KolumneSiemens macht rechtzeitig Kasse

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Der Unternehmensname Healthineers geht wahrscheinlich in die Geschichte des Marketings als eine der dümmsten Ideen aller Zeiten sein. Seit Siemens-Chef Joe Kaeser seine Medizintechniksparte unter dieser schrägen Wortschöpfung vom Gesamtkonzern separiert hat, leiden die Mitarbeiter Höllenqualen der Peinlichkeit. Und die lieben Konkurrenten lachen sich halbtot. Mit ihrer Ertragskraft überstrahlt die Medizintechnik jedoch nach wie vor den ganzen Konzern. Im Moment fährt die Sparte eine operative Marge von 17 Prozent ein. Kein anderer Siemens-Bereich kommt auch nur die Nähe dieser Kennzahl.

Trotzdem will Kaeser die Medizintechnik an die Börse bringen, wie der Siemens-Chef letzte Woche ausdrücklich bekräftigte. Alle Details bleiben vorläufig allerdings unklar: Wie groß soll das Aktienpaket sein, von dem sich der Mutterkonzern trennt? Wann kommt der Börsengang? Und vor allem: Wieviel Geld kann Kaeser für sein Schmuckstück verlangen?

Die Bewertungen für die Medizintechnik, die gegenwärtig von Analysten zu hören und in einschlägigen Medien zu lesen sind, gehen ziemlich stark auseinander. Die britische „Financial Times“ kommt in ihrer renommierten Lex-Kolumne auf einen fairen Wert von 25 Mrd. Euro für die gesamte Sparte. Amerikanische Experten im „Wall Street Journal“ sprechen von 28 Mrd. Euro. Und aus dem Umfeld von Siemens selbst kommt sogar die Hoffnung auf „deutlich mehr als 30 Mrd. Euro“.

Erwischt Kaeser den richtigen Zeitpunkt?

In den unterschiedlichen Bewertungen spiegeln sich nicht zuletzt unterschiedliche Einschätzungen über den künftigen Weg der Medizin überhaupt wieder. Siemens zeigt sich bisher stark, wo es um große Geräte wie Computertomografen geht. Bei neuartigen Diagnostikverfahren wie der Gentechnik aber schwimmt der Konzern bisher nur mit. Hinzu kommt: Es drängen immer neue Wettbewerber und Start-ups auf die Märkte, die bisher von Riesen wie Siemens, Toshiba oder General Electric dominiert wurden. In wie weit die neue Konkurrenz die alten Geschäftsmodelle zerstört oder nicht, kann man nur schwer prognostizieren. Vor allem bleibt unklar, mit welche Dienstleistungen (und nicht nur Geräten) man künftig in der Medizin Geld verdienen kann und ob die Siemens-Sparte mit ihrer Ingenieurskultur dazu überhaupt in der Lage ist.

Die Zukunft der Siemens-Medizintechnik ist also durchaus unsicherer als ein Blick auf die gegenwärtigen Spitzenergebnisse vermuten lässt. In den letzten zwei Jahren haben viele fähige Spitzenmanager die Sparte verlassen. Den legendären Chef Hermann Requardt drängte Kaeser selbst rüde aus dem Unternehmen. Die Nachfolger müssen erst noch beweisen, ob sie das Gewinnwachstum der letzten Jahre auch in die Zukunft verlängern können.

Einiges spricht dafür, dass Siemens-Chef Kaeser genau zum richtigen Zeitpunkt mit dem Teilverkauf der Medizintechnik Kasse macht. Als langjähriger Finanzmann denkt Kaeser stark in Portfolio-Kategorien und kümmert sich nicht groß um Technologien oder Traditionen, die früher bei Siemens eine große Rolle spielten. Ein gutes aber bringt der Börsengang auf jeden Fall: Siemens könnte den blödsinnigen Namen Healthineers vielleicht wieder begraben. Die „Financial Times“ sandte bereits eine entsprechende Bitte aus London nach München: „Bitte nennt die Medizintechnik irgendwie anders.“

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