagt er. „Bei Snapchat geht es nicht darum, den traditionellen Kodak-Moment festzuhalten. Es geht darum, mit der ganzen Breite menschlicher Emotionen zu kommunizieren – nicht nur mit dem, was schön oder perfekt zu sein scheint.“

Die Idee kam an. Binnen kürzester Zeit bekam der Student der Uni Stanford Wagniskapital und startete seine Firma am Strand von Venice Beach in Los Angeles – nicht wie Facebook und Twitter im Silicon Valley. Im Mai 2012 teilten seine Nutzer schon 25 Bilder pro Sekunde. Anfangs nur als App für direkte Nachrichten an Freunde gedacht, fügte Snapchat bald eine neue Funktion hinzu: Stories – mit der man Snaps mit allen Freunden teilen konnte statt nur mit einzelnen. Früh erfand Snapchat auch Fotofilter, mit denen man sich selbst lustige Hasenohren oder eine Blumenkrone aufsetzen kann. Snapchat machte von Anfang an Spaß, Facebook wirkte dagegen immer langweiliger. Mark Zuckerberg wollte Snapchat schließlich für 3 Mrd. Dollar kaufen. Spiegel, damals 23 Jahre alt, lehnte ab. Im November 2016 sendeten seine Nutzer sechs Milliarden Videos pro Tag.