ReportageRussland, ein Abschied

Proteste in Russland
Antiwestliche Proteste: „Bewahrt unsere Häuser“ und „Dollar raus“ steht auf den Schildern der Demonstranten. Hypotheken in Dollar werden unerschwinglich (Foto: Getty Images)

Bernd Ziesemer, der Autor dieses Textes, war von 1990 bis 1995 Korrespondent für „Wirtschaftswoche“ und „Handelsblatt“ in Moskau (das Bild zeigt seinen Korrespondentenausweis). Von 2002 bis 2010 war er Chefredakteur des „Handelsblatts“.Bernd Ziesemer, der Autor dieses Textes, war von 1990 bis 1995 Korrespondent für „Wirtschaftswoche“ und „Handelsblatt“ in Moskau (das Bild zeigt seinen Korrespondentenausweis).
Von 2002 bis 2010 war Ziesemer Chefredakteur des
„Handelsblatts“.

 


Grigori Jawlinski beugt sich tief über seine Schreibtischplatte und zieht den Kopf zwischen die Schultern wie ein Boxer. Die kleinen Augen blitzen vor intellektuellem Vergnügen, gleich wird der 62-Jährige seinen Punkt machen. Die Haare sind grau geworden, aber die Haltung ist geblieben wie früher. Gespräche mit Jawlinski waren schon vor 25 Jahren immer eine Art Sparring – Frage, Gegenfrage, Treffer.

Dreimal ist der promovierte Ökonom und ewige Oppositionspolitiker seit 1990 bei den Präsidentschaftswahlen angetreten, sechsmal in die Duma eingezogen – mit stetig abnehmendem Erfolg. Doch jetzt sitzt der ewige Verlierer wie ein Sieger in seinem winzigen Büro im Moskauer Hauptquartier der liberalen Jabloko-Partei. Alles ist so gekommen, wie von ihm prophezeit: Wladimir Putin bedroht den Westen, der Rubel kollabiert, die Wirtschaft stürzt in die tiefste Rezession seit über 15 Jahren. Und Jawlinski sagt: „Wer verstehen will, was heute mit Russland passiert, muss in die frühen 90er-Jahre zurückgehen.“

1990 war das Jahr, als in Russland eine neue Ära begann: Die Sowjetunion lag in den letzten Zügen. Boris Jelzin war dabei, Michail Gorbatschow zu verdrängen. Alle redeten über Reformen. In Moskau tummelten sich die ersten Privatunternehmer, die neuen Banker machten viel Geld. Die Russen wollten endlich leben wie im Westen. Anfang 1990 kam ich als Korrespondent für fünf Jahre nach Moskau, alle Türen standen offen. Zu meinen ersten Gesprächspartnern gehörte der Ökonom Jawlinski. Außerdem ein Unternehmer der ersten Stunde, ein ehrgeiziger Banker und ein junger Minister – damals alle vier überzeugte Westler und geradezu romantische Marktwirtschaftler.

Was ist aus ihnen geworden? Wie denken sie heute, 25 Jahre später? Warum hat sich Russland unter Putin so entwickelt? Diese vier Leben liefern einen Schlüssel für das Verständnis dieses Landes, warum es sich abschottet, warum seine Wirtschaft derzeit implodiert – und warum der Westen es als Partner verlor.