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Social Media Anti-Instagram: Das Geschäftsmodell der Hype-App Bereal im Check

Bereal ist die App der Stunde: Seit Wochen hält sie sich auf Platz eins der Apple-Download-Charts in den USA
Bereal ist die App der Stunde: Seit Wochen hält sie sich auf Platz eins der Apple-Download-Charts in den USA
© IMAGO/Rüdiger Wolk
Bereal positioniert sich als Anti-Instagram – und verzichtet auf Likes, Follower und Werbung. Ein krasser Bruch mit den üblichen Spielregeln der Social-Media-Branche. Kann das gelingen?

Alexis Barreyat hatte irgendwann genug von all dem „Bullshit auf Social Media“. Aus Frust über oberflächliche Inhalte gründete der Franzose Anfang 2020 sein eigenes soziales Netzwerk namens Bereal – zu deutsch „sei echt“. Zum Start der App gab er ein radikales Versprechen: „Keine Likes, keine Follower, keine Werbung“. Man werde dort nur Inhalte seiner Freunde sehen, und zwar „so authentisch wie möglich".

Zwei Jahre später ist Bereal die App der Stunde: Seit Wochen hält sie sich auf Platz eins der Apple-Download-Charts in den USA. Nach Schätzung des Analysediensts Apptopia wurde sie bis August weltweit 43,3 Millionen mal heruntergeladen. Das weckt Begehrlichkeiten. Investoren bewerten das Anti-Instagram angeblich mit 600 Mio. US-Dollar.

Aber hat eine App wie Bereal, die scheinbar allen Regeln der Social-Media-Ökonomie entgegentritt, überhaupt eine Chance am Markt? Und wie könnte das Geschäftsmodell aussehen?

Soziales Netzwerk ohne Influencer

Die Bereal-Gründer lassen zumindest keinen Zweifel daran, dass sie sich klar von der etablierten Konkurrenz abheben wollen. „Wenn du ein Influencer werden willst, kannst du auf Tiktok und Instagram bleiben“, heißt es in der App-Beschreibung. Bereal werde niemanden berühmt machen. Stattdessen gehe es um echte Einblicke in das Leben von Freunden.

Die Logik der App ist schnell erklärt: Nutzer bekommen einmal am Tag zu einer unvorhersehbaren Zeit eine Push-Mitteilung mit der Aufforderung, jetzt „real“ zu sein. Sie haben dann zwei Minuten Zeit, ein Foto zu machen und zu posten. Das Besondere daran: Die App nimmt das Foto gleichzeitig mit der Selfie-Ansicht und mit der Frontkamera auf. Man sieht also auch „hinter die Kulissen“. Des Weiteren gibt es keine Möglichkeit zur Bildbearbeitung. Auch das Element einer persönlichen Timeline fehlt, denn die Posts werden nach einem Tag wieder gelöscht. Wer die „Bereals“ seiner Freunde sehen will, muss zunächst selbst etwas posten.

App setzt auf Intimität statt Reichweite

Das Konzept ist in zweierlei Hinsicht spannend. Zum einen zwingt es die Nutzer dazu, aktiv mitzumachen. Das treibt die täglichen Nutzerzahlen nach oben – und macht die App wirtschaftlich interessant. „Investoren schauen vor allem auf die Daily Active Users“, sagt Said Haschemi, Investmentmanager beim deutschen Start-up-Finanzier HV Capital. Je höher die Aktivität, desto mehr Geld könne man letztendlich mit Werbung verdienen (auch wenn Bereal offenbar andere Pläne hat).

Das französische Start-up scheint zudem einen Zeitgeist zu treffen, den die anderen großen Plattformen bisher nicht bedienen. „Das Timing von Bereal ist perfekt“, sagt Adil Sbai, Gründer der Hamburger Social-Media-Agentur Wecreate, zu Capital. Schon der Erfolg der Kurzvideo-App Tiktok habe gezeigt, dass sich offenbar viele Leute nach einem Gegenentwurf zur Hochglanz-Welt von Instagram sehnen. Ohne den Druck, ständig perfekt auszusehen und nach möglichst viele Likes.

