ExklusivRecycling von Plastikmüll kostet Millionen

Einwegprodukte wie Becher und Strohhalme sollen bald europaweit verboten sein
Einwegprodukte wie Becher und Strohhalme sollen bald europaweit verboten seinUnsplash

Die Bilder von zugemüllten Stränden und verendeten Walen, aus deren Gedärmen Abfallberge quellen, zeigen Wirkung. Von den 350 Millionen Tonnen Kunststoff, die jährlich produziert werden, landen große Mengen in den Weltmeeren, weil es in vielen Ländern keine entsprechende Entsorgung und Aufbereitung gibt.

Um das Übel an der Wurzel zu packen, hat das EU-Parlament am Mittwoch beschlossen, dass Einwegprodukte aus Plastik in der EU verboten werden. In etwa zwei Jahren sollen demnach keine Plastikteller, Strohhalme und ähnliche Produkte aus Kunststoff, für die es bessere Alternativen gibt, mehr erhältlich sein. Herwart Wilms, Geschäftsführer des größten deutschen Entsorgungsunternehmens Remondis hält den Vorstoß für kontraproduktiv: „95 Prozent der Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikabfall stammt aus zehn Flüssen in Asien und Afrika. Aus Deutschland kommt kein Gramm von diesen Kunststoffen in die Weltmeere.“ Gleichzeitig werde durch den Strohhalm-Bann Kunststoff als hocheffizientes Verpackungsmaterial diffamiert. Viele Alternativen wie Glas würden hingegen durch ein deutlich höheres Gewicht zu höherem Transportaufkommen und damit zu einer schlechteren Ökobilanz führen.

Bilder von verschmutzten Strände erhöhen den Druck auf Politik und Industrie, Plastik zu vermeiden und besser zu entsorgen

Der massive öffentliche Druck und schärfere Regulierung führt immerhin dazu, dass immer mehr Hersteller, Händler und Entsorger, sich um einen besseren Umgang mit Kunststoff bemühen wollen. Auch Remondis investiert dafür in diesem Jahr 300 Mio. Euro: Die geplante Übernahme des Dualen Systems Deutschlands (Grüner Punkt), dem bekanntesten Kunststoffsammelsystem, wird rund 150 Mio. Euro kosten. „Zusätzlich geben wir etwa die gleiche Summe für den Bau neuer Recyclinganlagen aus, in denen Kunststoff aus der gelben Tonne aufbereitet wird“, kündigt Remondis-Geschäftsführer Wilms im Capital-Interview an.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland längst ein mustergültiges Sammelsystem vor jeder Haustür. Dort stehen neben grauen, blauen und braunen Tonnen seit rund 30 Jahren auch gelbe Container oder Säcke. Und die Deutschen sind Meister darin, Joghurtbecher, Papier, Gemüseschalen und Weinflaschen vom restlichen Müll zu trennen. Die gelben Tonnen sind voll. Doch die anschließende Verwertung des Kunststoffmülls ist nicht sonderlich ambitioniert: Fast zwei Drittel der Plastikberge wurden bislang einfach nur in Müllverbrennungsanlagen verfeuert – und dabei bestenfalls in Strom oder Wärme umgewandelt.

Rein rechtlich hat das gereicht: Bis Ende vergangenen Jahres mussten laut Verpackungsverordnung nur 36 Prozent des Inhalts aus der gelben Tonne wiederverwertet werden. Daraus sind etwa Parkbänke produziert oder Transportpaletten gepresst worden. Dabei blieb es dann auch, da das Sortieren, Reinigen und Aufarbeiten aufwendig und teuer ist. Außerdem hält sich die Nachfrage nach solchen recycelten Produkten oder Materialien in Grenzen. „Ja, die gesetzlich vorgeschriebene Recyclingquote war zu niedrig“, räumt Remondis-Manager Wilms ein. Es gab bislang für die Industrie schlicht keinen Anreiz, mehr zu machen und innovativere Lösungen zu finden.

Druck durch höhere Recyclingquote

Das muss offenbar durch strengere Vorgaben forciert werden: Seit Anfang 2019 müssen Kunststoffe zu 58,5 Prozent recycelt werden, ab 2022 steigt die Quote auf 63 Prozent. „Das Ziel ist extrem ehrgeizig, aber wir glauben das wir das können“, so Wilms. „Wir brauchen diesen gesetzlichen Zwang, weil es ein Markt ist, der sich sonst nicht rechnet.“ Eine neue Kontrollbehörde soll zudem darüber wachen, dass sich künftig wirklich alle Hersteller und Händler an den Kosten für Entsorgung und Recycling beteiligen. Für große Handelsketten summieren sich die Lizenzgebühren für das duale System bereits jetzt auf hohe zweistellige Millionenbeträge, Tendenz steigend.

Das Geschäft nimmt die Schwarz-Gruppe, zu der die Supermarktketten Lidl und Kaufland gehören, nun selbst in die Hand: Das Unternehmen hat vor einigen Monaten eine Entsorgungsfirma übernommen, investiert in Sortieranlagen und baut so ein eigenes duales System auf. Damit kommt Bewegung in den bislang eher trägen Markt, den sich acht Firmen teilen. Der Kölner Lizenzdienstleister Recycling Kontor Dual hat das Geschäft zu Ende März eingestellt und begründete das auch mit dem zunehmend harten Wettbewerbskampf gegen mächtige Anbieter wie die Schwarz-Gruppe und Remondis.