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Bernd Ziesemer Sieben geopolitische Prognosen für 2023

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Das neue Jahr beginnt mit so vielen Unsicherheitsfaktoren wie kaum ein anderes zuvor. Ein Versuch die globalen Entwicklungsfäden zu entwirren

Für die deutsche Wirtschaft gab es selten so viele Unwägbarkeiten wie am Beginn dieses Jahres. Einige wichtige davon sind ökonomischer Art: Geht 2023 die Inflation endlich wieder stark zurück oder nicht? Wie stark fällt der Abschwung aus? Halten die Lieferketten? Wie entwickeln sich die Energiepreise? Über allen wirtschaftlichen Faktoren aber lastet die Unsicherheit über den außerökonomischen Rahmen, den die Unternehmen nicht direkt beeinflussen können. Deshalb an dieser Stelle der Versuch, die globalen Entwicklungsfäden etwas zu entwirren.

Erstens. Niemand kann sagen, ob der Krieg in der Ukraine in diesem Jahr endet oder nicht. Eines aber lässt sich mit einiger Sicherheit vorhersagen: Wladimir Putin kann ihn nicht mehr gewinnen. Weder militärisch noch durch seinen Plan B, Europa durch einen kalten Energiekrieg in die Knie zu zwingen und von weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine doch noch abzubringen. Die Entscheidung Frankreichs, der USA und Deutschlands, nach langem Zögern trotz aller russischen Drohungen leichte westliche Panzer an die Front zu schaffen, bringt Putin endgültig auf die Verliererstraße.

Zweitens. Trotz aller innenpolitischen Spaltungen wächst die Stärke der USA als globaler Führungsmacht. Präsident Joe Biden hat als Krisenmanager international kaum Fehler gemacht und geht gestärkt in das Jahr 2023. Sowohl gegenüber China als auch gegenüber Russland wird seine Regierung weiterhin auf eine Mischung aus Entschlossenheit und Vorsicht setzen, die sich im abgelaufenen Jahr bewährt hat.

Indien profitiert von der Gemengelage

Drittens. China tritt in eine Periode relativer Schwäche ein – bleibt aber langfristig der zweiwichtigste Akteur der Weltpolitik. Die falsche und verantwortungslose Covid-Strategie Xi Jinpings fordert ihren Preis – ökonomisch wie außenpolitisch. Auf die härtere Haltung der Amerikaner (und mit Abstrichen der Europäer) findet das Regime bisher keine Antwort. Offenbar gibt es heftige Auseinandersetzungen in der chinesischen Führung um den weiteren Kurs. Ein Angriff auf Taiwan ist trotz aller Kriegsrhetorik kurz- und mittelfristig eher unwahrscheinlicher geworden.

Viertens. 2023 könnte sich als das Scheiteljahr für den Aufstieg Indiens zu einer globalen Macht erweisen. Die Inder verfolgen zunehmend einen eigenen Kurs ohne Rücksicht auf den Westen, China oder Russland. Für Narendra Modi zählen einzig und allein die eigenen nationalen Interessen. Die indische Bevölkerungszahl überflügelt die chinesische, die Wirtschaft wächst schneller als die chinesische. Und das Land profitiert massiv von verbilligten Energielieferungen aus Russland. Für den Westen ist Indien kein bequemer Partner, aber die strategische Rivalität mit China macht das Land letztlich eher zu einem Verbündeten als zu einem Gegner.

Fünftens. Die Europäische Union muss 2023 weiterhin darum kämpfen, seine globale Handlungsfähigkeit zu erhalten. Das Fehlen einer Führungsachse nach dem Ausfall des deutsch-französischen Duos, die Dauererpressungen Ungarns und die schwelenden Konflikte zwischen Ost- und Westeuropäern belasten die Gemeinschaft. Mit den Amerikanern können die Europäer weniger denn je mithalten, wenn es um schnelle Antworten auf globale Krisen geht. Eine Lösung für diese Probleme ist nicht in Sicht.

Deutschlands verpasste Chance

Sechstens. Staaten aus der zweiten Reihe der Weltpolitik spielen eine immer größere Rolle. Das gilt zum Beispiel für Südkorea, das nicht mehr allein in Asien Flagge zeigt, sondern auch zu einem wichtigen Partner in Osteuropa aufsteigt. Polen und die Türkei reden immer stärker in der globalen Politik mit und haben sich vor allem im Verhältnis zu Russland und der Ukraine als verantwortungsvolle Führungsmächte erwiesen.

Siebtens. Deutschland hat wahrscheinlich auf lange Zeit die Chance verpasst, sich als globale Führungsmacht zu bewähren. Die zögerliche Unterstützung der Ukraine, das Schwanken gegenüber China, die Arroganz gegenüber den Osteuropäern und der latente Antiamerikanismus in Teilen der politischen Elite bringen unser Land in der Weltpolitik immer mehr in eine bloße Zuschauerrolle.  

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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