FinanzevolutionBaukasten-Banken: von Ökosystemen und Plattformen

Bastelstunde: das Girokonto bei der Deutschen Bank, den Hauskredit bei der Sparkasse und die Kreditkarte vielleicht über Apple – und das alles in einer App? Möglich ist künftig alles, Capital hat schon mal ein paar neue Banklogos entworfen
Bastelstunde: das Girokonto bei der Deutschen Bank, den Hauskredit bei der Sparkasse und die Kreditkarte vielleicht über Apple – und das alles in einer App? Möglich ist künftig alles, Capital hat schon mal ein paar neue Banklogos entworfen

Die Managementforschung  spült kontinuierlich neue Modewellen mit Managementtheorien und -philosophien in die Wirtschaftspraxis. Narrative wie Business Reengineering, Total Quality Management oder Lean wollen dem Management bei der Ausrichtung von Unternehmen helfen. Sie kommen tosend für einige Jahre an das Ufer der Unternehmen und ziehen dann leise wieder ab, wie das vom Strand ablaufende Wasser nach einer Welle.

Schaut man sich die Flut von Konzepten und Ratgebern an, müssten eigentlich gerade große Unternehmen immer in der Erfolgsspur bleiben. Erfahrene Praktiker wissen, dass dem nicht so ist und die meisten Konzepte eher einem plausiblen Storytelling dienen. Der Berater und Blogger Ralf Keuper weist in einem Blogeintrag darauf hin, dass die Digitalisierung Milliardenkonzerne aus dem Nichts ganz ohne Managementkonzept hat entstehen lassen: „Deren Gründer kamen ohne den Rat von McKinsey & Co. aus. Hätten sie deren Standardvorgehen übernommen, sie wären wohl nie an den Start gegangen.“

Neue Narrative aus der digitalen Wirtschaft

Das hält nun umgekehrt viele Fachleute nicht davon ab, das Verhalten von Google, Facebook, Amazon und Co. quasi ex-post zu interpretieren und in eine passende Schablone für neue Konzepte zu pressen. Die Erfolgsgeschichten der digitalen Wirtschaft werden mit neuen Narrativen verallgemeinert und Unternehmen mit Schlagworten wie Digitalisierung, Industrie 4.0 und den damit verbundenen Fachtermini und Technologien wie Internet of Things (IoT), Blockchain und maschinelle Intelligenz angepriesen.

Als Fundament dienen Konzepte wie „digitale Ökosysteme“ und im Speziellen die „Plattformökonomie“. So glaubt etwa die Unternehmensberatung TME, dass eine erfolgreiche Wettbewerbsstrategie künftig digitale Ökosysteme erforderlich machen werde. Die Beratungsgesellschaft Accenture meint, dass Banken endlich in die Plattformökonomie eintreten sollten. Die Finanzfachleute David Brear und Pascal Bouvier sehen, dass sich die Art, wie Finanzdienstleistungen bereitgestellt werden, verändere und „Banking as a Platform (BaaP)“ eine der neuen Alternativen sein könne.

Vom Ökosystem zur Plattform

Die Begriffe Ökosysteme und Plattformökonomie werden nicht immer trennscharf verwendet. Dirk Neuhaus, Professor für Informationssysteme, schrieb in der Börsen-Zeitung, dass sich digitale Ökosysteme hinsichtlich Struktur und Funktionsweise an biologischen Systemen orientieren.

„Es sind technisch abgegrenzte Systeme, die Organisationen und deren digitale Services über Hardware, Software, und Plattformen miteinander vernetzen. Ein bekanntes digitales Ökosystem ist zum Beispiel das Apple-Ökosystem bestehend aus iPod, iPhone, iPad, Mac Desktop, MacBooks, Peripheriegeräten, iCloud, iTunes etc. Finanzdienstleistungsunternehmen.“

Danach können auch die Dienstleistungen aus dem Universum von Amazon als digitales Ökosystem bezeichnen. Aber ebenso passt dies auf die digitalen Angebote von Sparkassen und Volksbanken mit ihren jeweils umfangreichen Produktuniversen.

Während der von  des letzten Jahrhunderts in die Managementliteratur eingeführte Ökosystem-Begriff relativ unscharf ist, ist der Plattform-Ansatz zwar konkreter, wird aber uneinheitlich verwendet. In akademischer Reinform (etwa nach einer Studie der Universität Kassel) werden unter Plattformen zweiseitige Märkte verstanden, auf denen Angebot und Nachfrage beziehungsweise Auftraggeber und Auftragnehmer durch eine dreiseitige Plattformstruktur abgelöst werden. Die Plattformbetreiber vermitteln dabei nicht nur als zentrale Instanz zwischen den Marktteilnehmern, sondern greifen auch direkt in deren Interaktion ein. Beliebte Beispiele aus der digitalen Welt sind Airbnb, ein Vermittler für privaten Wohnraum, oder Uber, ein Vermittler von Privatfahrten mit dem Pkw. In der klassischen Welt gibt es aber auch den Wochenmarkt in Bielefeld Senne oder eine Wertpapierbörse. Auch hier werden unter Vorgabe bestimmter Rahmenbedingungen Anbieter und Nachfrager durch einen Organisator zusammengeführt.

Plattformanbieter im oben genannten engeren Sinne entwickeln also keine neuen Produkte, sondern organisieren Transaktionen über Produkte und Dienstleistungen zwischen verschiedenen Partnern. In der Finanzpraxis sehen wir bei den als Plattform gekennzeichneten Services eine Mischung von Eigen- und Fremddienstleistungen, die unter zentralen Vorgaben angeboten werden (Plattformen im weiteren Sinne).