Kolumne Roland Busch setzt bei Siemens erste Akzente

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Münchner Siemens-Konzern stellt sich unter seinem künftigen Chef robuster auf. Die Zeit der bilanziellen Zaubertricks geht zu Ende

Ohne das heftig kriselnde Energiegeschäft und ohne den scheidenden Vorstandschef Joe Kaeser dürfte sich Siemens künftig ein gutes Stück anders aufstellen als bisher. Die ersten Vorzeichen dafür lieferte am Freitag der Mann, der künftig das Sagen in dem Münchner Konzern hat: der Kaeser-Nachfolger Roland Busch. Im Schwall der sehr gemischten Quartalszahlen konnten die Aussagen allerdings leicht untergehen. Dabei zeigen sie bereits klar, wo die Reise künftig hingehen soll. Busch sprach auf der Pressekonferenz in München zu Recht von zwei Trends in der künftigen Nach-Corona-Welt: Die Digitalisierung werde in den nächsten Jahren alle Geschäfte noch stärker durchdringen als bisher schon. Und eine tiefgreifende Neujustierung der Liefer- und Fertigungsketten, die sich in der Krise als viel zu anfällig erwiesen hätten, sei unumgänglich.

Was Busch als Trends für die ganze Industrie definiert, gilt auch für Siemens selbst. Der Konzern muss robuster arbeiten, seine eigenen Lieferketten vereinfachen, wieder stärker auf seine Ingenieure setzen und die Chancen der Digitalisierung konsequent nutzen. Die Zeit des ständigen Portfolio-Umbaus und der fortwährenden Bilanztricks geht, wenn nicht alles täuscht, zu Ende. Siemens muss sich auf die eigenen Stärken besinnen, statt immer nur einseitig auf die kurzfristigen Kapitalmarktinteressen zu schielen wie unter Kaeser.

Zum absoluten Schlüsselbereich für den neuen Konzernzuschnitt wird unter Busch das Segment „Digital Industries“. In der jetzigen Corona-Krise erweist sich das Geschäft mit der Fabrikautomatisierung als sehr stabil. In den ersten drei Monaten dieses Jahres (nach Siemens-Rechnung das zweite Quartal des Geschäftsjahrs, das bis Ende September läuft) sanken zwar die Umsätze und Gewinne, aber es kamen weiterhin mehr Aufträge herein als im vergleichbaren Vorjahresquartal. Und mit einer Rendite von 15,9 Prozent lag das Geschäft zwar unterhalb des eigentlich vorgesehenen Zielbands, aber immer noch auf hohem Niveau. Wenn Busch mit seiner Analyse der neuen Trends in der Nach-Corona-Welt Recht hat, dürften sich die Umsätze in der zweiten Jahreshälfte und danach deutlich erhöhen. Daran gilt es zu arbeiten.

Schlechte Zahlen bei Siemens Energy

Und Busch kann sich beim Rest-Konzern Siemens auf diese Zukunft konzentrieren, während die schnöde Vergangenheit als „nicht fortgeführtes Geschäft“ aus der Bilanz fällt: das Energiegeschäft. Aus den Zahlen für die ersten drei Monate dieses Jahres kann man dort nur eine Diagnose stellen: Die Spitze des neuen Konzerns Siemens Energy, der bis Ende September als Abspaltung eigenständig an die Börse soll, steht vor einem äußerst schwierigen Sanierungsjob. Die Gewinne aus dem Geschäft mit Turbinen, Kraftwerken und Windanlagen sind innerhalb eines Jahres um fast die Hälfte eingebrochen. Unter dem Strich bleibt ein heftiger Verlust von 300 Mio. Euro in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Und die operativen Zahlen für April, Mai und Juni dürften noch schlechter ausfallen, auch wenn einige Sonderlasten wegfallen.

Die Krise des Ölsektors, vor allem in den USA, frisst sich in diesen Wochen immer tiefer in alle Unternehmen, die von ihm leben. Viele Milliarden Euro, die unter Joe Kaeser in den Ausbau des dortigen Geschäfts flossen, sieht der Konzern nie wieder. Schön für Busch, dass er sich damit kaum noch beschäftigen muss. In der Siemens-Bilanz aber zeigen sich die Probleme wohl noch länger.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel