Corona-KriseSchulden machen für die Zukunft

Der Schuldenstand wird in Deutschland nächstes Jahr bei gut 70 Prozent des BIP liegen.imago images / Political-Moments

Nachdem Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier in der Corona-Pandemie die „Bazooka“ gezogen haben und der Staat mit Corona-Hilfsprogrammen noch immer dafür sorgt, dass die Auswirkungen der Corona-Krise nicht zu massenhaft Insolvenzen und Arbeitslosigkeit führen, hat nun die Debatte begonnen, wie all die Schulden wieder zurückgezahlt werden sollen. Viele sehen in den Schulden eine Last für künftige Generationen. CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus etwa sagte bereits im September in einem Interview mit der Welt, die Rückzahlung der Corona-Schulden binnen 20 Jahren sei daher „Generationengerechtigkeit.“

Diese Sparmentalität könnte langfristig eher schaden, sagen hingegen viele Ökonomen. Die Harvard-Ökonomen Larry Summers und Jason Furman schreiben nun sogar: Der Schuldenstand allein sage nichts über die Nachhaltigkeit der Schulden aus. Man könnte sich sogar aus der Krise herausverschulden. Nur wie soll das gehen?

Dazu zuerst ein Blick auf den Schuldenstand: Der wird in Deutschland nächstes Jahr bei gut 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen. Doch was bedeutet das eigentlich? Alle Schulden, die in der Vergangenheit angehäuft wurden, stehen 70 Prozent des aktuellen BIPs gegenüber. Eine Last für künftige Generationen werden Schulden aber nur, wenn die Tilgungskosten der Schulden in der Zukunft steigen. Das wiederum passiert nur, wenn die Wirtschaftsleistung, also das BIP, fällt oder die Zinsen auf Schulden steigen.

Der Schuldenstand allein ist nicht wichtig

Die angehäuften Schulden mit der aktuellen Wirtschaftsleistung zu vergleichen ist also wenig hilfreich, um eine Aussage über die Last für zukünftige Generationen zu treffen, so Summers und Furman.  Was dann? Man sollte die zukünftigen Zinszahlungen mit den zukünftigen Wachstumsraten der Wirtschaftsleistung vergleichen.

Die Zinsen in der gesamten Wirtschaft werden in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich nicht steigen. Da sind sich viele Ökonomen und Banker einig. Der deutsche Staat kann sich aktuell sogar umsonst verschulden. Für eine 10-jährige Staatsanleihe bekommt er in zehn Jahren sogar mehr zurück, als er sich heute leiht.

Die Frage bleibt also, wie die Wirtschaft in der Zukunft wächst. Und auch das kann der Staat beeinflussen. Denn es liegt daran, wofür der Staat das aufgenommene Geld ausgibt.

Wenn ein Euro neue Schulden eine reale Rendite von null Euro oder mehr abwerfen, dann sind höhere Schulden rentabel und nützen folgenden Generationen. Dann würde die Wirtschaftsleistung des Staates in Zukunft besser dastehen als ohne die Staatsschulden.

Staatsausgaben können das BIP steigen lassen

Eine solche Investition sind einige, aber nicht alle Maßnahmen gegen die Langzeitfolgen der Pandemie. Es können aber auch Investition in die staatliche Infrastruktur oder Bildung der Bevölkerung sein. Besonders Investitionen in frühkindliche Bildung etwa führen dazu, dass die Einkommen der Kinder (und damit wahrscheinlich auch deren Produktivität und die Steuereinnahmen) später im Leben stark steigen, errechneten die Ökonomen Nathaniel Hendren und Ben Sprung-Keyser von der Universität Harvard.

Eine positive Rendite haben Staatsausgaben oft auch in Krisen. Deswegen geben Staaten weltweit derzeit viel Geld aus, um die Wirtschaft zu stützen. Dabei sind Staaten in Zeiten niedriger Zinsen gefragter als je zuvor. Als die Zinsen noch höher waren wie vor 20 Jahren, konnten Zentralbanken Wirtschaftseinbrüchen ausgleichen, indem sie den Leitzins senkten und die Wirtschaft ankurbelten. Seit Jahren sind die Leitzinsen aber weltweit niedrig, teilweise bei Null. Weitere Zinssenkungen sind nicht möglich oder unwirksam. Viele Staaten in Europa, die USA, England und Japan werden daher in Zukunft eh nicht um höhere Staatsausgaben herumkommen, um in Krisen die Wirtschaft zu stabilisieren. Die Schulden werden steigen.

Das Risiko steigender Schulden ist natürlich immer, dass die Zinsen aus unvorhergesehen Gründen wieder steigen, auch wenn das Risiko für die nahe Zukunft gering ist. Darum muss vorher genau bedacht werden, dass der Staat seine Ausgaben so aufwendet, dass sie die Wirtschaft stabilisieren oder in Zukunft zu mehr Wachstum führen.

Wer sich um zukünftige Generationen sorgt, muss also bedenken, wofür der Staat das Geld ausgibt und wo er es einspart, ob es ihnen hilft oder nicht. Aber der Schuldenstand allein ist nicht ausschlaggebend, um die Last der Schulden für künftige Generationen zu bewerten.