Interview Robert Shiller: „Wir werden mehr Kameradschaft erleben“

Der Ökonom Robert Shiller lehrt an der Yale-Universität in den USA. Er warnte sowohl vor dem Platzen der Dotcom-Blase als auch vor überbewerteten US-Immobilien. 2013 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis Tonje Thilesen

Der Ökonom Robert Shiller lehrt an der Yale-Universität in den USA. Er warnte sowohl vor dem Platzen der Dotcom-Blase als auch vor überbewerteten US- Immobilien. 2013 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis. Heute spricht er mit Capital über die Wirtschaftskrise, der wir nun alle ins Auge blicken müssen.

Herr Shiller, in Ihrem Buch verwenden Sie ein epidemiologisches Modell, um die Verbreitung von Narrativen und die Folgen für die Wirtschaft zu beschreiben. Sie schreiben: Ein Narrativ kann sich wie ein Virus ausbreiten. Pünktlich zum Erscheinen des Buches haben wir ein reales Virus.

ROBERT SHILLER: Das ist schon ironisch. Ich hatte wie alle keine Ahnung, dass diese Pandemie kommen würde. Aber ich denke, wir können uns nun klarmachen, dass auch Rezessionen wie Epidemien entstehen.

Nur diesmal reagiert die Weltwirtschaft auf eine Epidemie.

Diese Krise ist eine echte Krise. Sie ist anders als die meisten Wirtschaftskrisen. Sie kommt aus der Biologie. Das Wichtigste ist es, eine Krankheit zu bekämpfen. Deshalb verbieten wir große Treffen, verhängen Ausgangssperren und stellen Menschen unter Quarantäne. Das Problem ist, dass das schon zu einer Wirtschaftskrise führt – und zu einem Narrativ von Angst und Chaos, das die Krise dann noch verstärkt.

Und wie ist das bei anderen Wirtschaftskrisen? Sind das etwa keine „realen“ Krisen?

Doch, natürlich. Aber sie entstehen anders.

Die neue Capital

Das müssen Sie uns erklären.

Denken Sie an das Jahr 2000. Der Dotcom-Boom war emotional so aufgeladen, dass die Menschen zu optimistisch waren, was ihre Zukunft anbetraf. Ich nannte das später „irrationalen Überschwang“. Der Hype um das Internet Ende der 1990er war eine Jahrtausend-Inspiration. Dieses Geschichte wurde populär und hat uns zu zuversichtlich gemacht, sodass die Preise explodiert sind. Dann ist die Blase geplatzt.

Warum bilden sich Blasen und platzen dann?

Ich denke, es hat etwas mit der Kommunikation der Menschen und den Geschichten zu tun, die sie sich erzählen. Wirtschaftswissenschaftler beschreiben Menschen als Nutzenmaximierer, die auf Dinge wie Zinssätze und Steuersätze reagieren. Das ist auch richtig. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es gibt noch etwas anderes, das die Wirtschaft antreibt und das mit einer Veränderung des Denkens im Laufe der Zeit zu tun haben muss: Es sind Geschichten, die sich verbreiten wie eine Epidemie – durch Mundpropaganda oder heute über soziale Medien. Das Modell der Ansteckung ist das Herz der narrativen Wirtschaft. Ich habe fast ein halbes Jahrhundert darüber nachgedacht, welche Auswirkungen Narrative haben.

Warum sind die Storys, die wir uns erzählen, denn so wichtig?

Wenn wir diese Narrative und populären Geschichten verstehen, verstehen wir die realen Mechanismen des wirtschaftlichen Wandels. Wir können auch ökonomisch bessere Vorhersagen treffen, weil die Storys ansteckend sind und unser Verhalten beeinflussen. Und unser Verhalten beeinflusst die Wirtschaft.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie Bitcoin. Es ist eine Geschichte für junge, kosmopolitische Menschen, eine Geschichte von Anarchie und fortschrittlicher Technologie. Sie hat wie viele Narrative einen Superstar, den Schöpfer Satoshi Nakamoto. Es ist zum Teil die Geschichte einer Blase, aber auch ein Krimi und Thriller. Auch Präsident Donald Trump liefert zahlreiche Beispiele, er ist ein Meister im Schöpfen von neuen Narrativen. Neben dem „Make America Great Again“ – das ursprünglich von Ronald Reagan kam – ist ein Muster das „You’re fired“ aus seiner TV-Show. Trump feuert dauernd jemanden aus seinem Stab.