Voice of America Reisender, kommst Du nach Milwaukee ...

Unabhängige Buchläden wie diese hier Indianapolis sind rar geworden in den USA
Unabhängige Buchläden wie diese hier Indianapolis sind rar geworden in den USA
© dpa
Unabhängige Buchläden haben keine Zukunft, heißt es, erst recht nicht im Mutterland von Amazon. Stimmt – mit ein paar Ausnahmen. Ines Zöttl hat eine Bücheroase an einem Flughafen entdeckt

In Burke’s Book Store, einem kleinen, bis oben hin mit Büchern vollgestopften Laden in Memphis, hängt ein gerahmter Zeitungsausschnitt von 1999: „Barnes & Noble bläst die Übernahme von Ingram ab“, lautet die Überschrift. Dass die Fusion zwischen dem Großhändler und Amerikas damals mächtigster Buchhandelskette scheiterte, war ein Erfolg der unabhängigen Buchläden, die gegen den Deal zu Felde gezogen waren.

Doch der vermeintliche Triumph erwies sich als Pyrrhussieg. Heute ist Barnes & Noble am Ende. Geschlagen aber wurde das Imperium der Brüder Riggio, die 1965 in New York die ersten Bücher verkauften, nicht von den Davids der Branche, sondern vom Goliath Amazon.

Die neue Capital erscheint am 19. April
Die neue Capital erscheint am 19. April

Dessen Aufstieg geht einher mit dem Sterben des stationären Buchhandels. Borders, Crown Books, Bookland Stores, Encore Books, Tower Books – alles Namen, die sich niemand mehr merken muss. In vielen amerikanischen Innenstädten findet sich kein einziger Buchladen mehr. Wer Lesbares anfassen will, muss in die liberalen Hip-Stadtteile, wo es neben Biogemüse und Soja-Latte auch Richard Ford gibt – so wie bei Burke’s im neuerdings angesagten Cooper-Young-Viertel von Memphis.

So jedenfalls stellte sich mir die Lage dar, bis ich nach Wisconsin kam. Genauer gesagt ins Antiquariat Renaissance Books am Flughafen von Milwaukee. Der Mitchell International Airport ist so scheußlich wie alle seine amerikanischen Artgenossen: zu groß, zu viele Fast-Food-Restaurants. Doch mittendrin, dort, wo die Mieten eigentlich unerschwinglich sind, landet der Wartende in einem Secondhandparadies. Belletristik, Geschichte, Reise, Religion, Comics, Kunst, alles gebraucht, etwas unsortiert, gemütlich – eben so, wie ein Antiquariat sein muss.

Wilhelm Busch im Sortiment

„Wie können Sie in Zeiten von Amazon überleben?“, fragte ich den Mann hinter der Kasse, der jedes verkaufte Buch von Hand notierte („Wir wollen wissen, was unsere Kunden mögen“). Die Antwort gab der Rollkoffer-Businessreisende hinter mir: „Ein wunderbarer Laden!“

Er arbeite „erst 22 Jahre“ hier, erzählte mir dann der grauhaarige Verkäufer. Kaum hatte er meinen deutschen Akzent erkannt, geriet er ins Schwärmen: Er liebe die technischen Zeichnungen in deutschen Büchern, sagte er, bevor er mir den „Humoristischen Hausschatz“ von Wilhelm Busch in Altdeutsch zeigte, gefolgt von einem Bildband über Helmut Kohl.

Ich habe dann doch lieber ein amerikanisches Buch gekauft, eins von Richard Powers. Mir gefiel die Überschrift des ersten Kapitels: „Von fremden Ländern und Menschen“.

In Washington hat Amazon jetzt einen Buchladen eröffnet. Es ist bereits der 15. in den USA, der Netzriese ist damit zum viertgrößten stationären Buchhändler aufgerückt. Ich war noch nicht da.



Neueste Artikel