FinanzevolutionPlattformoffensive bei der Unternehmensfinanzierung

Bei der Unternehmensfinanzierung bekommen die Banken von Plattformen Konkurrenz
Bei der Unternehmensfinanzierung bekommen die Banken von Plattformen Konkurrenzdpa

Nach eine Studie der Unternehmensberatung Accenture konzentrieren sich Unternehmen beim Innovationsmanagement eher darauf, bestehende Produkte und Services effizienter zu gestalten, als neue Geschäftsfelder zu erschließen. Sie würden damit zwar auf kurzfristige Kunden- und Markterwartungen reagieren, jedoch den langfristigen Erfolg aus dem Blick verlieren. Das klingt wie eine Ausprägung des „Innovator’s Dilemma“. Dahinter steckt die These des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Clay Christensen, wonach etablierte und erfolgreiche Firmen oft disruptive Technologien unterschätzen und dadurch mittelfristig Wettbewerbsnachteile erleiden (siehe dazu auch Banken im „Innovator’s Dilemma“).

Ein Geschäftsfeld, das die Bankenindustrie mit Sicherheit nicht gern preisgeben wird ist das Finanzierungsgeschäft. Nach aktuellen Daten zur Kreditnachfrage brauchen sich Banken zumindest vordergründig keine Sorgen machen. Laut Kreditnehmerstatistik der Bundesbank stieg das Gesamtvolumen der Kredite an Unternehmen im ersten Quartal 2019 erneut an. Schaut man aber wie deutsche Unternehmen mittlerweile insgesamt ihr Kapital beschaffen, dann nimmt die Bedeutung der Bankenfinanzierungen weiter ab. Das lässt sich ablesen an der jährlichen Berichterstattung der Bundesbank über die Finanzierungsverhältnisse deutscher Unternehmen. Danach ist das Volumen der Fremdfinanzierung zwar gewachsen (um 51 Prozent), jedoch unterdurchschnittlich im Vergleich zum Kapitalwachstum (+91 Prozent). Im gleichen Zeitraum haben die Unternehmen deutlich stärker ihr Eigenkapital erhöht (+127 Prozent). Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts betrug der Anteil der kurz- und langfristigen Bankenfinanzierung laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft über 20 Prozent des Kapitals. Bereits 2007, also noch vor der heißen Phase der Finanzkrise, war der Anteil auf 13,45 Prozent zurückgegangen. Bis 2017 reduzierte sich der Anteil auf 10,7 Prozent.

Am stärksten finanzieren sich Firmen übrigens über verbundene Unternehmen. Diese Verflechtungsverbindlichkeiten sind seit 2007 um 134 Prozent gestiegen. Nach Bewertung der Bundesbank stehe diese dies im Zusammenhang „mit realwirtschaftlichen Trendfaktoren, wie dem Aufbau arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse und der zunehmenden Internationalisierung der deutschen Wirtschaft), sowie der Einschaltung von konzerneigenen Finanzierungsgesellschaften für Mittelaufnahmen an den internationalen Finanzmärkten“.

Der klassische Bankkredit ist nicht mehr so gefragt

Die Erkenntnis, dass für Unternehmen der Bankkredit eine immer geringere Rolle spielt, ist nicht neu. Die Konkurrenz für den Bankkredit wird nicht nur im Privatkundenbereich deutlich, sondern mittlerweile auch im höhervolumigen Firmenkundengeschäft. Bereits im vergangenen Jahr mahnte die Unternehmensberatung PWC an, Banken müssten einen Gang hochschalten, wenn sie den Wettbewerb im Firmenkundengeschäft meistern wollen. Schleppende Kreditvergaben und müder Service lassen viele Mittelständler nach Alternativen suchen, schrieb die Wirtschaftswoche schon 2017. Friedrich Hubel, Geschäftsführer Deutschland der Finanzierungsplattform Lendico, stellt im Fachblog Payment and Banking fest, dass die Digitalisierung mittlerweile auch zu einer veränderten Erwartungshaltung der Firmenkunden führe.

Während moderne Instrumente wie die blockchainbasierten Security Token Offerings noch Zeit bis zur Massentauglichkeit benötigen, verändert sich sichtbar das Angebot für traditionelle Finanzierungsmittel. So sind in den letzten Jahren eine Reihe von Spezialdienstleistern in den Markt getreten, die entweder gemeinsam mit Banken oder am Bankensektor vorbei das klassische Geschäft für hochvolumige Finanzierungen modernisieren. Der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt hier in Plattformen für die digitalisierte Geschäftsanbahnung und Begebung und Abwicklung von Anleihen, Schuldscheinen und Krediten, also sehr traditionellen Finanzierungsinstrumenten.

Unter Plattformen wird eine technische Infrastruktur verstanden, auf der Angebot und Nachfrage durch eine dreiseitige Plattformstruktur abgelöst werden. Die Plattformbetreiber vermitteln dabei nicht nur als zentrale Instanz zwischen den Marktteilnehmern, sondern greifen auch direkt in deren Interaktion ein. Ein beliebtes Beispiel aus der digitalen Welt ist der Vermittler für privaten Wohnraum Airbnb. Aus der klassischen Welt ist dies aber auch ein Wochenmarkt oder eine organisierte Wertpapierbörse. Auch hier werden unter Vorgabe bestimmter Rahmenbedingungen Anbieter und Nachfrager durch einen Marktorganisator zusammengeführt. Die modernen Plattformanbieter entwickeln also nicht unbedingt neue Produkte, sondern organisieren Transaktionen über Produkte und Dienstleistungen zwischen verschiedenen Partnern (siehe vertiefend, Capital Baukasten-Banken: von Ökosystemen und Plattformen) und realisieren dies mit Hilfe moderner Digitaltechnologie.

So können etwa auf der Plattform des Berliner Start-ups Crosslend Banken Kredite verbriefen und diese als Wertpapiere an Investoren veräußern. Diese Möglichkeit nutzt z.B. das börsennotierte Finanzierungs-Fintech Creditshelf für Mittelstandskredite. Crosslend kauft dazu über die Creditshelf-Plattform  Kreditforderungen an, verbrieft diese und bietet dann die verbrieften Kreditforderungen qualifizierten Anlegern über ihre eigenen Kanäle als ein neues Produkt an.