Eine ähnliche Beobachtung macht auch der amerikanische Social-Media-Analyst Casey Newton. „Es ist bemerkenswert, dass die App in einer Zeit im Aufwind ist, in der ich gleichzeitig mehr und mehr virale Ängste über die Entwicklung von Instagram sehe“, schreibt er in seinem Newsletter Platformer. Newton spielt auf die Revolte einiger Social-Media-Stars an, die im Juli gegen die zunehmenden Videos und Fremdinhalte protestierten. An der Spitze der Kritiker standen Kim Kardashian und ihre Halbschwester Kylie Jenner, die zusammen auf fast 700 Mio. Follower kommen.

Bereal spielt mit der Nostalgie und Intimität der frühen Tage von Social Media, in denen der Feed nur Inhalte von Freunden ausgespielt hat. Und das macht es offenbar extrem erfolgreich. Seit März 2021 ist die Zahl der täglichen Nutzer laut dem Start-up von knapp 10.000 auf aktuell zehn Millionen gestiegen. Eine bemerkenswerte Wachstumskurve, auch wenn das Start-up im Vergleich zu den fast zwei Milliarden Daily Actives von Facebook noch ein Zwerg ist.

Für Werbung unattraktiv

Für ein nachhaltiges Wachstum braucht Bereal allerdings auch mittelfristig ein tragfähiges Geschäftsmodell, dass die App finanziert. Wie die Macher die Aufmerksamkeit in Umsätze übersetzen wollen, lassen sie bisher völlig offen. Alexis Barreyat und sein Mitgründer Kévin Perreau, die sich beide aus einer Pariser Programmierschule kennen, haben bisher noch keine Interviews gegeben. Selbst zur ersten und zweiten Finanzierungsrunde, bei denen laut Medienberichten renommierte Investoren wie Andreessen Horowitz, Accel und DST Global eingestiegen sind, gab es keinen öffentlichen Kommentar.

Nur eins machen sie klar: Werbung soll es bei Bereal offenbar nicht geben. Laut den AGBs ist sie sogar verboten. „Für Werbeagenturen und Creator ist die App ohnehin noch nicht spannend genug“, sagt Social-Media-Experte Adil Sbai. Schon per Design sei es quasi unmöglich, über Nacht eine große Reichweite aufzubauen. Viralität ist bei Bereal nicht vorgesehen, es geht eher um einen intimen Freundeskreis. Native Werbung ist damit ungefähr so wirksam, als würde man sie ausgedruckt im Hausflur aufhängen.  

Es gibt jedoch noch andere Monetarisierungsmöglichkeiten. „Ein Abo-Modell wäre innovativ und mutig“, sagt Sbai. Nutzer könnten dann wie bei Twitch oder Youtube Premium eine monatliche Gebühr für ihren Account zahlen. Für diese Variante spricht auch ein Blogpost von Star-Investor Andrew Chen, der sich mit dem Wagniskapitalgeber Andreessen Horowitz früh an Bereal beteiligte. Chen beschreibt darin „die nächste Social-Generation“, die sich durch „echte Verbindungen zwischen Leuten“ auszeichne. Diese neue Generation werde sich vor allem mit Abos und NFTs monetarisieren. Auf Bereal bezieht er sich dabei nicht direkt, wobei die Verbindung nahe liegt.

Ein Feature macht noch kein soziales Netzwerk

Wirklich neu ist das Authentizitäts-Versprechen allerdings nicht. Auch die ehemaligen Hype-Apps Snapchat und Vero traten ihrerzeit mit ähnlichen Werten auf – ihr Stern verblasste dann schnell wieder. Nach ein paar Tagen auf Bereal zeigt sich vor allem ein Problem:

Das echte Leben der meisten Leuten ist einfach nicht so spannend. Irgendwann kennt man alle Wohnzimmer, Büros und Fitnessstudios seiner Freunde. Und ist gelangweilt von den immer wiederkehrenden Fotos von Tastaturen, Auto-Lenkrädern und Deckenlampen.

Social-Media-Beobachter Casey Newton bringt es so auf den Punkt: „Die Neuheit des Zwei-Minuten-Timers wird vergehen, und zwar schneller, als man bei BeReal glauben möchte.“ Ein einziges Feature macht noch kein soziales Netzwerk. Barreyat und Co. müssen jetzt  innovieren, um relevant zu bleiben.  Und zwar schnell, denn sonst blüht ihnen das Schicksal, das schon viele Newcomer erlebt haben: Ein neues Update von Instagram, das die Funktionen dreist kopiert und die eigene App überflüssig macht.


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